Der Registan in Samarkand ist die usbekische Antwort auf den Petersplatz in Rom. Foto: Volker Renner
Bauwerke wie aus 1001 Nacht, tiefblaue Bergseen, quirlige Märkte und Städte mit postsozialistischem Charme – wer auf den Spuren der Karawanen durch Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan reist, erlebt Märchenhaftes.
Die Seidenstraße war einst der wichtigste Handelsweg zwischen Europa und China. Heute werden Waren auf dem Seeweg oder per Luftfracht transportiert. Dafür ist die legendäre Route jetzt für Touristen interessant. Der Berliner Veranstalter Lernidee Erlebnisreisen hat einen Sonderzug gechartert, der auf der Seidenstraße durch Zentralasien pendelt. Wir stellen Höhepunkte entlang der Strecke vor.
Sozialistischer Sowjetcharme am Bahnhof von Samarkand Foto: Hamann
Pracht und Gelehrsamkeit in Samarkand
Blumen, Streifen, Linien, Rauten, Sterne. Eine Flut von Ornamenten in Türkis, Blau, Goldgelb. Gemauerte Glaubensbekenntnisse. Ein Traum wie aus 1001 Nacht. Drei riesige Koranschulen mit gewaltigen Portalen, mächtigen Minaretten und prächtigen Kuppeln, U-förmig angeordnet. Auch wer mit Religion überhaupt nichts am Hut hat, ist ergriffen von der Schönheit des Registan in Samarkand.
An der usbekischen Variante des römischen Petersplatzes wird der muslimische Glaube schon lange nicht mehr gelehrt, stattdessen sind Handwerker eingezogen. Kalligrafen bieten ihre Dienste an, malen mit angespitzten Bambusrohren schwarze Tinte auf Ziegenhäute. Man kann bunte Gewänder kaufen, süßen Tee trinken, den Restauratoren bei der Arbeit zusehen.
Die Arbeit geht Normuhammad Ischankulov nie aus. Der Rentner ersetzt Kacheln am Registan Foto: Hamann
Normuhammad Ischankulov (70) ist eigentlich Rentner, doch er arbeitet immer noch täglich am Registan, seit 53 Jahren. Ein Meister seines Fachs. Ischankulov hat Denkmalpflege studiert und ersetzt herausgefallene Kacheln. Eine niemals endende Aufgabe. Ist man hinten fertig, kann man vorne wieder anfangen.
„Ich habe viel Zeit und viel Geduld, diese Arbeit kann man nicht schnell erledigen“, sagt der Usbeke. Woher die Besucher kommen? Ah, Deutschland. „Ich habe meinen Militärdienst für die Sowjetunion in Dresden geleistet“, erzählt er stolz. Er war als Panzerfahrer in der DDR stationiert. Lange her.
Geheimtipp in den Bergen von Tadschikistan: die Sieben Seen. Foto: imago/Zmathesx
Sieben Seen in den Bergen bei Pandschakent
Der große Reisebus fährt eine Stunde aus Samarkand Richtung Südosten bis vor einen Schlagbaum. Dann heißt es: alle aussteigen und ein paar Hundert Meter laufen. Unterwegs Schlange stehen, warten, Kontrolle, wieder anstellen, wieder Kontrolle. Der Grenzübertritt von Usbekistan nach Tadschikistan erinnert an den Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin.
Zu Fuß auf der anderen Seite angekommen, stehen kleine Busse bereit. Mit ihnen geht es über absurd schmale Schotterstraßen ins Fan-Gebirge hinter Pandschakent. Der Staub wirbelt zu einer undurchdringlichen Wolke auf, man sieht die Hand kaum mehr vor den Augen.
Die zwischen Russland, China und dem Kaspischen Meer eingeklemmten ehemaligen Sowjetrepubliken fühlen sich zwar brüderlich verbunden, schotten sich aber dennoch gerne ab. Es gibt richtige Grenzen. Foto: Hamann
Der Fahrer steuert das Fahrzeug souverän bergwärts, umkurvt elegant entgegenkommende Esel, über und über mit Brennholz beladen. Nach zwei Stunden Ruckelpiste die Offenbarung: sieben türkisblaue Flecken, versteckt im Nirgendwo zwischen bis zu 5000 Meter hohen Bergen. Die Marguzor-Seen sind eine traumhafte Wanderkulisse. Für einen kurzen Spaziergang bleibt Zeit. „Einsteigen, bitte“, ruft Reiseleiter Navruz Sharaly, „wir müssen zurück nach Usbekistan.“ Die Grenze wartet.
Foto mit Timur: Hochzeitspaare in der kasachischen Stadt Türkestan Foto: Hamann
Geburtsort des Helden in Shahrisabz
Reisen in einer Karawane war kein Spaß. Auf dem langen, gefährlichen Weg durch Wüsten, Steppen und Gebirge konnten die Händler nicht nur verunglücken, sondern auch überfallen werden. Daher schätzten sie den Schutz im Herrschaftsbereich von Timur. Der legendäre Herrscher wurde 1336 im usbekischen Shahrisabz geboren, das damals noch Kesch hieß. In mehreren Feldzügen gelang es ihm, ein riesiges Reich aufzubauen – unter anderem unterwarf er Armenien und Georgien, eroberte Bagdad und Damaskus. Timur erkannte, dass sich mit den Kamel-Speditionen gutes Geld verdienen ließ: Die Handelsreisenden mussten irgendwo unterwegs essen, schlafen und ihre Lastentiere füttern.
