Reisen in Kasachstan Der verlorene Türkis

Der ausgetrocknete Aralsee Foto: imago/Aurora Photos/Christopher Herwig

Früher ein großes Binnenmeer, heute eine lebendige Sand- und Salzsteppe: Besuch am Kleinen Aralsee in Kasachstan.

Weit und breit nur Einöde und Steppe, Gesträuch und kleine Dünen. Wer aus dem frühlingsgrünen Süden von Kasachstan kommt, hat am Morgen noch die blauen Kuppeln der Grabmoschee des weisen Hodscha Ahmet Yasawi in Türkistan im Frühlicht strahlen gesehen.

 

Nach mehreren Hundert Kilometern gelangt man in eine Ödnis aus Grau, Braun und Salzweiß, in eine Landschaft, in der sie heute noch von einem märchenhaften Ereignis erzählen. Keine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht, sondern aus der Zeit vor 101 Jahren, als es hier noch ein großes Binnenmeer gab, den Aralsee.

Aus Aralsk wurde Aral

Zu sehen ist dieser Heldengesang im Wartesaal des Bahnhofs der Stadt Aral, die zur Sowjetzeit Aralsk hieß. In farbigen Fliesen ist dargestellt, wie energische Männer Fässer voller Fisch zu einem bereitstehenden Zug bringen. Sie folgten einer Bitte Lenins, im Jahr 1921 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare im revolutionären Russland. In dieser Zeit von Bürgerkrieg und Dürre drohte Millionen Menschen im Wolga- und Uralgebiet der Hungertod. Die Menschen am Aralsee zeigten Solidarität. „Auf den Brief Lenins hin haben wir 14 Waggons mit Fisch beladen,“ so zitiert die russische Inschrift im Bahnhofssaal.

Der Aralsee bedeckte 1960 eine Fläche von 70 000 Quadratkilometern, war also doppelt so groß wie Baden-Württemberg. Weltweit Rang vier, ein einzigartiges Ökosystem, in der kasachischen Mythologie besungen als ein Türkis, den die Gottheiten vom Himmel herabfallen ließen. Wer heute nach dem Verbleib des Edelsteins forschen will, der fährt zuerst zum alten Hafen von Aral. Dort ist ewige Ebbe, ein leergelaufenes Becken, überragt von rostigen Kränen. Ein Museum erinnert an das, was „der Aral“ mal war: eine ökologische Perle, er hat die Sommerhitze gelindert, den Winter gemäßigt. Doch nun ist der See weg. Ein paar ausrangierte Schiffe sind ausgestellt.

Giftige Winde mit Salzen und Pestiziden

Oft weht ein starker Wind in Aral, nicht nur Sand treibt dann durch die Straßen der Stadt. Beigemischt sind auch Salze vom ausgetrockneten Seeboden, zudem Pestizid-Rückstände von den Anbauflächen der Baumwolle, die durch ihren Wasserbedarf den See zerstört haben. Die zentralasiatischen Ströme Amudarja und Syrdarja wurden ausgemolken bis zum Extrem – Austrocknung und Wüste folgten.

Trotz allem, es gibt auch noch eine bescheidene Hoffnung im kargen Westen von Kasachstan. Wer Aral besucht, dem werden Exkursionen zum Kleinen Aralsee angeboten. Das ist jener nördliche Teil, der noch überlebt hat und der, dank des immer noch existierenden Zuflusses des Syrdarja und eines vor 20 Jahren errichteten Dammes, eine kleine Chance hat, weiterzuexistieren.

Ruckelige Fahrten durch die Ödnis

Um dorthin zu gelangen, muss man einen Tagesausflug buchen. Zum Beispiel mit einem der geländegängigen Fahrzeuge der „Aral Sea Tours“, nicht bequem, aber gut gerüstet für die Erschütterungen auf dem Weg durch die Ödnis. Man braust, ruckelt, hoppelt vorbei an weißen Salzpfannen, vorbei an hartem Gesträuch, durch fahle Ebenen mit wenig Bewuchs.

