Renningen Liegt zwischen den Pyrenäen-Bergen die Lösung?

Von Florian Mader 

Ein alter Gedenkstein taucht auf einer Baustelle auf. Und ein Stadtarchivar erforscht dessen Herkunft.

Mathias Graner und der merkwürdige Stein, dessen Herkunft er ergründet. Foto: factum/Granville
Mathias Graner und der merkwürdige Stein, dessen Herkunft er ergründet. Foto: factum/Granville

Renningen - Protokolle des Gemeinderates einsortieren, Zeitungsausschnitte sammeln – das Leben als städtischer Archivar ist weniger aufregend, könnte man meinen. Mathias Graner sitzt zwischen seinen alten Unterlagen und einem modernen Computer, verrichtet sein Tagwerk, und seine Augen leuchten dabei. „Die Arbeit eines Archivars ist immer auch ein wenig Detektivarbeit“, widerspricht er dem gängigen Vorurteil. Dann nämlich, wenn er die Spürnase aktiviert, nach vielen Puzzleteilen fahndet, die sich am Ende zu einer interessanten Geschichte zusammenfügen.

So wie bei jenem Vermerk einer Kollegein, der Mathias Graner im September auf seinen Schreibtisch gepurzelt ist. „Ein merkwürdiger Stein“, schrieb sie ihm aus dem Renninger Tiefbauamt. Ein Bauarbeiter habe ihr das gemeldet, etwas Historisches sei das, da sei doch er zuständig. „Dem Polier auf der Baustelle muss man natürlich dankbar sein“, sagt Mathias Graner, „dass er das gemeldet hat – und nicht einfach weiter buddelte.“

G. Galland und G. Terrien sind abgestürzt

Natürlich ist der Renninger Archivar sofort zu der Wiese gefahren, wo derzeit ein neues Industriegebiet entsteht. Und während er erzählt, leuchten seine Augen noch mehr. Ein G. Galland und ein G. Terrien, ist da zu lesen, „sont tombés en service aérien“, bei einem Flugzeugabsturz seien diese beiden Herren der französischen Luftwaffe also ums Leben gekommen. Aber wo? Und wie? Und wann?

Mathias Graner hatte wieder einmal Futter für seinen detektivischen Spürsinn gefunden. „Da zeigt sich eben, wozu ein Archiv nützlich ist“, sagt er und macht sich auf, wühlt in alten Zeitungsausschnitten und Gemeinderatsprotokollen. 29. Juni 1968 war dem Stein zufolge das Datum des Unglücks. In den Nachkriegsjahren hatte es viele Abstürze von Militärflugzeugen gegeben. Das Problem: Renningen lag in der amerikanischen Besatzungszone – was also tat ein französische Flugzeug hier? Und: 1968 war der Krieg ohnehin lange vorbei.

„Um das Jahr 1968 ist hier kein Flugzeugabsturz dokumentiert“, muss Graner mit Blick auf all die Dokumente seines Archivs feststellen. Ratlos ist er aber noch lange nicht. Zum Repertoire eines Archivars gehören immer auch die Beziehungen. „Und da hatte ich ein Ass im Ärmel“, erzählt Graner und schmunzelt.

Das Ass heißt Roland Watzl, wohnt in Weissach – und weiß alles über Flugzeugabstürze, mit denen sich der Hobbyhistoriker in seiner Freizeit leidenschaftlich beschäftigt. „Der Flieger ist gar nicht über Renningen abgestürzt“, weiß Roland Watzl nach kurzer Recherche zu berichten. Selbstverständlich verfügt der Experte über Beziehung bis nach Frankreich – und die bestätigen: Gérard Galland und Georges Terrien waren am 29. Juni 1968 auf den Col de Jau, nahe dem Pyrenäendorf Counozouls, geprallt und gestorben. Sogar einen Gedenkstein gibt es dort im Südwesten Frankreichs, der an das Unglück erinnert.

Jedes Puzzleteil bringt neue Fragen

Mathias Graner kann also ein fertiges Puzzleteil seiner Recherche einsortieren – und doch stellen sich für ihn jetzt ganz neue Fragen. Wie kam der Gedenkstein, den selbst ein kräftiger Mann nur mit Mühe stemmen kann, nach Renningen? Wo war der Stein, an dem noch Mörtelreste kleben, ursprünglich angebracht? „Das ist ja schließlich kein Grabstein, den man irgendwann nicht mehr braucht“, weiß der kundige Historiker, „sondern ein Gedenkstein, den man für die Ewigkeit anbringt.“

Der Landwirt in Renningen, der die Wiese der Fundstelle seit 2012 bewirtschaftete, hatte den Stein zwar gesehen, ihm aber nie eine besondere Bedeutung beigemessen. Und sein Vorgänger hat den Stein – nach eigener Angabe – nie gesehen. „Vielleicht weiß ja jemand in Frankreich Näheres“, dachte sich Archivar Mathias Graner schließlich. An die Départementsverwaltung in Aude (Südfrankreich) schrieb er deshalb – und hofft noch immer auf eine Antwort.

Aber das kann durchaus dauern. In einem anderen Fall, als er in Amerika recherchierte, trudelte die Antwort zwei Jahre später ein. Aber wer zwischen jahrhundertealten Dokumenten arbeitet, hat Zeit. Und so wartet Mathias Graner eben auf das nächste Puzzleteil.




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