Mönchhof - Dachböden, auf denen sich allerhand mit dicker Staubschicht überzogene Kisten und Kartons stapeln? Die meisten stöhnen schon beim Gedanken an das Gerümpel. Nicht so Josef Haubenwallner. Für ihn ist es das Höchste, sich durch die Vergangenheit zu wühlen. „Schon als Kind hab’ ich gern gestöbert und gesammelt“, erzählt der 71-Jährige, den seine Freunde Pepo nennen.
Herrgottswinkel, Stickbilder, Milchkannen, Waschschüsseln, Schulbänke, Zapfsäulen, Mistgabeln, Kutschen – seine Augen leuchten, wenn er von all den Schätzen berichtet, auf die er immer wieder stößt.
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Dank seiner Leidenschaft ist hier in Mönchhof am Neusiedler See inzwischen ein ganzes Dorf entstanden. In Eigenregie, mit viel Willenskraft und einer Handvoll Helfer hat Haubenwallner in gut 30 Jahren seine einst kleine Privatsammlung zu einem großen Freilichtmuseum ausgebaut. Und so ein Stück Vergangenheit des Burgenlandes bewahrt, des trotz seiner nun 100 Jahre jüngsten Bundeslandes in Österreich.
Herzensangelegenheit: Das Erbe zu retten
In den 70ern hätten die Leute im Heideboden, dem „Hoadbodn“, wie Haubenwallner den am östlichen Seeufer gelegenen Landstrich bezeichnet, ihre Häuser modernisiert: „Altes wurde abgerissen und durch Gesichtsloses ersetzt.“ Dem Maurer und Steinmetz blutete das Herz: „Unser Erbe zu retten, war und ist mir eine Herzensangelegenheit.“
Also zerlegte er die alten Gebäude, transportierte sie samt Einrichtung nach Mönchhof und setzte sie auf dem Grundstück hinter seinem Haus wieder zusammen. Alles auf eigene Kosten.
So mancher Besitzer war froh, dass er „das Glump“ abgeben konnte. „Einige haben mich aber als Spinner bezeichnet“, sagt Haubenwallner und lacht. Wer sammelt schon alles, was ihm in die Hände fällt? Auch die Behörden hatten anfangs wenig Verständnis für sein Projekt. Nur von seiner Frau, „der Christl“, bekam und bekommt er bis heute volle Unterstützung. Obwohl er „jede freie Minute“ in sein Hobby investiert.
50 000 Besucher im Jahr
Inzwischen jedoch gibt es nicht nur von den gut 50 000 Besuchern pro Jahr Anerkennung, sondern auch von staatlicher und wissenschaftlicher Seite. Zudem schauen immer wieder Filmteams vorbei, um vor historisch-dörflicher Kulisse zu drehen.
„Die Belohnung für all die Arbeit ist aber, wenn die Besucher zufrieden sind“, sagt Haubenwallner und blickt sich nicht ohne Stolz um: Ein Kurzwarenladen, ein Teich, eine Schusterwerkstatt, der Friseur, ein Weinkeller samt Fassbinderei, ein Uhrmacher, die Schule, das Kino, die Tankstelle – mehr als 40 Gebäude sind zu besichtigen, samt Zollhäuschen mit Originalbalken von der österreichisch-ungarischen Grenze und einem Trabant, den ein DDR-Flüchtling zurückgelassen hat. „Das Auto ist noch fahrtüchtig“, betont Haubenwallner.
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Nicht zu vergessen ist das Dorfgasthaus, in dem Haubenwallner gern mal Pause macht und den Besuchern von früher berichtet – einer Zeit, die er nicht verklärt. Er will zeigen, „wia’s domols wiakli woar“. Wie hart das Leben gewesen ist, zeigt etwa ein Blick in den Stall, wo die Knechte neben dem Vieh auf Heusäcken nächtigten. Den Kontrast bildet ein Herrenhaus, in dem eine üppige Hochzeitstafel zu sehen ist.
Eintauchen in die Vergangenheit
Die Besucher gehen hier auf Zeitreise: Sie tauchen ein in die Vergangenheit, haben das Gefühl, das Wohnzimmer der Oma zu betreten, entdecken so manches, was sie aus der Kindheit kennen. „Wir sind begeistert“, sagt Angela Deppe aus Berlin, die mit ihrem Mann schon oft zu Besuch war. Langweilig werde das nicht, das Dorf wachse jedes Jahr weiter.
Und tatsächlich gibt es so viel zu entdecken, dass ein Tag kaum reicht. „Wo ist denn die Druckerei, von der Sie letztes Mal gesprochen haben?“, fragt Deppe. „In Neusiedl“, antwortet der Museumsgründer, „ich verhandle noch mit der Gemeinde.“
Kein Dorf ohne Kirche
Verhandeln musste Haubenwallner auch, als er seine Kirche plante. Da es keine zum Abtragen gab, baute er mit St. Josef kurzerhand eine eigene. Denn: „Kein Dorf ohne Kirche.“ Dass der Turm nur 20 Meter hoch sein durfte, ärgert ihn bis heute ein bisschen. Stattdessen fügte er dann eben eine Krypta hinzu. Dort stellt er unter anderem sein erstes Sammelobjekt aus: einen kleinen Engel, den er als Bub von einem Dachboden geholt hat.
Auch Papst Benedikt ist präsent
Selbst der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist im Dorfmuseum präsent. Durch einen Tunnel geht es auf die andere Straßenseite, wo Haubenwallner erweitert hat. Dort steht eine Baracke des Reichsarbeitsdienstes, in den Josef Ratzinger einst eingezogen wurde.
Bis vor Kurzem diente sie einem lokalen Fußballverein als Umkleide. Haubenwallner zeichnet dort jetzt ein Stück nationalsozialistischer Geschichte im Burgenland nach.
Ist sein Werk nun vollendet? Nicht doch! Für 2022 hat Haubenwallner schon viele Ideen. So plant er Werkstätten, wo er Kurse anbieten möchte. Interessierte können bei ihm etwa lernen, wie man Mörtel anrührt – und irgendwann vielleicht selbst Dörfer baut.
Info
Anreise
Mit dem Zug über Salzburg nach Wien, von dort weiter mit dem Zug oder Mietwagen nach Mönchhof: www.oebb.at.
Dorfmuseum
Geöffnet ist das Museum noch bis zum 14. November. Dann wieder ab 1. April. Eintritt: 10 Euro, Kinder (ab 6) zahlen 5 Euro. Das neueste Projekt ist eine Außenstelle gleich gegenüber: das Bahnhofmuseum. Weitere Informationen gibt es unter www.dorfmuseum.at.
Allgemeine Informationen
www.burgenland.info