Religion Christentum des Orients blüht in Göppingen

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Von den meisten Bürgern unbemerkt hat sich in und um die Stadt ein Zentrum der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien entwickelt. Jetzt wollen die Gemeinden andere Christen mit einem Tag der offenen Tür auf sich aufmerksam machen.

Der Dekan Habip Önder (Bildmitte) wurde bei einem Festgottesdienst in der Stadtkirche  zum sogenannten Chor-Episkopal geweiht. Foto: Gia Carlucci
Der Dekan Habip Önder (Bildmitte) wurde bei einem Festgottesdienst in der Stadtkirche zum sogenannten Chor-Episkopal geweiht. Foto: Gia Carlucci

Göppingen - Beim Thema Christentum denkt der Durchschnitts-Göppinger an die evangelische und die katholische Kirche – das war’s. Schließlich tauchen die vielen anderen bunten Spielarten des Christentums im Alltag der meisten Bürger nie auf. Dennoch ist Göppingen ein wichtiges Zentrum orthodoxer und altorientalischer Kirchen im Land. Insgesamt fünf solche Gemeinden gibt es dort.

Zwei von ihnen, die syrisch-orthodoxen Gemeinden St. Afrem und St. Jakob von Sarug, laden die Bürger nun zu einem Tag der offenen Tür am Sonntag in der Evangelischen Stiftskirche in Faurndau ein – und das ist erst der Anfang.

„Viele wissen überhaupt nicht, dass es uns gibt“

„Wir leben schon sehr lange hier, Tür an Tür mit den evangelischen und katholischen Christen. Aber die meisten wissen gar nicht, dass es uns gibt“, erzählt Josef Önder. Er selbst, sein Vater, der Dekan Habip Önder, und dessen Kollege, der Dekan Melke Teber, haben einen nicht unwesentlichen Anteil daran, dass die syrisch-orthodoxen Gemeinden hier prosperieren.

Teber leitet als Priester die Göppinger St.-Jakob-Gemeinde, Habip Önder ist Priester der St.-Afrem-Gemeinde und wurde für seine Verdienste um den Ausbau der Gemeinden und die Zusammenarbeit mit anderen christlichen Kirchen unter anderem vor drei Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sein Sohn Josef engagiert sich im Auftrag der Kirchenleitung auf Landes- und Bundesebene in der Ökumene und der staatlichen Verwaltung, unter anderem arbeitet er als Theologe die Lehrpläne für den syrisch-orthodoxen Religionsunterricht an den staatlichen Schulen im Land aus. Sein Vater ist unter anderem auch Schuldekan und koordiniert von Göppingen aus den Unterricht im ganzen Land.

Das Lehrbuch für den Unterricht im Land entsteht in Eislingen

Inzwischen gibt es den Unterricht an 63 Standorten in Baden-Württemberg, 800 Kinder nehmen daran teil. Josef Önder hat deshalb bereits das nächste Ziel im Blick: Er arbeite an einem deutschen Lehrbuch für den syrisch-orthodoxen Religionsunterricht, verrät der Pädagoge. Bisher gebe es das nämlich noch nicht.

„Zum Glück arbeite ich im Hauptberuf als Konrektor der Dr.-Engel-Realschule in Eislingen“, erzählt Josef Önder. Die Infrastruktur der Schule helfe ihm bei seinem Einsatz für die Kirche. Auch die Schule profitiert. In der Vergangenheit hat Josef Önder immer wieder zusammen mit anderen Kirchenmännern, dem evangelischen Religionslehrer Dirk Schwarzenbolz etwa, Projekte zu den Themen Glaube und Literatur an der Schule initiiert, die weithin Aufmerksamkeit erregten. So verfassten Schüler eine Sammlung mit eigenen Gebeten. Die syrisch-orthodoxe Kirche sei traditionell sehr an der Ökumene orientiert, erklärt Josef Önder seinen multikonfessionellen Einsatz.

Rund 550 Familien in Göppingen gehören der Gemeinde an

Dass im Kreis Göppingen heute rund 3000 Anhänger der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien leben, hat auch, aber nicht nur, mit der Verfolgung, der meist aramäisch-stämmigen Menschen in ihren früheren Heimatländern zu tun. „Viele sind in den 70er Jahren auch als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen“, erzählt Josef Önder. Wie so oft bildeten sich kleine Inseln: Wer auswanderte, ging dorthin, wo andere – Familienmitglieder oder Bekannte – bereits vor ihm hingegangen waren. Und das war in vielen Fällen offensichtlich die Stadt Göppingen.

Heute leben in der Stadt rund 550 Familien, die der syrisch-orthodoxen Kirche angehören. Daneben gibt es in Göppingen eine armenisch-apostolische Gemeinde, eine serbisch-orthdoxe und eine rumänisch-orthodoxe. Sie alle arbeiten in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) schon lange mit der evangelischen und der katholischen Kirche zusammen. Vor einiger Zeit initiierte die Diözese Rottenburg-Stuttgart zudem das Projekt „Schatz des christlichen Orients“, das die Zusammenarbeit der Kirchen weiter fördern und die Besonderheit der orientalischen und orthodoxen Kirchen für die Menschen erfahrbar machen will.

Den Auftakt macht die syrisch-orthodoxe Kirche, dann folgen die anderen

In Göppingen beginnt das nun mit dem offenen Gottesdienst der syrisch-orthodoxen Gemeinden. „Geplant ist eine Reihe mit weiteren Gottesdiensten bei den Armeniern, den Serben, Russen und so weiter“, berichtet Josef Önder. „Aber wir machen den Anfang, weil unsere Kirche als älteste Kirche überhaupt gilt.“




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