Rems-Murr-Jahresrückblick 2016 Die Sehnsucht nach der eigenen Wohnung

Die fünfköpfige Familie Fathi aus dem Irak lebt bisher in einem Zimmer und sucht fieberhaft nach einer Wohnung, damit ein geregelter Alltag möglich ist. Foto: Stoppel
Die fünfköpfige Familie Fathi aus dem Irak lebt bisher in einem Zimmer und sucht fieberhaft nach einer Wohnung, damit ein geregelter Alltag möglich ist. Foto: Stoppel

Was wurde aus den Schlagzeilen des vergangenen Jahres? Im Januar und Februar hielt der Flüchtlingsstrom den Rems-Murr-Kreis in Atem. Mittlerweile sind viele Menschen dabei, sich eine neue Zukunft aufzubauen.

Rems-Murr: Isabelle Butschek (ibu)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Schorndorf - Der Wunschzettel der Familie Fathi für das kommende Jahr ist nicht lang. Genau genommen steht an erster, an zweiter, dritter, vierter und fünfter Stelle immer das gleiche: „Eine eigene Wohnung“, sagt Abdullah Fathi. Wie viele andere Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren nach Deutschland geflüchtet sind, stehen der Iraker und seine Familie vor diesem nächsten und wichtigen Schritt: Sie möchten ihre erste Anlaufstelle, die Gemeinschaftsunterkunft, verlassen und sich ein eigenes Leben aufbauen.

Bei Familie Fathi greift der subsidiäre Schutz

Vor einem guten Jahr sind Abdullah, seine Frau Lelav sowie ihre drei Kinder Xahya, Maryam und Sermed nach Schorndorf gekommen. Seitdem wohnen sie zu fünft in einem Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft auf dem Kelch-Areal. Dort findet alles statt: schlafen, essen, spielen, lernen. Es ist ein beengtes Leben. Der Container mit den Wasch- und Kochgelegenheiten steht im Hof, sie teilen ihn sich mit fünf anderen Familien. „Der eine ist sauberer, der andere nicht so sehr“, sagt Lelav Mahmoud und lächelt. Seine Kinder lässt Abdullah Fathi nie alleine in dem Areal spielen. „Wir wollen sie beschützen und Probleme meiden“, sagt er.

Da in der Heimat der Familie ein bewaffneter Konflikt herrscht und ihr Leben unmittelbar bedroht ist, greift bei ihnen der so genannte subsidiäre Schutz. „Wenn ich arbeiten gegangen bin, wusste ich nicht, ob ich abends wieder nach Hause komme“, beschreibt Abdullah Fathi den Alltag, den er in der umkämpften Stadt Mossul erlebt hat.

Fieberhafte Suche über alle Kanäle

Durch den subsidiären Schutz hat die Familie Fathi eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr bekommen. Seitdem dies klar ist, suchen Abdullah und Lelav Fathi zusammen mit ihren ehrenamtlichen Paten fieberhaft nach einer Wohnung. „Wir möchten Ruhe. Und in einer eigenen Wohung können wir den Kinder beibringen, wie hier gelebt wird“, sagt Abdulla Fathi. Per Zeitung, Internet, Facebook oder Aushang haben sie schon gesucht. Bisher erfolglos. Es gibt verschiedene Gründe, die die Wohnungssuche erschweren. Zum einen gilt die Aufenthaltserlaubnis der Familie eben erst einmal nur für ein Jahr. Zum anderen darf die Wohnung nicht viel kosten, weil das Jobcenter nur Mieten in bestimmter, angemessener Höhe übernimmt. „Und schön wäre eine Wohnung in Schorndorf.“

Denn die Kreisstadt ist inzwischen so etwas wie eine Heimat in der Fremde geworden. Abdullah Fathi, früher als Buchhalter in einer Zuckerfabrik beschäftigt, arbeitet drei Tage in der Woche für die Tafel, holt zum Beispiel Lebensmittellieferungen ab. Der achtjährige Xahya besucht die Künkelinschule, die vierjährige Maryam geht in den Kindergarten. „Sie ist dort sehr glücklich. Man hat uns erzählt, dass sie sehr sportlich ist“, sagt Lelav Mahmoud, die in Mossul am Empfang der Geburtsstation eines Krankenhauses gearbeitet hat.

Große Fortschritte beim Deutsch lernen

Die 35-Jährige und ihr gleichaltriger Mann besuchen von Januar an den Integrationskurs. Weil sie schon jetzt mit ehrenamlichen Sprachhelfern fleißig Deutsch gelernt haben, dürfen sie beide bereits auf einem höheren Level einsteigen. „Die beiden gehören zu den treuesten Seelen“, erzählt eine Sprachhelferin. Oft fehlt jetzt nur noch der Mut, die neuen Kenntnisse auch zu nutzen und sich nicht mit Englisch zu behelfen. „Ich verstehe inzwischen fast alles, aber das Sprechen fällt mir schwer“, sagt Abdullah Fathi. Trotzdem bleiben die Iraker dran. „Wir wissen, dass Sprache alles ist“, sagt Abdullah Fathi.




Unsere Empfehlung für Sie