Reisen nach Grönland Nuuk, die nachhaltige Hauptstadt
Die grönländische Hauptstadt Nuuk liegt an der Küste vor Fjorden, die Einheimische wie Touristen zu tagelangen Bootstouren locken – und vermarktet sich als erste nachhaltige Hauptstadt der Welt.
Die grönländische Hauptstadt Nuuk liegt an der Küste vor Fjorden, die Einheimische wie Touristen zu tagelangen Bootstouren locken – und vermarktet sich als erste nachhaltige Hauptstadt der Welt.
So viel Lob für eine Stadt: Das amerikanische „Time“-Magazin hat das grönländische Nuuk in seiner viel beachteten Liste von 100 außergewöhnlichen Reisezielen zu den „World’s Greatest Places“ gekürt. Damit nicht genug: Nuuk ist die erste Hauptstadt der Welt, die von der Organisation Earth Check nach Kriterien des „Global Sustainable Tourism Council“ als nachhaltiges Reiseziel zertifiziert wurde.
Der Katalog der Errungenschaften sei lang, sagt Magnus Biilmann Trolle (27) Sustainability-Referent in der Stadtverwaltung: „Der Strom kommt voll aus Wasserkraft. Elektroautos sind stark steuerlich begünstigt, sie laufen hier klimaneutral.“ 64 Prozent des Stadtgebiets sind „grüne Areale“.
Parks freilich darf man sich darunter nicht vorstellen, sondern eher Flecken mit Gras und Kräutern zwischen Graniten und Gneisen. „Aber wir haben den Preis auch für die sozialen und wirtschaftlichen Pfeiler der Nachhaltigkeit bekommen“, betont Biilmann Trolle. „In den Planungen der Stadt ist der Ausgangspunkt immer die Nachhaltigkeit: Was ist verträglich mit Natur und Gesellschaft?“
Dies gelte auch für die Entwicklung des Tourismus, den Grönland als künftiges zweites Standbein neben der Fischerei sieht. „Kopenhagen ist für uns ein Vorbild.“ Die dänische Hauptstadt sei keine Stadt, die sich touristisch verkaufen, sondern vor allem Lebensqualität schaffen wolle: „Eine Stadt für Touristen ist eine Stadt, in der sich zunächst die Einheimischen wohlfühlen.“
Nuuk hat zwar nur rund 18 000 Einwohner, aber weil es das Zentrum des Landes ist, verfügt es über viel mehr Angebote als die meisten Städte vergleichbarer Größe in Europa. Es gibt eine Universität und das Kulturhaus Katuaq, dessen wellenförmige Fassade vom flatternden Nordlicht inspiriert ist.
Katuaq fungiert als künstlerisches Zentrum des Landes. Tagsüber nehmen die Kinder das Schwimmbad Malik ein, am Abend üben dort die Sportler des Clubs Qajaq ihre Kenterrollen. Den Umtrunk danach nehmen sie gerne in der Skyline Bar in der obersten Etage des Hotels Hans Egede: Der Pianist spielt Jazz, der Bartender serviert lokal gebraute Biere der Mikrobrauerei Godthåb Bryghus.
Am Wochenende kann man bis 3 Uhr in der Früh bleiben, und es ist möglich, dass man dann am Folgetag den sonntäglichen Besuch im Nationalmuseum ausfallen lässt, obwohl man dort viel lernt.
Der größte Schatz des Museums findet sich im hintersten und dunkelsten Winkel. Hinter Glas liegen vier rund 500 Jahre alte mumifizierte Leichen, die zwei Jäger vor 50 Jahren im Flecken Qilakitsoq unter einem Felsvorsprung entdeckten. Besonders berührend ist der Fund, den die Entdecker zunächst für eine Puppe hielten. Tatsächlich handelte es sich um einen sechs Monate alten Jungen in Fellkleidung neben seiner Mutter.
Die Gesichter der weiblichen Mumien sind tätowiert. Die Tattoos wurden lange kaum beachtet, doch seit einigen Jahren wird sich die junge Generation dieser Tradition bewusst. In den Straßen Nuuks sieht man jetzt Frauen mit strichförmigen Tätowierungen am Kinn: So drücken sie ihren Stolz und ihre Identität als moderne Grönländerinnen aus.
