Reise nach Galicien Pilgerkult und Keltenmagie

Rund 23 000 Quadratmeter misst das vorchristliche Keltendorf Castro de Baroña. Foto: Bettina /Bernhard

Eine prächtige Kathedrale, Heerscharen von Pilgern: Santiago de Compostela ist fest in der Hand der Christen. Doch außerhalb von Galiciens Hauptstadt sind vorchristliche Kulturen wie die keltische überall präsent. Auch, weil der Norden Spaniens von muslimischer Herrschaft verschont blieb.

Freizeit & Unterhaltung: Bettina Bernhard (bb)

Nicht, dass sie es nicht versucht hätten: Auch in den spanischen „Nordländern“ Galicien, Asturien und Kantabrien versuchten sich die Eroberer aus Nordafrika, doch gegen die Bewohner der rauen Landschaft zwischen wildem Atlantik und unwegsamen Bergen kamen sie nicht an. Bestimmt auch, weil der allgegenwärtige Apostel Jakobus (spanisch: Santiago) der Legende nach als oberster Mauren-Töter für die Christen in die Schlacht gezogen sein soll. Zeitlich passt das zwar nicht zusammen mit der Entdeckung von Jakobs Gebeinen in Santiago de Compostela (um 810), aber was zählt, ist ja das Ergebnis: Galicien wurde nicht Teil des Kalifats al-Andalus, sondern blieb christlich, und zwar auf einer soliden Basis uralter Kulturen.

 

„Überall in Galicien trifft man auf heidnische Symbole und alte Riten“, sagt Fremdenführer Tommi Alvarellos. So gebe es noch immer in jedem Dorf eine Meiga, eine heilkundige Hexe, die selten über mangelnde Nachfrage klage. „Der Begriff Hexe ist hier eher positiv besetzt“, so Alvarellos. Deshalb sei es in Galicien kaum zu Hexenverbrennungen im Mittelalter gekommen. Warum hätte man auch Frauen denunzieren sollen, deren Rezepte oft wirksamer waren als der Rat der Kirchenmänner?

Die Sueben brachten das Christentum

Galicien wurde als eine der letzten Regionen Spaniens christianisiert, erst um 500 nach Christi, und zwar von den Germanen, genauer den Sueben. Die machten sich nach dem Niedergang des Weströmischen Reichs im Nordwesten Spaniens breit, bevor die Westgoten, später das Königreich Asturien und die Kastilische Krone und zuletzt das Königreich Spanien das Zepter übernahmen. Grundzutat des galicischen Völkergemischs waren jedoch die Kelten, die mit iberischen Stämmen zur Castro-Kultur verschmolzen, benannt nach ihren Steindörfern, den Castros.

Herrliche Ruhe im Weltkulturerbe Foto: Bettina/ Bernhard

Im Castro de Baroña herrscht eine wunderbare Ruhe. Nur das ewige Rauschen der Wellen und die Rufe von Seevögeln hört man auf der kleinen, als Welterbe geschützten Halbinsel vor der Westküste. Wenn man zwischen Sand und Kräutlein durch die Reste der zwei Dutzend keltischen Rundhäuser streift, das durch drei Mauern gesicherte Dorf auf zwei Ebenen erkundet, sich auf einer der Steinbänke oder auf einem der rund geschliffenen Granitblöcke niederlässt, dann kann man sich gut vorstellen, wie die Kelten hier in Einklang mit der Natur lebten. Abgeschieden von der (feindlichen) Welt, gut versorgt mit Fischen und Muscheln aus dem Meer, Früchten und Nüssen vom Land.

Wundersame Granitsteine

Deutlich belebter geht es in Muxía zu, einem keltischen Kultort mit riesigen wundersamen Granitsteinen. Die halfen schon Keltengroßvätern gegen Rückenschmerzen oder zerstrittenen Kelten-Paaren dabei, sich zu versöhnen. Auch der Wunsch nach einem freien Kopf hat bis heute Konjunktur. Am Loch-Stein stehen die Besucher Schlange. Sie – das sind in der Mehrzahl Jakobspilger, die, wie viele ihrer frühen Vorgänger, den Weg nach Santiago de Compostela verlängerten, um erstmals im Leben das Meer zu sehen.

Die Marienkirche bei den heilenden Steinen nahe Muxía Foto: Bettina /Bernhard

Wer zu diesem Zweck nicht ins noch stärker frequentierte Finisterre wandert, geht nach Muxía zu den Heilsteinen. Sie sind ein hübsches Beispiel dafür, wie kreativ man mit heidnischen Bräuchen umging. „Mutter Maria kam mit dem Schiff hierher, um den im Missionseifer etwas nachlassenden Jakobus zu motivieren. Ihr Schiff zerschellte an der Felsküste und aus seinen Resten wurden die heilenden Steine“, erläutert Alvarellos die christliche Umdichtung, die im 17. Jahrhundert durch eine Marienkirche fest untermauert wurde.

