„Zuvor wurde die Reisser AG sehr personenbezogen geführt, der Senior hatte das letzte Wort“, sagt der 56-Jährige in einem Besprechungsraum im sechsten Stock der neuen Reisser-Zentrale in der Hans-Klemm-Straße auf der Böblinger Hulb. Durch die Glasfassade geht der Blick bis in den Sindelfinger Wald. Schon bevor sich der Senior mit 83 Jahren zurückzog, war Wildermuth-Reißer in führender Position tätig. „Er konnte auch hart sein“, sagt er über seinen Schwiegervater. Doch mit seinem Charisma habe Helmut Reißer die Menschen für sich und sein Unternehmen begeistert, mitgerissen.
Doppelname „passt ganz gut“
Nachdem Wildermuth-Reißer Wirtschaftswissenschaft an der Universität Hohenheim studiert hatte, startet der gebürtige Backnanger seine Karriere 1990 bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, wo er bis 1993 blieb. 1995 heiratet er Evelyn Reißer, 1996 wird er Prokurist für den kaufmännischen Bereich. Doch der Seniorchef sollte das Zepter noch über 20 Jahre in der Hand halten, obwohl da schon 63.
Dass er den Namen seiner Frau angenommen hat, seinen aber weiterhin behält, „passt ganz gut“, findet Wildermuth-Reißer. Der Name drücke auch eine Grundhaltung aus: „Reisser ist und bleiben ein Familienunternehmen: bodenständig und traditionell.“ Doch bei aller Bodenständigkeit krempelte Wildermuth-Reißer die Firma in vielen Bereichen kräftig um. Wenn er von den vielen Projekten erzählt, sprudelt es aus ihm heraus. Man merkt: Er ist in seinem Element, will vieles anstoßen.
Großbrand erweist sich als Chance
Dass 2015 ein Großbrand das komplette Lager in Schutt und Asche legte, war ein Schock für Familie und Mitarbeiter. Doch Wildermuth-Reißer nutzte die Chance für eine kräftige Modernisierung. „Wir sind im Kern ein Logistik-Unternehmen“, sagt er beim Rundgang durch den 38 000 Quadratmeter großen Neubau, der mit modernster Lagertechnik von Grund auf neu entstanden ist. Zwischen 9000 und 10 000 einzelne Warenstücke werden täglich aus dem Zentrallager abgerufen. Vieles läuft voll automatisiert, die Kleinteile lagern in einem der modernsten Hochregallager des Landes. In 240 Lastwagen rollt die Ware dann an die 17 Auslieferungslager in ganz Baden-Württemberg. Von dort weiter zu Handwerks-Partnern oder in eine der 35 Bäder-Ausstellungen.
„Wir sind besser als Amazon“, sagt der Firmenchef. Bestellt ein Handwerker bis um 17 Uhr, kann er sich darauf verlassen, dass die Ware am nächsten Morgen auf der Baustelle ist. „Natürlich hat die Automatisierung auch Arbeitsplätze gekostet“, sagt Wildermuth-Reißer. „Aber dafür sind auch neue, höher qualifizierte entstanden: Mechatroniker, IT-Fachkräfte, SAP-Spezialisten.“ Insgesamt 350 Mitarbeiter arbeiten bei Reisser auf der Hulb – in der Zentrale, der Logistik, im Vertrieb oder in der IT. Im ganzen Unternehmen sind es derzeit rund 1850. 2021 werden sie einen Umsatz von 568 Millionen Euro erwirtschaften. Doch nicht nur technisch brachte Wildermuth-Reißer einen Modernisierungsschub, auch kulturell.
Erstmals eine Frau im Vorstand
Im Februar dieses Jahres berief er Patricia Montalti neben sich in den Vorstand. Sie verantwortet die Bereiche Personal, Vertrieb, IT und Change – als erste Frau in der Großhandelsbranche. „Die Frauen sind bei uns auf dem Vormarsch“, sagt Wildermuth-Reißer. Auch die Leitung der Revision hat eine Frau inne und seine Frau Evelyn habe kräftig beim Neubau mitgewirkt, weshalb das Gebäude klar „ein Gemeinschaftswerk“ sei. Evelyn Reißer steht außerdem der firmeneigenen Stiftung vor. Gemeinsam in der Firma tätig zu sein, stelle das Paar aber auch vor die Herausforderung, Arbeit und Privates zu trennen. „Nicht ganz einfach“, räumt er ein. Doch Wildermuth-Reißer hat sich vorgenommen, künftig nicht immer zwölf Stunden und mehr pro Tag zu arbeiten, sondern auch mal nur elf oder zehn: „Die Work-Life-Balance ist uns sehr wichtig.“
War es früher unerwünscht, mehr als zwei Wochen Urlaub zu nehmen, kommt Reisser seinen Angestellten heute entgegen. Außerdem gebe es die Möglichkeit zum Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten für Eltern. Die Firma habe sich geöffnet, auch für die Medien. Als im Februar der südafrikanische DJ Master KG mit seinem Song „Jerusalema“ einen Hype auf Youtube und Facebook entfacht, ist Reisser mit von der Partie: 158 Auszubildende tanzen und hopsen in einem Video durch Badausstellung, Serverraum oder Vorstandsbüro. „Wir wollen ein attraktiver, ja ein sexy Arbeitgeber sein“, sagt Guntram Wildermuth-Reißer. Ein Satz, der in dem traditionsbewussten Unternehmen noch vor wenigen Jahren undenkbar war.