„Aber unser größter Trumpf ist die Natur“, sagt Biilmann Trolle. An den kurzen Wintertagen benutzen die Kinder den örtlichen Skilift gratis – eine gute Methode, um sie wegzukriegen von Fernseher und Smartphone. Wer eher Langlauf mag, steigt noch im Stadtgebiet in die Loipe ein. Gerade baut die Stadt eine neue Küstenpromenade, gut gesicherte Holzstege, die spektakuläre Ausblicke bieten.
Vor allem aber bietet Nuuk Zugang zu einem riesigen Fjordsystem im Hinterland, rund 4000 Quadratkilometer groß. Mit einem Boot kann man 100 Kilometer weit durch die überfluteten ehemaligen Gletschertäler bis an den Rand des Inlandeises vorstoßen. Je weiter man in die Fjorde fährt, desto gewaltiger wird die Landschaft. Die Einheimischen nutzen die Fjorde für Ausflüge und für ungestörte Tage in ihren Wochenendhütten, die hier und da auf den Felsen thronen.
Im Kolonihavn, dem ältesten Teil Nuuks mit roten und gelben Holzhäusern, sitzt Johanne Tobiassen in der Abendsonne vor dem Vereinsheim des Kajakclubs und schabt den Speck von einem Robbenfell. Ihr Sohn hat das Tier tags zuvor von einer Jolle aus geschossen. Aus der Haut will Johanne Tobiassen einen Spritzschutz nähen.
Ihr Mann Pavia bittet ins Vereinsheim. Er spricht nur Grönländisch, aber ein Wort versteht man in seinen Sätzen: „Anorak“: Er präsentiert das Kleidungsstück aus Robbenleder, das er bei den Grönlandmeisterschaften trägt, so wie die anderen Sportler auch.
Die Wettkämpfer üben sich in neun Disziplinen, darunter Kajak-Sprint, Harpunenwerfen und Kenterrollen. „Unsere Söhne, 15 und 17 Jahre alt, sind Grönlandmeister“, erzählt Johanne stolz und lächelt. Es scheint, dass Nuuk eine rasante Entwicklung gelingt – gerade weil sich die Menschen ihrer Geschichte bewusst sind. „Unsere Großeltern waren Fänger, haben vom Kajak aus gejagt“, sagt Johanne. „Mit dem Club bewahren wir unsere Kultur.“
Anreise
Nach Nuuk kommt man entweder mit Iceland Air (www.icelandair.com) via Frankfurt und Reykjavík oder mit Air Greenland via Kopenhagen und Kangerlussuaq (www.airgreenland.com).
Unterkunft
Seemannsheim: Maritime Atmosphäre am Hafen, sehr freundliches Personal, DZ ab 221 Euro, www.soemandshjem.gl. Hotel Hans Egede: Vier-Sterne-Haus mit funktionalistischer Einrichtung, DZ/F ab 305 Euro, www.hhe.gl.
Essen und Trinken
Charoen Porn: Hervorragendes Thai-Restaurant mit frischestem Sushi dank der Zutaten aus den Küstengewässern, www.charoenporn.gl. Godthaab Bryghus: Die Mikrobrauerei hat vier verschiedene Biere in den Zapfhähnen, www.bryghuset.gl. Cool: Skyline Bar im Hotel Hans Egede, www.hhe.gl/skyline-bar
Aktivitäten
Katuaq: Nuuks Kulturzentrum mit Theater, Ausstellungen, www.katuaq.gl. Nationalmuseum: Guter Abriss zu grönländischer Kultur und Geschichte, www.nka.gl. Fish’n’dish: Man fährt mit dem Boot in den Fjord, angelt Dorsche und Rotbarsche und lässt sie im Restaurant Qooqqut Nuan zubereiten, https://watertaxi.gl/en/side/qooqqut-nuan
Allgemeine Informationen
www.colourfulnuuk.com