Reisen auf Mallorca Von Armut und Abenteuer

Mutter aller Schmugglerpfade: durch die Schlucht Torrent des Pareis vom Fischerort Sa Calobra ins Tramuntana-Gebirge. Foto: ASI Reisen

Bei Mallorca denkt man an Ballermann und Bettenburgen, Promi-Villen und Luxusjachten. Noch vor 50 Jahren herrschten auf der Insel aber Mangel und Armut. Dagegen kämpften findige Schmuggler, deren abenteuerliche Pfade ein neuer Weitwanderweg ergründet.

Freizeit & Unterhaltung: Bettina Bernhard (bb)

Palma - Kaum ist das Postkartenidyll des Bergdorfs Valldemossa aus dem Blickfeld verschwunden, geht es bergab. Und wie! Der schmale, steile Pfad zwischen Bäumen und Felsen ist mehr eine Idee, jeder Schritt will bedacht sein. Hier an der Steilküste im Westen Mallorcas kletterten einst die Schmuggler flink hinunter, wenn in den Dorfbars im Tramuntana-Gebirge wieder der Spruch „Jungs, heute gibt es was zu feiern“ gefallen war.

 

Schmuggler auf den Balearen

Das hieß so viel wie: Draußen auf dem Meer wartet ein Schiff mit Ware. Die holte man in kleinen Booten, versteckte sie in den zahlreichen Höhlen der Kalksteinklippen und verteilte sie auf der Insel. Es braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie gefährlich und mühsam der Transport von 60 Kilo schweren Paketen vom Meer hinauf in die Berge war.

Abrupt bleibt Hendrik Uhlemann an einem unscheinbaren Loch am Fuße einer immergrünen Steineiche stehen. „Das ist eine senkrechte Höhle, 20 Meter tief“, weiß der Wanderführer. „Hier versteckten die Schmuggler an ein Seil geknotete Tabakpakete, die man später einzeln hochzog.“ Das Loch tarnten sie mit Dissgras, aus dem heute Sonnenschirme für die Touristen gefertigt werden.

Bis in die 1980er Jahre, als der Tourismusboom Arbeit und Geld brachte, waren Schmuggler auf Mallorca unterwegs. „Anfang des 20. Jahrhunderts wurden vor allem Alkohol und Tabak geschmuggelt, denn die waren mit hohen Steuern und Zöllen belegt. Später, während der Franco-Diktatur, wurde vom Autoersatzteil bis hin zum Zucker alles auf diesem Weg beschafft“, erzählt Miguel Martorell.

„Das waren normale Leute“

Der Landwirt ist Hobbyhistoriker, Heimatforscher und ein wandelndes Lexikon. Er hat (fast) jeden Winkel der Insel erkundet und die Geschichten der Menschen aufgeschrieben. Auch die der Schmuggler. „Das waren normale Leute, viele Familien leben heute noch hier“, so Miguel. Angesehen sei der „Beruf“ nicht gewesen, doch man war dankbar für die Versorgung. Die Ware kam mit großen Schiffen aus Marokko, vermittelt vom einflussreichen Unternehmer Juan March, der damals auf „Import“ setzte. Die Fischerboote holten bis zu 2000 Pakete von den Schiffen, die zwei Meilen vor der Insel ankerten.

Den Wanderern auf der Ruta del Contraban, dem Schmugglerpfad, eröffnet sich der Blick hinunter auf Sa Foradada. Diese Halbinsel, die ihren Namen „Nadelöhr“ von den vielen Löchern im Felsgestein hat, war als Landeplatz für die Schmugglerboote beliebt. Je nach Wind und Welle konnte man an einer Seite immer ruhig anlegen. Heute schätzen Badegäste die Auswahl und „in den Felslöchern posen Instagramer“, sagt Hendrik.

Calo de s’Estaca – ein ganz besonderer Ort

Unwiderstehlich als Fotomotiv präsentiert sich eine Ecke weiter auch Calo de s’Estaca. Die einsame Bucht zwischen den Steilhängen beherbergte einst die Bootsgaragen der Fischer, heute sind es Wochenendhäuser. Auch eine Art Feriendomizil präsentiert der nächste Ausblick: Das prächtige Anwesen, das aktuell Michael Douglas gehört, ließ einst Erzherzog Luis Salvador von Österreich erbauen, der Cousin von Kaiser Franz Joseph. Dessen Gattin Sisi soll den schillernden Verwandten oft hier besucht haben.

Während schon damals auf der Insel Gutbetuchte dem Luxus frönten, schlug sich die Bevölkerung so durch. „Im Tramuntana-Gebirge gab es drei Berufe: Kalkmacher, Köhler und Schneesammler, die Material zum Bauen, Holzkohle zum Heizen und Eis zum Kühlen herstellten“, erzählt Hendrik.

