Reisen in Israel Auf neu entdeckten Pfaden

In der Arava-Wüste finden nicht nur Touristen, sondern auch viele Israelis eine Oase der Ruhe inmitten einer erhabenen Naturlandschaft. Foto: Win Schumach/r

In Israel gibt es mehr zu entdecken als Jerusalem, das Tote Meer und biblischen Stätten. Im Süden lockt die Geschichte von Weihrauch und Wein auf abseitigen Wegen.

Die Wüste erwacht. Ein kleiner, grauer Vogel durchbricht mit seinem geflüsterten Lied die Stille über dem Geröll-Ödland. Nur ein sanfter Windzug antwortet. In der Morgendämmerung wandeln sich die Farben der Hügelkette der Arava von Sandtönen zu Gelbgrau und Ockerrot. Mit dem Aufgang der Sonne über den jordanischen Bergen wird erst das spärliche Grün im Wadi weit unter der Terrasse sichtbar. Ein Schwarm Wildtauben zieht vorbei. Die ersten Sonnenstrahlen berühren das Gesicht. Bald ist das ganze Wüstenpanorama erleuchtet.

 

Stille in einem der am dichtesten besiedelten Länder der Welt

Wer durch die spröden Berglandschaften im Süden Israels wandert, erlebt etwas, das in einem der am dichtesten besiedelten Länder der Welt so kostbar ist wie aus kargem Gestein sprudelndes Quellwasser – Stille. In der Arava-Wüste im äußersten Süden des Landes finden nicht nur Touristen, sondern auch viele Israelis eine Oase der Ruhe inmitten einer majestätischen Naturlandschaft. Viele entdecken eine Welt im eigenen Land völlig neu. Sie steigen auf verwitterte Wüstenberge, wandern durch enge Felsschluchten und erkunden uralte Ruinen.

Wer verstehen will, wie Menschen bereits in biblischen Zeiten in dieser trockenen Ödnis lebten, lässt sich von Esti Hirsch auf eine eindrückliche Reise in die Vergangenheit begleiten. Die sportliche 65-Jährige ist am liebsten in Wanderschuhen unterwegs. Gerade ist sie aufgebrochen, um eine Ausgrabungsstätte zu erkunden, die heute Teil des Unesco-Welterbes „Weihrauchstraße – Wüstenstädte im Negev“ ist. Die Ruinen der antiken Nabatäer-Karawanserei Moa liegen fern der Touri-Routen in einem entlegenen Wüstental.

Im ehemaligen Königreich der Nabatäer

„Kaum ein anderes Volk fasziniert heute so sehr wie die Nabatäer“, sagt die Reiseführerin, während sie zu den Mauern des einst wehrhaften Forts hinaufsteigt. Von hier oben hat man eine herrliche Aussicht auf die Berge ringsum. Bis die Römer um 106 n. Chr. ihr Königreich zerschlugen, bestimmte das geheimnisvolle Nomadenvolk über Jahrhunderte die Handelsrouten zwischen Südarabien und dem Mittelmeer.

Bekannt sind die Nabatäer vor allem durch ihre einstige Hauptstadt Petra in Jordanien, die heute Millionen Touristen anzieht. Im Gegensatz zu der weltbekannten Ruinenstadt hat man die Ausgrabungsstätten entlang der alten Weihrauchstraße auf israelischer Seite bisweilen ganz für sich allein. „Mit ihren versteckten Brunnen und an die klimatischen Bedingungen angepassten Festungen waren die Nabatäer die wahren Herrscher der Wüste“, sagt Hirsch. „Von ihrem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen wie Wasser können wir viel lernen.“

Rückbesinnung auf antike Traditionen

Auch Lina Slutzkin glaubt, dass in der Rückbesinnung auf antike Traditionen ein Schlüssel für nachhaltigeres Leben liegt. „Ich bin in Georgien geboren, wo schon vor 8000 Jahren der erste Wein gekeltert wurde“, erläutert die Winzerin. Von der Terrasse ihres Kadma-Weinguts in Kfar Uriah blickt die 57-Jährige weit über die Ausläufer der Berge.

