Der etwa 30-jährige Malaysier Simon aus Malacca ist einer von gefühlt Tausenden von Einheimischen, die am frühen Abend des 24. Dezember in Richtung Portuguese Settlement drängen. Die Straßen sehen aus wie deutsche Autobahnen bei Sommerferienbeginn, doch Simon biegt scharf links ab, als Falschfahrer in einer Einbahnstraße. „Yalla! Autofahren Malay-style!“ Viele folgen seinem Beispiel. „Im Portuguese Settlement lebt die Kristang-Volksgruppe, sie haben sowohl portugiesische als auch malaiische Wurzeln“, sagt Simon.
Das wichtigste malaiische Wort: Essen
Menschenkorsos drängen in Richtung der glitzernden Oase. Kinder hüpfen umher, Jugendliche besprühen sich mit klebrigem Schnee aus Blechdosen. Entlang der Straße grillen Hähnchen und Würste liegen fertig auf Gittern. „Makan?“, bieten die Köche ihre Köstlichkeiten zum Verkauf – das wichtigste malaiische Wort: Essen. Die Verkäufer buhlen mit den Häusern im Hintergrund um Aufmerksamkeit, haben jedoch keine Chance. Manch einer bleibt mit offenem Mund vor Einfamilienhäusern stehen, die von den Vorgärten bis zu den Dachpfannen geschmückt sind mit Millionen von bunten Lichtern.
Mit aufblasbaren Weihnachtsmännern, Rentieren, Schleifen, Weihnachtsbaumkugeln und allem, was ein weihnachtsliebendes Herz höherschlagen lässt. Simon behauptet, es gebe einen Wettbewerb unter den Nachbarn, wer das schönst-dekorierte und hellst-erleuchtete Haus vorzuweisen habe.
Festmahl „Merry Christmas“
Die Familien des Portuguese Settlement sitzen inmitten des Trubels aus Besuchern in ihren Gärten, die Gartentore so weit offen wie die Haustüren. „Komm, wir gehen rein!“ Schon spaziert Simon in den nächstbesten Garten, ruft der Familie beim Festmahl „Merry Christmas“ zu und erntet Grinsen sowie einen Wortschwall auf Malaiisch. „Sie sagen, wir können uns im Haus in Ruhe umsehen!“
An einer bebrillten Weihnachtsmannpuppe mit Saxofon aus goldenem Blech geht es vorbei ins Innere des Hauses, das das Äußere sogar noch an Lichtermagie übertrumpft. In einer hölzernen Krippe blinken die Lichter, als wollten Maria und Josef zu Discomusik abrocken, während ein bis an die letzte Plastiknadel behangener Weihnachtsbaum fast hinter Lichterketten und Girlanden verschwindet.
Das Haus-Hopping für Fremde ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht, denn wofür hat man sich sonst all die Mühe gemacht? Dass kaum jemand Englisch spricht, spielt keine Rolle, Kommunikation durch Lächeln und einladende Handgesten reicht aus.
Chinesische Traditionen
Als es auf Mitternacht zugeht, quetschen sich immer mehr Menschen in Richtung des Malacca River – durch Massen von Jugendlichen, die mit ihrem Sprühdosen-Schnee nun auch Polizeiautos einseifen, während die Beamten belustigt zuschauen. Schon aus der Ferne sind hell erleuchtete Laternen erkennbar, die in Flussnähe in den Himmel streben.
Wer mit bis zum Anschlag vollgestopftem Magen und fast blind vor Lichterglück noch immer Wünsche offen hat, kauft in weiser Voraussicht fünf Papierlaternen zum Preis von vier bei einem Straßenverkäufer. „Das ist eine chinesische Tradition“, erklärt Simon, selbst chinesischer Herkunft.
Weihnachten und Neujahr in einem
Schon kritzelt er ein paar Worte auf das dünne Papier, schiebt sich zum Ufer und befestigt das mitgelieferte Kohlestück am unteren Ende der Laterne. Er hantiert mit einem Feuerzeug. „Man muss warten, bis die Flamme fast die ganze Laterne erfüllt, sonst funktioniert es nicht!“
„A-a-aaa“, fiebern die Umstehenden mit, gefolgt von einem verzweifelten „Ooo“, als die Laterne in der braunen Brühe des Malacca River bruchlandet. „Bringt das jetzt Unglück?“ Simon winkt ab, schnappt sich die nächste Laterne. Dem zweiten Wunsch-Versuch ist der Himmel wohlgesonnen.
Dass das Gewünschte auch in Erfüllung geht, ist ebenso sicher wie das Pfeifen und Zischen der ersten Raketen um Punkt 24 Uhr. Feuerwerkskörper schießen hoch und fallen in Hunderten von bunten Strahlen über der Masse hinab. „Merry Christmas!“ Menschen liegen sich in den Armen, lachen, und könnte das Gefühl der Freude fliegen wie die Papierlaternen, wäre es bald nur noch ein winziger Punkt am schwarzen Nachthimmel.
Info: Anreise
Ab Stuttgart über Amsterdam nach Singapur mit KLM, von dort weiter mit dem Bus nach Malacca (ca. 3 Stunden). Das Portuguese Settlement ist vom Busbahnhof Malaccas in 30 Minuten mit öffentlichen Bussen zu erreichen.
Unterkunft
Ein schickes Hotel mit zwei Infinity-Pools direkt am Malacca River: Swiss-Garden Hotel, Doppelzimmer/F ab 55 Euro.Moderne Zimmer mit Stadtblick und teils Whirlpool bietet das Bayview Hotel Melaka, DZ/F ab 27 Euro.Kreativ gestaltete Zimmer, einen Garten und Pool findet man im: The Rucksack Caratel, DZ/F ab 36 Euro.
Essen und Trinken
Inmitten der Chinatown Malaccas befindet sich das bei Einheimischen und Touristen beliebte Geographer Café mit vielen malaiischen, aber auch ausländischen Speisen.Das bescheidene Kedai Kopi Chung Wah ist wegen einer ganz besonderen Spezialität beliebt: Chicken Rice Balls. Dazu gibt es malaiischen Eiskaffee. Adresse: 20, Lorong Hang Jebat.
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