Kreuze an der Kreuzung bannen das Böse

Katholisch kompatibel gemacht wurden auch die Wegkreuzungen, an denen einst heidnische Schreine die bösen Geister vertrieben, die dort gerne lauerten. „An den Kreuzungen wurden einfach Kreuze installiert, die das Böse bannen. Sie heißen Cruceiros und es gibt 4000 davon in Galicien“, weiß Alvarellos. Noch sehr präsent im Landschaftsbild sind auch die Hórreros, keltische Getreidespeicher. Die länglichen steinernen Schuppen stehen auf Stelzen, um tierische Besucher zu verhindern. Im Inneren wird bis heute vor allem Mais getrocknet und aufbewahrt.

Goldschmuck verborgen unter Sand und Gebüsch

Hunderte von Castros entdeckten Archäologen in Galicien schon, viele weitere harren noch ihrer Entdeckung unter dichter Vegetation, Erdreich oder Sand. Die Freilegung der keltischen Wehrdörfer brachte auch reichlich Inhalt ans Licht – Werkzeug, Gebrauchsgegenstände, Schmuck. Zu sehen sind die Funde in Museen, die fast jede Region unterhält. So wie das in Lugo, der 27 vor Christus gegründeten, ältesten Stadt Galiciens. Ihre begehbare Stadtmauer ist bis heute vollständig erhalten. Das Museum beherbergt die keltischen Reste der Provinz Lugo, unter anderem Goldschmuck, dazu Tierfiguren, Ringe, Werkzeuge und Schlösser.

Ein Ort mit zeitlosem Zauber

Vieles stammt aus dem nahen Castro de Viladonga, einem 1972 entdeckten Keltendorf auf einem Hügel im Wald. Es liegt gut versteckt hinter einem künstlich aufgeschütteten, aber natürlich bewachsenen kreisförmigen Wall. Die Form der Hausruinen – von klein und rund über größer mit Vorhof bis hin zu römisch-viereckig – erzählt die lange Geschichte der Besiedlung. Auch dieser Ort zieht Besucher mit seinem zeitlosen Zauber in den Bann, stundenlang könnte man hier sitzen und die Fantasie in uralte Zeiten reisen lassen.

Gut versteckt liegt das Castro de Viladonga Foto: Bettina Ber/nhard

Doch nicht nur auf dem Land, auch in den Städten Galiciens lebt die Vergangenheit. Selbst A Coruña, die heute wichtigste Stadt und Sitz von Botschaften, Handel und Firmen, begann als keltisches Wehrdorf. Auf diesem gründeten vor 2000 Jahren die Römer eine Hafenstadt – perfekt gelegen in der Mitte zwischen Nordeuropa und Nordafrika. Übrig blieb ein monströser Leuchtturm, der Herkulesturm.

Galicische Musiker spielen auf Foto: Bettina /Bernhard

Und von den Kelten? Merkwürdige Klänge schallen aus den Gassen der Altstadt, dann klärt sich das Rätsel auf: Eine Gruppe Musiker spielt zum Rosario-Fest für die Stadtheilige – mit Dudelsack, Trommeln und Flöten. Ihre prächtige Tracht glitzert von schwarzen Achatsteinen – ein anerkanntes Mittel zur Vertreibung böser Geister . . .

Galicien

Anreise

Lufthansa fliegt von Frankfurt und München nach Santiago de Compostela, www.lufthansa.com, Vueling Airlines fliegt von Stuttgart via Barcelona, www.vueling.com

Unterkunft Das Exe Peregrino ist ein gepflegtes Hotel nahe der Altstadt von Santiago de Compostela, DZ/F ab 70 Euro, www.eurostarshotels.de Das Hostal Alba Lugo liegt direkt an der historischen Stadtmauer von Lugo, DZ ab 65 Euro, www.ga.cloudbeds.com Das noble NH Hotel Finisterre residiert am Jachthafen von A Coruña, Suite ab 110 Euro, www.nhhotels.com Das Faro Lariño bietet hübsche Boutique-Zimmer im Gebäude des Leuchtturms von Carnota, DZ/F ab 110 Euro, www.hotelfarolarino.com

Essen und Trinken Das A Horta do Obradoiro in Santiago de Compostela logiert in einem Haus von 1690, in dem einst die Musiker der nahe gelegenen Kathedrale wohnten. In der Küche zaubern zwei kreative Köche, www.ahortadoobradoiro.com In Lugo an der Unesco-geadelten Stadtmauer liegt das Paprica, wo Leckeres aus dem Meer serviert wird, www.paprica.es Im O Semaforo de Fisterra am Kap Finisterre gibt’s Essen am Ende der Welt. Man schwelgt in Meeresfrüchten, www.hotelsemaforodefisterra.com Das A Noiesa in Santiago de Compostela verbirgt sich in einem schmalen Haus in der Altstadt. Das Familienunternehmen hat galicische Spezialitäten wie Oktopus, Muscheln und Krabben in köstlichen Soßen, www.anoiesa.com Buchtipps

Nordspanien Vis-à-Vis, DK Verlag, 258 Seiten, 24,95 EuroGalicien & Jakobsweg Dumont Reisetaschenbuch, 304 Seiten, 18,95 Euro

Allgemeine Informationen Spanisches Fremdenverkehrsamt, www.tourspain.de Tourismus Galicien www.turismo.gal

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