Reiseführer für Zuffenhausen und Stuttgart Tipps für den Trip durch die Nachbarschaft

Von Bernd Zeyer 

In dem vor kurzem erschienenen Buch „99 x Stuttgart wie Sie es noch nicht kennen“ wird aufgezeigt, dass die Schwabenmetropole noch mehr zu bieten hat als Spätzle, Porsche und Mercedes. Die Bilder für das Buch hat der Zuffenhäuser Fotojournalist Olaf Krüger geschossen.

Olaf Krüger vor  der ehemaligen Mühle am Feuerbach. Foto: Bernd Zeyer
Olaf Krüger vor der ehemaligen Mühle am Feuerbach. Foto: Bernd Zeyer

Zuffenhausen - Mercedes, Maultaschen, Porsche, Spätzle, VfB – das sind einige der typischen Dinge, die man normalerweise mit Stuttgart in Verbindung bringt. Doch wer kennt schon die „Kinderwildnis“, das „teatro piccolo“ oder einen „Daimlerplatz“, der mitten im Wald liegt? Im jüngst erschienenen Buch „99 x Stuttgart wie Sie es noch nicht kennen“ lassen sich allerlei Orte entdecken, von denen selbst alteingesessene Stuttgarter noch nicht gehört haben dürften.

Eigentlich ist der Fotojournalist Olaf Krüger in der weiten Welt zu Hause. Vor allem Island und Indien bereist er regelmäßig und hält Vorträge über seine Touren. Dass sich der gebürtige Kieler, der seit 1980 in Zuffenhausen lebt, mit der Gegend direkt vor seiner eigenen Haustür beschäftigt hat, liegt am Bruckmann-Verlag, für den Krüger seit 20 Jahren journalistisch tätig ist. Der Verlag fragte an, ob er sich vorstellen könne, ein Buch für eine Reihe zu produzieren, in der Städte und Regionen von ihren nicht alltäglichen Seiten vorgestellt werden. Bislang sind unter anderem Ausgaben über Metropolen wie London, Paris oder Rom erschienen, seit einigen Tagen gibt es nun dank Krüger, der die Fotos schoss, und der freien Journalistin Annette Clauß, die die Texte beisteuerte, auch eine Ausgabe über Stuttgart.

„Ich habe aus Lust und eigenem Interesse an dem Buch mitgearbeitet“, sagt Krüger. Einen Großteil der vorgestellten Orte habe er selbst nicht gekannt. Die meisten Vorschläge stammen von Annette Clauß. „Ich habe bei Familie, Freunden und Bekannten herumgefragt“, erzählt sie . Dazu kamen noch Kenntnisse aus der eigenen journalistischen Tätigkeit, und auch bei Spaziergängen mit dem Hund stieß Clauß auf interessante Orte. Schließlich erstellte sie eine Liste, die Fotograf Krüger Position für Position abarbeitete.

Drei Monate mit der Kamera in Stuttgart unterwegs

Rund drei Monate war Krüger mit der Kamera in Stuttgart unterwegs. „Ich habe es sehr genossen, die Ziele per Stadtbahn anzusteuern“, erzählt er. An sein erstes Ziel, den Seifenladen Zhenobya, kann er sich noch gut erinnern. Dort, an der Johannesstraße 60 in Stuttgart-West, verkauft die syrische Familie Al Machout alle Arten von Seifen. Legendär ist die „Aleppo-Seife“, die seit 1000 Jahren hergestellt wird. Krüger hat vor allem beeindruckt, wie die Familie Menschen in ihrem Heimatland Syrien unterstützt. „Für die nächsten Jahre bin ich mit Seifen eingedeckt“, erzählt Olaf Krüger schmunzelnd, der auch noch eine Lebensweisheit mit aus dem Geschäft nahm: Die Seife, so wurde ihm erzählt, halte länger als jede Beziehung.

Zwei der 99 Tipps stammen von Krüger: Im Kapitel „Das versteckte Dorf“ geht es um Zuffenhausen, genauer gesagt um die Mühle am Feuerbach und den La-Ferté-Steg. „Zuffenhausen wird unterschätzt, es gibt hier sehr schöne Ecken“, sagt der gebürtige Kieler. Mindestens genauso wohl fühlt er sich im „teatro piccolo“ an der Fritz-Elsass-Straße 44. Das gehört mit seinen knapp 80 Plätzen zu den kleinsten Theatern in Stuttgart. Circa 25 Vorstellungen werden dort pro Jahr auf die Bühne gebracht. Krüger hat nicht zuletzt deshalb eine gute Verbindung zu dem Theater, weil seine Frau es mitgegründet hat.

„Bei der Arbeit für das Buch habe ich viele faszinierende Leute getroffen, die sich mit großem Engagement für ihre Sache einsetzen“, erzählt Annette Clauß, die in Stuttgart-Süd wohnt. Das Schreiben sei eigentlich weniger zeitaufwendig gewesen, die Recherche im Vorfeld dagegen umso mehr. Besonders fasziniert habe sie der Besuch auf einer ehemaligen Teststrecke in der Nähe von Schloss Solitude. Wo die Firma Daimler-Benz früher Lastwagen getestet hat, haben heute seltene Amphibien, Reptilien und Wasservögel ihr Refugium gefunden. Der Rundkurs der Strecke ist noch zu erkennen, ein Schild an einem Baum am Parkplatz Bergheimer Steige tut kund, dass das Areal den Namen „Daimlerplatz“ trägt. Wer das Gelände in Augenschein nimmt, für den lohnt sich ein Abstecher ins nahe gelegene Schloss Solitude.

Auch für jüngere Entdecker beziehungsweise deren Eltern finden sich interessante Orte im Buch: Die Raupe Nimmersatt ist den meisten sicherlich ein Begriff. Dass ihr Schöpfer Eric Carle in Feuerbach aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, dürfte wohl weitaus weniger bekannt sein. Er wohnte von 1935 bis 1952 in einem Backsteinhaus an der Dieterlestraße 16, das sein Großvater Karl Oelschläger gekauft hatte. Dieses „Oelschläger-Haus“ steht heute noch und ist ein Teil des Projekts „Begehbares Feuerbacher Gedächtnis“, eine Infotafel weist auf seinen früheren Bewohner hin. Nicht ums Lesen, sondern ums Herumtollen geht es im Kapitel „Ab in die Wildnis“: Gegenüber der Klüpfelstraße 10 wartet ein 4000 Quadratmeter großes Gelände darauf, von Kindern entdeckt und erobert zu werden. Die Stadt Stuttgart hat die ehemalige Kleingartenanlage zur „Kinderwildnis“ erklärt.

„Man sollte sich etwas Zeit für das Buch nehmen“, rät Olaf Krüger. Geeignet sei es sowohl für Neu-Stuttgarter als auf für Alteingesessene, die bislang unbekannte Seiten der Schwabenmetropole kennenlernen möchten. „Eine kleine Reise ist genug, um uns die Welt zu erneuern“, schrieb der französische Literat Marcel Proust einmal. Höchste Zeit also, die Schuhe zu schnüren und sich aufzumachen zum Streifzug durch die eigene Nachbarschaft.

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