Immerhin, die Steppe lebt: Pferde streifen umher, und am Gesträuch knabbern zottelige Kamele. Die Führerin Gulnar erzählt, sie seien nicht herrenlos, ihre Besitzer harren trotz der verschlechterten Umweltbedingungen aus. Kamele geben schließlich Wolle und Milch, wie übrigens auch die vielen frei laufenden Pferde. „Kymyz“, Stutenmilch, ist im ganzen Land beliebt, wie auch „Schubat“, die Milch der Kamele.

Mauern aus Schilf

Plötzlich taucht Schilf auf. Schilf in der Wüste, ganze Schilfwälder sind es, welche die holprige, unbefestigte Piste säumen. Und nach noch mal ein paar Hundert Metern öffnet sich die Schilf-Mauer, und eine Wasserbucht tut sich auf. Endlich: das versteckte Waisenkind des großen Aralsees, der Kleine Aral! Und er lebt, an seinem Ufer sind Wasservögel zu beobachten, mit roten Schnäbeln, sie ähneln ein wenig den Austernfischern, die man von der Nordsee her kennt.

Kurz darauf zeigt sich die breite Bucht eines tiefblauen Sees, ein Damm und eine Schleuse davor, die verhindern, dass Wasser in Richtung Süden abfließen kann. Hier gibt es einen kleinen Strand. Der See, bewegt vom Wind, schickt kleine Wellen mit Schaumkronen. Wieder sind Wasservögel zu beobachten, weiß-gelb blühende Blumen und sogar ein paar Muscheln im Sand.

Geisterstadt wie im Wilden Westen

Das Idyll wird ein wenig geschmälert durch die wachsamen Blicke einiger kasachischer Polizisten. Sie wollen verhindern, dass Fotos vom Sperrwerk gemacht werden. Denn dies ist ein strategisch bedeutsames Bauwerk. Dennoch weckt der Blick auf die Schaumkronen des Sees Hoffnung – es gibt vielleicht doch noch eine Zukunft, wenn auch der Mensch hier eine der größten Umweltkatastrophen des Planeten verursacht hat.

Halt im Dorf Bögen: Auf den ersten Blick eine Geisterstadt wie im Wilden Westen, ein böiger Wind treibt Sand- und Salzschwaden durch die menschenleeren Straßen. Doch an der Hauptstraße steht auch eine zumindest neu gestrichene, knallblau überkuppelte kleine Moschee. Bögen gehörte 1921 zu den Dörfern, die am reichen Fischzug beteiligt waren. Heute, so heißt es, schöpfe man neue Hoffnung, weil der Kleine Aralsee wieder wächst und es wieder Fische gibt. Der Türkis, der vom Himmel stürzte, wird nicht wiederkommen. Aber vielleicht ist ein zweiter Edelstein herabgefallen.

Info: Kasachstan

Anreise
Lufthansa bietet Direktflüge von Frankfurt nach Almaty an (www.lufthansa.com). Bei Turkish Airlines (www.turkishairlines.com) gibt es Flüge von Stuttgart und Frankfurt sowohl nach Almaty als auch nach Astana. Das Kriegsgebiet im Osten der Ukraine wird dabei weiträumig umflogen. Um weiter in die Aralregion zu gelangen, kann man ab Almaty die Eisenbahn benutzen, Fahrzeit bis zu 15 Stunden (https://rail.cc/de/bahnunternehmen/ktz/338).

Unterkunft Die Übernachtungsmöglichkeiten in der Stadt Aral sind begrenzt und entsprechen nicht europäischem Standard – darauf sollte man sich einstellen. Hotel Aral, zentral gelegen, Doppelzimmer ab 107 Euro. Unterkunft Keruen Sarai, etwas außerhalb des Stadtzentrums, DZ ab 19 Euro, beide buchbar über www.booking.com

Aktivitäten Im Umfeld des Aralsees gibt es Möglichkeiten zu Exkursionen zum Damm von Kökaral und den Fischerdörfern sowie zur früheren Insel Barsakelmes.Einfacher lässt sich der Kleine Aralsee im Rahmen von Kasachstan-Rundreisen besuchen, wie sie von mehreren deutschen Veranstaltern angeboten werden (www.studienreisen.de/laender/Kasachstan; www.kasachstanreisen.de).

Allgemeine Informationen www.konsulate.de/info/

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