Weniger als eine Stunde vom Nordrand der Negev-Wüste mutet die Landschaft mit ihren Weinbergen eher wie die Toskana an. Als sie acht Jahre alt war, wanderte Slutzkins Familie nach Israel aus. Sie kehrte erst nach fast vier Jahrzehnten in ihre Heimat zurück – eine Reise, die ihr Leben auf den Kopf stellen sollte. Begeistert von der Küche und Weinkultur Georgiens beschloss sie, ihre Karriere als Ingenieurin aufzugeben und einen Weinberg anzulegen.

Wein und Hightech

In Israel gibt es mehr als 250 Boutique-Weingüter, Die Besonderheit in Kadma: „Ob bei den Griechen, Römern oder im Kaukasus, Wein reifte schon immer in Amphoren“, sagt Slutzkin. „Ich wollte diese älteste aller Möglichkeiten, Wein zu machen, mit modernster Technologie verbinden.“

Für ihr Weingut ließ sie 20 bis zu 750 Liter fassende Tonkrüge aus Georgien einführen, in denen sie nun ihren Wein reifen lässt wie zur Zeit Jesu. „Der Wein gärt so langsamer und sanfter.“ Nach vier Monaten wird er schließlich in Holzfässer aus Frankreich umgefüllt. „Der Wein der Antike schmeckte ganz anders als heute“, fügt die Winzerin hinzu. „Gegen einen über Jahrhunderte entstandenen Geschmack kommt kein Winzer an.“ Ihre Weine überzeugen inzwischen jedoch auch die Kritiker und haben auf israelischen und internationalen Wettbewerben Medaillen gewonnen.

Neue Ziele auf ausgetretenen Pfaden

Wenn man Slutzkin auf der Terrasse ihres Restaurants trifft, wo Familien und Ausflügler mit einem feinen Shiraz oder Cabernet Sauvignon anstoßen, sitzt man einer Frau gegenüber, der man abnimmt, dass sie sich genau hier ihren Lebenstraum erfüllt hat. „Die Leute sind begeistert von der Idee eines Weins, der wie zu biblischen Zeiten entsteht“, sagt sie, „und offensichtlich schmeckt er ihnen auch.“

Die Winzerin hofft, dass Israels ausgezeichnete Weine in Zukunft immer mehr Touristen von den gängigen Reiserouten in weniger bekannte Gegenden des Landes locken. „Es gibt hier so viel mehr zu erleben als Pilgerstätten“, sagt sie. „Dies ist ein Land mit einer unglaublichen Vielfalt. Jeder, der die ausgetretenen Pfade verlässt, wird hier einzigartige Entdeckungen machen.“

Info: Israel

Anreise
Sowohl Lufthansa (www.lufthansa.de) als auch El Al (www.elal.com) bieten Direktflüge ab Frankfurt am Main an, Ryanair (www.ryanair.com) fliegt ab Memmingen und Baden-Baden Tel Aviv an. Zur Erkundung der Wüste empfiehlt sich dann vor Ort ein Mietwagen.

Unterkunft
Im Kibbuz Lotan lernt man sehr viel über nachhaltige Landwirtschaft und ökologische Projekte. Touristen können im Lotan Desert Inn übernachten, DZ ab 129 Euro, https://kibbutzlotan.com. Liebevoll eingerichtete Zimmer und sympathische Gastgeber hat das Krivine Guesthouse inmitten der Wüstenlandschaft bei Sde Boker zu bieten, DZ ab 157 Euro, https://krivine-guesthouse.com. Im Weingut Carmey Avdat übernachtet man mit Weitblick über Weinberge und die Negev-Wüste, DZ ab 254 Euro, www.carmeyavdat.com.

Aktivitäten
In der judäischen Weinregion gibt es etwa 50 Weingüter zu entdecken, https://tour-yehuda.org.il/38/. Im Kadma-Weingut wird Wein fast wie in biblischen Zeiten gekeltert, https://kadma-wine.co.il. Das Weingut Clos de Gat ist bei israelischen Weinkennern besonders geschätzt, https://closdegat.co m. Esti Hirsch führt mit dem Geländewagen, Mountainbike und auf Wanderungen zu den Ruinen entlang der alten Weihrauchstraße, esti19@gmail.com, https://www.facebook.com/esti.hirsch. Nachshon Gal stellt als versierter Kenner der Geschichte und der Wüsten in der Region private Touren durch ganz Israel zusammen.nachshon.gal@gmail.com.

Allgemeine Informationen
Israelisches Fremdenverkehrsamt, www.goisrael.com.

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