Reise nach British Columbia Wellen, Wale, Wälder

Von Christiane Neubauer 

Canada ist ein beliebtes Fernziel für Wohnmobilisten. In den fahrenden vier Wänden kann man einzelne Regionen gut erkunden – zum Beispiel die Gegend um Vancouver in British Columbia.

Die Gezeitenstromschnelle Skookumchuck ist die beliebteste Attraktion an der kanadischen Sunshine Coast und zieht Wildwasser-Kanuten aus aller Welt an. Foto: Neubauer Foto:  
Die Gezeitenstromschnelle Skookumchuck ist die beliebteste Attraktion an der kanadischen Sunshine Coast und zieht Wildwasser-Kanuten aus aller Welt an. Foto: Neubauer

Stuttgart - Viele Stunden haben die Kanuten gewartet. Als die Flut ihren Höhepunkt fast erreicht hat, ist es so weit: Leuchtend türkis, wie das Eis in einer Gletscherspalte, erhebt sich Skookumchuck aus dem brodelnden Wasser. Skookumchuck, kurz Skook, ist eine der größten Salzwasser-Stromschnellen der Welt. Hier, an einer Engstelle zwischen zwei Meeresarmen an der Westküste Kanadas, wirft der Gezeitenwechsel stehende Wellen auf, auf denen es sich trefflich surfen lässt – mit Kajaks ebenso wie mit Surfbrettern.

Übersetzt ins Deutsche bedeutet Skookumchuck „Wildes Wasser“. Was für eine Untertreibung! 750 Millionen Kubikmeter werden zweimal am Tag durch die Engstelle gepresst. Die Strömung erreicht dabei Geschwindigkeiten von bis zu 32 Kilometer pro Stunde und lockt Adrenalin-Junkies aus der ganzen Welt an. „Doch nur die Besten schaffen es, auf Skook zu reiten“, sagt Dwayne Henderson. Der bärtige Kanadier betreibt mit seiner Partnerin Cheyenne einen Campingplatz in Egmont, der einzigen Siedlung in der Nähe der Stromschnellen. Von hier aus ist Skook zu Fuß in etwa einer Stunde zu erreichen. Doch nicht nur wegen des Naturschauspiels lohnt sich die Wanderung. Bei Ebbe kommen entlang des Ufers zahllose Gezeitenpools zum Vorschein, in denen sich fliederfarbene und orange Seesterne, Krebse und grazile Seeanemonen tummeln. Und mit etwas Glück kann man Seelöwen und Otter bei der Jagd beobachten.

Der Besuch von Skook ist der erste Höhepunkt einer Rundreise mit einem gemieteten Wohnmobil, die von Vancouver aus zunächst Richtung Norden an die Sunshine Coast führt. Von Langdale bis Lund erstreckt sich dieses idyllische Fleckchen Kanada, das – obwohl es Teil des Festlands der Provinz British Columbia ist – Besuchern das Gefühl gibt, sie wären auf einer Insel. Zerklüftete Berge und breite Fjorde unterbrechen bisweilen die Straßenverbindungen. Zwischen Vancouver und Powell River sind zwei Fährüberfahrten unvermeidlich, weshalb Reisende zwangsläufig recht schnell in Urlaubsmodus umschalten müssen. „Mach langsam, die Uhren an der Küste ticken anders“, heißt es in der Region.

Die Sonne scheint hier häufiger

180 Kilometer lang ist die Küstenlinie der Sunshine Coast und tatsächlich scheint die Sonne hier häufiger als in anderen Teilen Westkanadas. Der Grund dafür ist ein über 2000 Meter hoher Gebirgszug auf der vorgelagerten Insel Vancouver Island. Er fängt die Regenwolken ab, die vom Pazifik heranströmen, und beschert der Küste das namengebende Klima. Im Sommer kommen Wassersportler voll auf ihre Kosten: Windsurfen, Segeln, Kajakfahren, Angeln – Anleitung und Ausrüstung wird in jedem Ort angeboten. Im Frühling und Herbst finden Wanderer und Mountainbiker Ruhe und Abgeschiedenheit auf unzähligen Pfaden, die sich durch urwüchsige Wälder, entlang der Fjorde und unberührter Seen durch die Landschaft schlängeln.

Wer die liebliche und sonnige Seite der Westküste Kanadas genossen hat, sollte nun aber auch die raue und wilde Seite kennenlernen. Sonst ist das Bild nicht vollständig. In Powell River setzt man dazu mit der Fähre auf Vancouver Island über. Über den Highway 4 gelangt man zum nächsten Höhepunkt der Rundreise: dem 2000-Seelen-Städtchen Tofino an der Westküste der Insel. Unaufhörlich rollen die Wellen des Pazifiks auf die kilometerlangen Sandstrände der Esowista-Halbinsel, an deren nördlichem Zipfel Tofino liegt. „Im Winter sind die Wellen oft so hoch wie ein Haus“, sagt Jackie Holliday, die hier aufgewachsen ist.

Vor 20 Jahren war der Surfer-Hotspot Tofino noch ein echter Geheimtipp. Heute macht eigentlich jeder Urlauber auf Vancouver Island einen Abstecher hierher. „In Tofino gibt es einfach alles, was Urlauber lieben – feinsandige Strände, Wellen zum Surfen, verwunschene Regenwälder und jede Menge Wildlife“, schwärmt die 39-Jährige, die als Skipperin bei einem Ausflugsunternehmen arbeitet. Auf Aktivurlauber ist man eingerichtet: Wale fotografieren, Bären beobachten, Wellenreiten lernen – gegen Cash alles kein Problem!

Gratis genießen

Man kann Tofino aber auch genießen, wenn man kein Geld ausgeben möchte, und an den samtweichen Stränden einen ganzen Tag „versandeln“ – mit Treibgut sammeln zum Beispiel. „Beachcombing“, also Strandkämmen nennt Jackie das. Doch auch Wanderungen durch den immergrünen Regenwald, in dem die Stämme uralter Baumgiganten wie die Säulen einer Kathedrale in den Himmel ragen, sind zauberhaft. Manche sind 60 Meter hoch oder höher und haben einen Umfang von bis zu sieben Metern. Die Äste sind mit Flechten überzogen. Viele Bäume sehen aus wie Ents, die Baumriesen von Mittelerde („Der Herr der Ringe“).

Nach so viel Natur ist der letzte Halt der Tour die perfekte Ergänzung für das bereits Erlebte: Victoria an der Südspitze der Insel verströmt weltstädtisches Flair, und es macht Spaß, die Wanderstiefel sowie die Outdoor-Klamotten in die Ecke zu werfen und ganz zivilisiert shoppen bzw. essen zu gehen. Ursprünglich eine Siedlung von Pelzjägern, wurde Victoria 1868 Hauptstadt der damaligen Kron­kolonie British Columbia. Die Gründerjahre waren turbulent. Erst kamen die Goldsucher, dann die Holzfäller. Ein Bauboom setzte ein, der nach dem Goldrausch verebbte, jedoch ein charmantes Städtchen im viktorianischen Stil mit gepflegten Parks zurückließ. Der historische Stadtkern am Naturhafen ist bis heute Victorias Hauptattraktion.

Wer sich jedoch nach der unendlichen Weite des Meeres und nach Wildnis sehnt: Wie in vielen Orten gibt es auch hier „Whale-Watching“-Angebote. Wer noch keinen Wal gesehen hat, kann hier noch mal sein Glück versuchen. Toi, toi, toi!