Reise nach Masuren Per Schiff durch die Wiese

Huckepack fährt das Schiff über Hügel Foto: Adobe Stock/Dagmar Richardt

Masuren – eine farbenfrohe Komposition aus Raps, Alleen, Mohn und Seen. Masuren – ein multikulturelles Geschichtsbuch voll von Wissenschaft, Technik und Kunst. Alles geballt steckt in einer Fahrt auf dem Oberlandkanal.

Freizeit & Unterhaltung: Bettina Bernhard (bb)

Mehr als 3000 Seen mit seltenen Vögeln, ausgedehnte Wälder mit Elchen und Hirschen und nur 60 Menschen pro Quadratkilometer beherbergt Ermland-Masuren. Der Bezirk im Nordosten Polens grenzt an Russland, Litauen und die Ostsee und gilt seit jeher als Schatzkammer der Natur, gefüllt mit Getreide und Gemüse, Fleisch und Fisch. Und schon immer bot sich als Transportweg durch das Oberland das Wasser an. Allerdings dauerte die Tour über die Flüsse Drewenz, Weichsel, Nogat und einen Kanal bis zum Frischen Haff mehr als ein halbes Jahr, weshalb man schon im 18. Jahrhundert Pläne für einen Kanal durch die Seenlandschaft ent- und wieder verwarf.

 

„zu aufwendig, zu teuer, zu umständlich“

Hauptproblem auf der 130 Kilometer langen Strecke von Deutsch Eylau (Iława) über Osterode (Ostróda) nach Elbing (Elbląg) sind knapp 100 Meter Höhenunterschied, die auf einer Strecke von nur zehn Kilometern zu bewältigen sind. Dafür, so rechneten die königlich-preußischen Konstrukteure um 1840, bräuchte man 30 Schleusen. „Da war schnell klar, dass das zu aufwendig, zu teuer und zu umständlich ist“, erzählt Fremdenführer Piotr Ambroziak. Dann aber trat Georg Steenke auf den Plan, ein junger Architekt aus Königsberg (Kaliningrad). Der ging voller Elan auf die Suche nach einer Lösung, recherchierte in Belgien und Holland, in Bayern und den USA, wo ihm der Morriskanal in New Jersey den entscheidenden Impuls gab. Das amerikanische Modell arbeitete mit einer Kombination aus Kammerschleusen und geneigten Ebenen, über die die Schiffe mit Wagen transportiert wurden. Steenke konstruierte stattdessen Rollberge, die ohne Schleusen auskommen.

Der geniale Kanal war teurer als der Eiffelturm

Ein kleines Museum in Buchwalde (Buczyniec), dem Startpunkt der heute rein touristischen Schiffstouren auf dem Oberlandkanal, erzählt die Geschichte in allen technischen Details. 1862 ging die geniale Kanalkonstruktion, deren Bau mehr Geld verschlungen hatte als der des Eiffelturms, in Betrieb. Er erlebte eine üppige, aber kurze Blütezeit. „Zahllose Schiffe mit Kiefern und Getreide fuhren zum Meer und kehrten mit Heringen und Gewürzen zurück“, berichtet Ambroziak. „Doch dann kam die Eisenbahn, konkurrenzlos vor allem im Winter, wenn im Seenland alles zugefroren war.“

Doch schon früh zog das technische Wunderwerk in dem Landschaftsidyll Schaulustige an. 1912 fuhren die ersten Ausflugsschiffe, heute lockt der Oberlandkanal als weltweit einziges noch betriebenes System dieser Art jährlich Zehntausende Touristen zur Fahrt über Wiesenhügel.

Ein riesiges Wasserrad treibt die Trommel an

„Den Anweisungen des Kapitäns ist unbedingt Folge zu leisten“, mahnt ein Schild am Einstieg der „Kormoran“. Aber gerne – ist er doch echt ein Netter: Kapitän Piotr Czaikowski fährt seit 1999 die Schiffe mit den Vogelnamen vom nahen Drausensee. Der 53-Jährige hat ein Hochseepatent und fuhr auch lange zur See. „Mit dem Ergebnis, dass ich mein erstes Kind nicht aufwachsen sah“, sagt er. Als dann das zweite unterwegs war, sattelte er auf die Kanalschifffahrt um und hat es nie bereut. „Ich mag die Strecke, weil sie so schöne Natur und so geniale Technik bietet, dazu hab ich Passagiere in Ausflugslaune – das wird nie langweilig.“

