Renningen Alle gewinnen – nur das Böse verliert

Von Brunhilde Arnold 

Dem Naturtheater gelingt mit dem Familienstück ein spannender Auftakt in die Saison.

Mit großer Bühnenpräsenz   hauchen  die großen und kleinen Mimen  „Dem Zauberer von Oz“  Leben ein. Foto: factum/Bach
Mit großer Bühnenpräsenz hauchen die großen und kleinen Mimen „Dem Zauberer von Oz“ Leben ein. Foto: factum/Bach

Renningen - Wo ist der Wauwau?“ ruft ein kleines Mädchen aus dem Publikum beharrlich, während das Jugendorchester des Renninger Harmonika-Clubs vor dem Auftreten der Schauspieler zur Premiere des Familienstücks „Der Zauberer von Oz“ ein ums andere Musikstück zum Besten gibt. Und bevor der Hund dann schließlich auf die Bühne hüpfen kann, lädt der Bürgermeister Wolfgang Faißt alle Kinder zu sich nach vorne ein, damit sie das Publikum in dem 748 Sitzplätze umfassenden Zuschauerbereich einmal aus der Perspektive der Schauspieler sehen können, wie er sagt. „Das Naturtheater ist ein kultureller Botschafter weit über unseren Kreis hinaus“, so Faißt. Dass es in diesem Jahr bereits in der 63. Saison spiele, sei eine „gigantische Leistung“.

Dann endlich darf Toto, der Hund, auf der Bühne im Wald erscheinen. Das agile Tier, gespielt von der 13-jährigen Felicia Göttler aus Ditzingen, ist der treue Freund des Mädchens Dorothy. Deren Figur füllt die 18-jährige Gymnasiastin Maike Engst aus Rutesheim aus. Sie spielt die Hauptrolle – die eigentlich sie innehat und weniger der titelgebende Zauberer von Oz – mit viel Engagement. Und die Publikumslieblinge in diesem Familienstück sind außer Dorothy ohnehin ihre Begleiter, die sie auf ihrer Reise in die fantastische Welt von Oz kennenlernt.

Da sind die Vogelscheuche aus Stroh ohne Gehirn, der Blechmann ohne Herz und der Löwe ohne Mut. Sie alle leiden unter ihrem Mangel und sind bereit, zum Zauberer zu ziehen, der ihnen   vielleicht helfen könnte. Und er sollte Dorothy wieder nach Hause nach Kansas bringen. Denn sie ist von einem Wirbelsturm ins Land von Oz getragen worden – spannend inszeniert mit graugekleideten Schauspielern, die ordentlich Bewegung auf die Bühne bringen.

Die böse Nordhexe ist die Paraderolle

Dort erscheint Dorothy die sanfte, ganz in Gold gekleidete gute Hexe Glinda, gespielt von Nadine Leutelt. Ihre Paraderolle aber hat diese Schauspielerin etwas später als böse Nordhexe. Mit enormer Bühnenpräsenz verkörpert sie kraftvoll die finstere Macht, die ihre Untertanen, die Winkis,    nach Lust und Laune herumkommandiert.

„Kein Fühlen, kein Denken, denn ich will euch lenken“, lautet das Motto der Nordhexe. „Reiht euch ein in Reih und Glied, denn ihr sollt meine Knechte sein“, fordert die Schwarzgekleidete.

Dass ein solcher Anspruch in einem vor rund 120 Jahren von dem Amerikaner Lyman Frank Baum geschriebenen und längst zum Klassiker gewordenen Kinderbuch nicht gut gehen kann, ist vorhersehbar. So erfüllt Dorothy denn auch mehr zufällig die Forderung des Zauberers, die Hexe zu töten. Das Mädchen begießt sie eher unabsichtlich mit Wasser, worauf die Böse schmilzt – grandios dargestellt von Nadine Leutelt. Der Beifall des Publikums belohnt sie dafür.

Der Blechmann hat ein Herz

Am Ende ist – wie könnte es anders sein – alles gut: Dorothy ist wieder daheim in Kansas, die Vogelscheuche ist klug, der Blechmann hat ein Herz, das kräftig schlägt, und der Löwe ist kein Hasenherz mehr, sondern so mutig, dass ihn die Tiere zu ihrem König wählen. Und das alles ist mehr aus eigener Kraft gelungen, als durch Zauberkräfte. Der Zauberer, dargestellt von Thomas Vogel, öffnet ihnen nur die Augen für das, was in ihnen steckt. Er selbst erweist sich als ein einfacher Mensch ohne besondere Kräfte. Er ist nur „ein Ballonfahrer aus Omaha“.

Insgesamt sind 16 Schauspielerinnen und Schauspieler an der Aufführung beteiligt, unter ihnen viele Jugendliche. Doch die Regisseurin Janne Wagler und die Choreografin Jennifer Walter lassen das Ensemble durch den geschickten Einsatz der Darsteller viel größer wirken. Dabei spielen auch die unterschiedlichen farbenfrohen Kostüme der verschiedenen Gruppen wie der blauen Mümmler, der roten Mohnblumen, der Feldmäuse, der grünen Pummel und der gelben Winkis eine große Rolle. Viel Bühnennebel sorgt an den richtigen Stellen für zusätzliche Dramatik. Und die Musik von Randy Lee Kay spielt sich wie ein roter Faden durch die Inszenierung.

Das Publikum belohnt am Schluss mit donnerndem Applaus, was der Naturtheater-Verein in diesem Jahr für Familien auf die Beine gestellt hat. Und auch die kleinen Zuschauer sind angetan. „Gut, witzig, spannend, toll“, lauten die Kommentare der befragten Acht- bis Zehnjährigen. Angst hätten sie keine gehabt, obwohl es manchmal recht heftig auf der Bühne zugegangen ist. Nur einmal, als das Untier Kalidah verscheucht werden konnte, geht ein befreiendes Lachen durch die Zuschauerreihen und es gibt spontanen Beifall.

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