Najafali Burkhanov begleitet als Fremdenführer den „Orient Silk Road Express“. Foto: Hamann
„Pro Tag konnte man etwa 30 Kilometer zurücklegen. Genau in diesem Abstand entstanden spezielle Herbergen, die Karawansereien“, erzählt Fremdenführer Najafali Burkhanov (39). In seiner Geburtsstadt erinnert ein großes Denkmal an den Nationalhelden und Begründer des Geschlechts der Timuriden. Brautpaare lassen sich hier gerne fotografieren.
Das Grabmal des Mystikers Hodzha Achmed Jassawi blieb unvollendet. Foto: Hamann
Kleine Wallfahrt nach Türkistan
Hodzha Achmed Jassawi war ein Prophet, Poet und Mystiker. Er wurde im Jahr 1093 geboren und machte dem einfachen Volk den Koran zugänglich, indem er ihn in einfacher Sprache lehrte. Nach seinem Tod wurde im kasachischen Ort Türkistan eine Grabstätte errichtet, die mehrmals von den Mongolen geplündert wurde. 1394 kam der usbekische Herrscher Timur in die Stadt und befahl, zu Ehren des Heiligen einen prächtigen Bau zu errichten. „Doch leider starb Timur vor Abschluss der Bauarbeiten, und so blieb die Grabmoschee unvollendet“, erzählt Nurzhan Ainabekov (36).
Nurzhan Ainabekov arbeitet als Fremdenführer in der kasachischen Stadt Türkistan. Foto: Hamann
Dennoch ist das Gebäude gut besucht. „Hier gibt es den Glauben, dass man erst zum heiligen Hodzha wallfahrten soll und dann nach Mekka“, erklärt der Guide. Man stelle sich vor: Sie wären fertig geworden. Dann könnte Türkistan der orientalischen Pracht Samarkands Konkurrenz machen.
Essbare Steine auf dem Osch-Basar in Bischkek. Foto: Hamann
Essbare Steine in Bischkek
Auf dem Osch-Basar in Bischkek, Kirgisistans Hauptstadt, gibt es alles zu kaufen, was man sich vorstellen kann. Und auch Zeugs, das man sich bisher nicht vorstellen konnte. Essbare Steine zum Beispiel. „Man isst das, um den Körper mit Mineralstoffen zu versorgen“, sagt Baktygul Ssulaimanowa (46) und reicht einen Brocken zum Probieren. Um die Zähne muss sich niemand sorgen.
Baktygul Ssulaimanowa kennt sich in Kirgisistan aus. Foto: Hamann
Die Steine sind bei genauerem Hinsehen grob gebrochene Lehmstücke, von denen sich ohne Probleme abbeißen lässt. Säckeweise werden die Brocken feilgeboten. Es gibt verschiedene Sorten: aus Astana, aus Usbekistan, aus Xinjiang. In Kirgisistan sparen sich die Menschen so künstliche Nahrungsergänzungsmittel aus dem Supermarkt und lutschen stattdessen Lehm, wenn ihnen Kalzium fehlt.
Beim Ziegenpolo wird mit einer toten Ziege als „Ball“ gespielt. Foto: Hamann
Ziegenpolo am Issykköl-See
Ein Sport für Hartgesottene: Die Reiter in den bunten Trikots preschen auf ein am Boden liegendes Fellbündel zu, hängen sich bei vollem Galopp aus dem Sattel nach unten, um die kopf- und beinlose tote Ziege rasch zu ergreifen. Dann ab damit zum gegnerischen Tor, einer Rundmauer aus Lehm mit knapp drei Meter Durchmesser. Bei Kok-Boru, Kirgisistans Antwort auf Fußball, besteht eine Mannschaft aus mindestens vier Spielern, eine Halbzeit dauert 20 Minuten.
Aida Altymyshova erklärt den etwas gewöhnungsbedürftigen kirgisischen Nationalsport. Foto: Hamann
„Ziegenpolo, oder auch Ziegenziehen genannt, kommt aus der nomadischen Tradition und ist noch immer sehr beliebt. Es gibt sogar richtige Wettbewerbe“, sagt Aida Altymyshova (36) am Spielfeldrand auf einer Hochebene nahe dem Yssykköl-See. 2017 wurde das Reiterspiel von der Unesco in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Welt aufgenommen. Am Ende gewinnt Team Orange mit 5:2 gegen Team Türkis.
Das Medeo-Eisstadion liegt auf 1701 Metern Höhe. Foto: www.imago-images.de/IMAGO/xkiwisoulx
Heiß auf Eis in Almaty
Die Hauptsehenswürdigkeit von Almaty befindet sich 16 Kilometer außerhalb der kasachischen Stadt, umgeben von den 4500 Meter hohen Gipfeln des Hochgebirges Transili-Alatau. Ein Stadion? „Nicht irgendein Stadion. Medeo ist das berühmteste Eisstadion der Welt. Zu Sowjetzeiten wurden hier über 100 Weltrekorde im Eisschnelllauf aufgestellt“, sagt Mustafa Kanapia (69). Grund dafür ist zum einen die Höhe von 1701 Metern über dem Meer, zum anderen das Kunsteis aus weichem, salzarmem Wasser mit seiner besonders gleitfreundlichen Oberflächenstruktur. Ins Medeo rein kommt man leider nicht. Die Arena hat noch geschlossen, der Winter kommt erst.
Mustafa Kanapia ist Guide in Almaty. Foto: Hamann
Ins Medeo rein kommt man leider nicht. Die Arena hat noch geschlossen, der Winter kommt erst. Trotzdem sind ganze Heerscharen von Menschen hierher gepilgert, um spazieren zu gehen oder einen Kaffee zu trinken.