Anfangs ist noch alles normal. Das Schiff schwimmt im Wasser, wie Schiffe das halt so tun. Doch kurz nach dem Start in Buchwalde setzt sich ein riesiges Räderwerk in Bewegung. Angetrieben durch ein Wasserrad mit acht Meter Durchmesser wickelt die Seiltrommel Zentimeter für Zentimeter von dem Stahlseil auf, das über leuchtend blaue Scheiben zum Schiffsträger führt.

Der Kapitän parkt sein Schiff im Stahlgestell

In diesen Transportwagen, ein schmuckloses, aber stabiles Stahlgestell, hat Kapitän Czaikowski seine „Kormoran“ inzwischen sanft eingeparkt. „Ein leerer Waggon wiegt 28 Tonnen, das Schiff darauf noch einmal 50 Tonnen“, verrät der Kapitän.

Es klappert und scheppert, als das Stahlseil über die alten Eisenräder ruckelt, dann taucht der Rumpf des Schiffes aus den Fluten. Am Seil und auf Schienen bewegt sich die „Kormoran“ bergauf, das Blaugrün des Wassers bleibt zurück, voraus geht es durch frisches Grün, begleitet vom betörenden Geruch blühenden Rapses, der zum allgegenwärtigen Rapsöl verarbeitet wird.

Radfahrer fotografieren das Schiff in der Wiese

Am höchsten Punkt des Rollbergs steht ein fliederüberwuchertes Häuschen, drin ein Plastikstuhl mit verschlissenem Polster. Draußen steht sein Wärter, der früher per Signal informiert wurde, wenn ein Schiff am Fuß des Bergs startete. Er beobachtete erst das korrekte Aufbocken und startete dann das Zugsystem. Heute läuft alles automatisch, doch der Wärter ist trotzdem noch da, schaut nach dem Rechten und führt das Logbuch. Und dann geht es bergab mit dem Schiff samt Touristenfracht. Ganz entschleunigt, genug Zeit, den Radlern zuzuwinken, die auf dem Weg entlang des Kanals angehalten haben, um das Schiff in der Wiese zu fotografieren. Genug Zeit, vorsichtig wieder ins Wasser einzutauchen, das Schiff auszuklinken und im nur fünf Meter breiten Kanal schwimmen zu lassen.

Zum Schluss ein großartiges Vogelschutzgebiet

In den Rapsduft mischt sich der nach Brackwasser und ein Blick in die grünbraune Brühe im Kanal verrät, woher der kommt. Doch schon naht der nächste Berg, dasselbe spannende Spiel, und dann noch einer und noch einer. Viel zu schnell kommt der Ausstieg in Hirschfeld (Jelenie), einem Mennonitenstädtchen, geprägt von den Holländern, die einst halfen, die Sümpfe trocken zu legen.

Schade, dass heute keine Zeit ist, auf der „Kormoran“ sitzen zu bleiben und durch den Drausensee mit dem großartigen Vogelschutzgebiet vollends bis zum Endpunkt Elbing weiterzufahren.

Info

Anreise
Mit der Bahn über Berlin und Posen nach Osterode (www.bahn.de)Mit dem Flugzeug bis Berlin (www.eurowings.de) oder Warschau (www.lot.com) und weiter im Zug oder Mietwagen.

Unterkunft
Idyll am See: Hotel Radisson in Osterode, DZ/F ab 175 Euro, www.radissonhotels.com Mühle im Wald: Klekotki in Godkowo, DZ/F ab 93 Euro, www.klekotki.com.pl

Aktivitäten
Die Fahrt auf dem Oberlandkanal kostet etwa 17 Euro, www.zegluga.com.pl Buchtipp
Markus Bingel: Masurische Seen & Ermland, Reise Know-How Verlag Peter Rump Bielefeld, 384 Seiten, 2023, 19,90 Euro

Allgemeine Informationen
Tourismus Ermland-Masuren, www.warmia.mazury.pl; Polnisches Fremdenverkehrsamt in Berlin, www.polen.travel

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