Früher waren es einfach „die Nordgebiete“, seit 2009 heißt die Provinz Gilgit-Baltistan. In diesem Namen stecken neben der Hauptstadt Gilgit am gleichnamigen Fluss auch das Bergvolk der Balti. Manche von ihnen bauen Getreide und Obst an, andere arbeiten als Lastenträger für Bergexpeditionen, wieder andere sind als Nomaden unterwegs bis hinauf ins indische Ladakh. Ihre Sprache – ebenfalls Balti genannt – gehört zur tibetanischen Sprachfamilie und zählt neben Urdu, Shina und Burushaski zu den Hauptsprachen Baltistans. Insgesamt leben rund 1,3 Millionen Menschen in der Region, die größten Städte sind neben Gilgit noch Skardu, Chilas, Aliabad und Gahkuch.
Vorbild für den mystischen Ort Shangri-La
Weder reisen nach noch reisen in Baltistan hat irgendwas mit sorgenfreier Pauschalreise zu tun: Abgesehen vom schwelenden Kaschmir-Konflikt gilt die Gegend als Rückzugsort für Terroristen. Durch die hohen Berge führen nur wenige, oft mäßig befestigte Straßen. Abgelegene Täler wie das der Hunza, das dem britischen Schriftsteller James Hilton als Vorbild für den mystischen Ort Shangri-La gedient haben soll, blieben bis Mitte des vorigen Jahrhunderts abgeschottet – und damit verschont von jeglicher sogenannter Zivilisation.
Schwierige Nachbarschaft
Die Nachbarschaft kann man sich nicht aussuchen, aber wenn, würde man vielleicht nicht gerade eine nehmen, die seit Jahrzehnten Glaubenskriege um Religion und Ressourcen führt und auch noch Atomwaffen im Keller hat: An Gilgit-Baltistan grenzen Pakistan, Afghanistan, China und Indien. Offiziell ist das Gebiet im hohen Norden ein pakistanisches Sonderterritorium in der Region Kaschmir. Um das einstige Königreich streiten sich China, Indien und Pakistan seit 1947, als Britisch-Indien in die Staaten Indien und Pakistan aufgeteilt wurde. Nach mehreren Kriegen gilt in Kaschmir seit 1999 wieder eine Waffenstillstandslinie von 1972. Doch der Konflikt flackert immer wieder auf.
Fünf Achttausender thronen hier
14 Achttausender zählt die Erde, allein fünf davon thronen in Gilgit-Baltistan: Der mit 8611 Metern zweithöchste Berg der Welt, der K2, die Gasherbrum-Gruppe mit Hidden Peak (8080 Meter), Broad Peak (8051 Meter) und Gasherbrum II (8034 Meter) sowie der Nanga Parbat (8125 Meter). Letzterer zählt schon zum Himalaja, die anderen werden dem Karakorum zugeordnet. Auch die übrigen Achttausender der Welt – darunter der Mount Everest (8848 Meter) als allerhöchster – liegen in diesen Gebirgen. Beide sind ein Resultat des Zusammenstoßes der indischen mit der eurasischen Kontinentalplatte vor etwa 40 Millionen Jahren.
Eine der gefährlichsten Straßen der Welt
Mitten durch Baltistan führt der Karakorum Highway, eine der gefährlichsten Straßen der Welt. Die kurvenreiche Strecke über bis zu 4693 Meter hohe Pässe ist steil, staubig und teilweise ungesichert. Bergrutsche und Gerölllawinen sind an der Tagesordnung und eine Bus- oder Taxifahrt fällt in die Kategorie Überlebenstraining. Selbst dem Teil, den die Chinesen zwischenzeitlich als mehrspurige Transportstrecke für den Handel ausbauten, hat die Witterung schon wieder arg zugesetzt. Für Abenteuerlustige gibt’s außerdem hölzerne Hängebrücken hoch über tosenden Flüssen.
Märchenwiese mit Blick auf den Nanga Parbat
Es ist das pure Bergidyll: eine Alm voller Wildblumen, umgeben von dunklem Nadelwald mit Aussicht auf die mächtigen Felswände des Nanga Parbat und den Raikot-Gletscher zu seinen Füßen. Hier auf mehr als 3000 Meter Höhe starten Bergsteiger ihre Expeditionen zu den Gipfeln. Der Name des Ortes, Fairy Meadows – „Märchenwiese“ –, soll auf den Erstbesteiger des Nanga Parbat, den Österreicher Hermann Buhl, zurückgehen.
Extrem steile Hänge mit Lawinen und Steinschlag brachten dem Nanga Parbat seinen Ruf als „Killer-Mountain“ ein. Die Liste der Toten am Berg ist lang, ebenso die der vergeblichen Besteigungsversuche. Diese begannen in den 1930er Jahren, und vor allem Deutsche und Österreicher bemühten sich, den Berg zu bezwingen. Weil sie alle teils dramatisch scheiterten, galt der neunthöchste Berg der Erde dann auch als „Schicksalsberg der Deutschen“. Bis 1953 der Tiroler Hermann Buhl aus seinem (deutschen) Expeditionsteam ausbüxte und im Alleingang den Gipfel stürmte. Er überlebte die Nacht am Berg ohne Biwak und Verpflegung. Reinhold Messners Bruder Günther dagegen kam von seiner Solotour am Nanga Parbat 1970 nicht mehr zurück.
Terror im Bergparadies
Lange galt Baltistan als Bergparadies. Extrembergsteiger und Normalwanderer bescherten den örtlichen Hotels, Lodges und Trekkingagenturen ein Auskommen, Diplomaten aus Indien suchten hier im Sommer Abkühlung. Nach einem Taliban-Angriff 2012, bei dem zehn Bergsteiger und ihr Koch getötet wurden, brach der Tourismus komplett zusammen. Mit Polizeipräsenz vor Ort und Auftritten auf der Tourismusmesse ITB versucht man, Gäste zurückzugewinnen.