Der Mann aus Deutschland

Der „Alemanquin“, wie ihn die Einheimischen nennen, stammt aus Dresden. Nach Mallorca kam er vor 15 Jahren eigentlich nur, um Spanisch zu lernen für einen Job als Entwicklungshelfer in Südamerika. Seinen Unterhalt verdiente der Versorgungstechniker als Klempner in einem Dorf, wo er nicht nur schnell die Sprache kennen-, sondern auch die Insel und seine Bewohner schätzen lernte. Besonders eine. Sie ist heute seine Frau und Mutter der beiden Kinder.

Wo immer die Gruppe einkehrt, wird Hendrik herzlich begrüßt und unterwegs ist er selten um eine Antwort verlegen. Das duftende Kraut? „Wilder Thymian, der blüht jetzt im Herbst noch mal.“ Der Baum mit gelben, orangefarbenen und roten Früchten zugleich? „Ein Erdbeerbaum – nicht zu viel naschen!“ So geht es munter durch die archaische Landschaft mit ihrer abenteuerlichen Geschichte.

Auf den Spuren des Schmugglerpfads

Die Königsetappe des Schmugglerpfads führt nach Sa Calobra, in die Torrent de Pareis. Schuld daran, dass diese Schlucht heute nicht nur gelegentlich von Regen, sondern regelmäßig von Touristen geflutet wird, sind – die Schmuggler: Nachdem der heimliche Handel jahrelang von der Polizei ignoriert, bestenfalls mal ein Versteck ausgeräumt, der Schmuggler von nebenan aber unbehelligt blieb, griff die Zentralregierung durch und schickte Zöllner aus Madrid. Weil die sich schwertaten im unwegsamen, verwinkelten Gebirge, wurde 1932 eine Straße nach Sa Calobra gebaut, um die Gegend zu überwachen.

Lange, bevor sich der Blechwurm der Touristenbusse durch die Kurven windet, stehen die Wanderer schon staunend und ganz allein im Ausgang der Schlucht ins Meer. Durch ein knöcheltiefes Bett aus perfekt rund geschliffenen Kieseln läuft man vorbei an meerwassergefüllten Becken, in denen sich Wolfsbarsche tummeln.

Immer näher kommen die monumentalen, über 200 Meter hohen Felswände, in die sich die Schlucht gegraben hat. Den neun Kilometer langen Weg hindurch kann man nicht einmal erahnen – bis man ihn geht oder eher klettert und krabbelt. Über mannshohe glitschige Felsblöcke, durch Spalten und Löcher. Oben kreisen Mönchs- und Gänsegeier, von halsbrecherisch schmalen Felsvorsprüngen meckern wilde Ziegen herab.

Einblicke ins Schmugglerleben

Eine abendliche Schifffahrt entlang der Küste gewährt noch einmal Einblicke ins Schmugglerleben. Höhlen, hoch oben in senkrechten Klippen, dienten als Verstecke. Schmale Schlitze mit wild zwischen den Wänden schwappenden Wellen führen zu verborgenen Anlegestellen.

Man bekommt Schwindelgefühle, vom Blick nach oben ebenso wie vom bewegten Meer, das die Schmuggler mit winzigen Fischerbooten durchquerten. Bei der Ankunft in Port Soller reißt der finstere Himmel auf, Sonnenstrahlen rücken schicke Jachten und prachtvolle alte Gebäude ins Rampenlicht. Die Spur der Schmuggler verliert sich in den Bergen.

Info: Anreise

Von Stuttgart fliegen mehrere Gesellschaften nach Palma de Mallorca: www.eurowings.com, www.tui.com, www.vueling.com.

Unterkunft

Liebevoll renoviert in einem herrlichen Garten hoch über dem Meer: Hotel Continental Valldemossa, DZ/F ab 95 Euro, Nobles Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert in Halbhöhenlage von Port Soller: Hotel es Port, DZ/F ab 190 Euro.

Essen und Trinken

Frisch gegrillten Fisch, Fleisch, Gemüse nach alten mallorquinischen Rezepten genießt man im Can Costa nahe Valldemossa .In der einsamen Bucht Cala Tuent serviert das Es Vergeret mallorquinische Spezialitäten.

Ruta del Contraban

Den Weitwanderweg Ruta del Contraban hat der österreichische Bergreiseveranstalter ASI konzipiert und beschrieben. Die fünf Etappen summieren sich je nach Schwierigkeitsgrad auf 41 bis 63 Kilometer. ASI bietet geführte Gruppenreisen und individuelle Touren mit organisierten Unterkünften und Gepäcktransport auf dem Schmugglerpfad an. Außerdem ist die Route samt Beschreibung und GPS-Daten kostenlos im Netz abrufbar.

Allgemeine Informationen

Tourismusverband Mallorca, www.infomallorca.net. Spanisches Fremdenverkehrsamt Frankfurt, www.spain.info.

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