Rennleiter Werner Aichinger „Ich mag Oldtimer, bin ja selbst einer“
Ohne ihn läuft beim Solitude Revival am Samstag, 20., und Sonntag, 21. Juli, nichts. Werner Aichinger zeigt den Fahrern auf der ehemaligen Rennstrecke, wo’s langgeht.
Ohne ihn läuft beim Solitude Revival am Samstag, 20., und Sonntag, 21. Juli, nichts. Werner Aichinger zeigt den Fahrern auf der ehemaligen Rennstrecke, wo’s langgeht.
Stuttgart - Rennleiter Werner Aichinger über tolle Strecken, teures Alteisen und Formel-Autos, die wie Stabmixer klingen
Herr Aichinger, erklären Sie bitte einem Motorsportidioten, was ein Rennleiter macht.
Wissen Sie, was ein Schiedsrichter beim Fußball tut?
Ja, er stellt bei Bedarf Spieler vom Platz.
So was Ähnliches mache ich auch. Nein, ganz im Ernst: Ich bin der Regelhüter, der aufpasst, dass, wenn alle rechtsrum fahren, nicht einer linksherum fährt. Kurzum, mein Job ist es, darauf zu achten, dass ein Rennen in geordneten Bahnen abläuft.
Sie waren 17 Jahre lang Rennleiter beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim. Ist da mal einer falsch herum gefahren?
Nein, richtig schräge Ausreißer gab es keine. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich vor jedem Rennen eine Fahrerbesprechung mache. Da geht es nicht darum, dass ich den Piloten erkläre, welche Flagge welche Bedeutung hat. Das wissen die bereits. Es geht darum, die Strecke vorzustellen und den Fahrern zu sagen: „Passt auf, wenn ihr dort über die Kante fahrt, macht ihr euch die Reifen kaputt.“
Gibt’s einen Videobeweis wie beim Fußball?
Auf modernen Rennstrecken schon, da gibt es jede Menge Kameras. Da kannst du im Ernstfall eine Situation genauer oder auch mehrfach in der Rennleitung anschauen, dir eine Meinung bilden oder im Ernstfall bestmöglich die Rettungskräfte koordinieren. Im Moment bin ich gerade in der Rennsport-Diaspora in Polen. Das Layout der Strecke ist toll, das Asphaltband astrein. Aber Monitore gibt es hier keine. Das ist wie Autofahren, ohne nach vorne rauszugucken.
Sie werden am Samstag, 20., und Sonntag, 21. Juli, beim Solitude Revival wieder den Rennleiter geben. Was gibt es da für Sie zu tun, das ist ja kein Rennen?
Deshalb bin ich da auch Fahrleiter. Aber eine Ansprache an die Fahrer braucht es dennoch. Die versammle ich Samstagfrüh vor der Hans-Herrmann-Tribüne und verkünde mein Wort zum Sonntag.
Weil die Strecke anspruchsvoll ist.
Das ist sie. An manchen schnellen Stellen gibt es keine Leitplanken. Nur die Kurven im Mahdental haben durchgehend Leitplanken. Außerdem gibt es Passagen durch den Wald vor Büsnau, da wurden früher Geschwindigkeiten von weit über 200 km/h gefahren. Deshalb müssen wir da Maximalgeschwindigkeiten vorschreiben und die Fahrer mit Strohballen ausbremsen. Außerdem schicke ich die einzelnen Gruppen mit Führungs- und Schlussfahrzeug auf die Strecke. So verhindern wir, dass sich Gruppen vermischen, die nicht zusammenpassen.
Scheint, als hätten Sie ein Herz für Oldtimer.
Ich mag Oldtimer, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich selbst einer bin. Ich habe schon den Oldtimer-Grand-Prix am Nürburgring gemacht und mich dabei unsagbar wohlgefühlt. Die Fahrer bei solchen Veranstaltungen sind meist gut situierte Herrschaften, die bereits was im Leben erreicht haben. Die wollen nicht auf Teufel komm raus Weltmeister werden. Denen ist es wichtig, dass sie ihre automobilen Schätze präsentieren können, die Frau oder Freundin mitbringen können, es abends was Gutes zu essen gibt und der Weißwein schön gekühlt ist. Ich kann das inzwischen nachvollziehen.
Der Rennleiter steht auch selbst auf Tempo?
Tut er. Ich war schließlich mal selbst aktiv. Angefangen habe ich mit Rallyesport, von 1973 bis 1983 fuhr ich Rundstreckenrennen, zuerst auf einem BMW 2002, dann auf einem Alfa Sud. Einen meiner Oldtimer nehme ich mit zur Solitude. Der hat früher auf den Rennstrecken Dienst gemacht und für die Sicherheit gesorgt. Es ist ein Streckensicherungsfahrzeug aus der ONS-Staffel, der Porsche 928 S ONS3. Den werde ich an der Solitude zwar nicht selbst fahren, aber sonst bin ich damit gern unterwegs.
Als Ex-Pilot wissen Sie, wie die Fahrer ticken.
Ich weiß, wie ein Rennen durch eine Rennfahrerscheibe ausschaut. Wenn man etwas beurteilen will, sollte man es selbst mal gemacht haben. Das ist wichtig und leider heute nicht immer der Fall. Deshalb verstehe ich meine Fahrer manchmal besser als so manch gelernter Rennleiter.
Apropos gelernt. Eigentlich sind Sie gelernter Geometer, wie man im Schwäbischen sagt, also Vermessungsingenieur. Was war zuerst da, die Geodäsie oder die Rennfahrerei?
Zuerst war das Vermessungsbüro da, das mein Vater nach dem Krieg gegründet hat. Es war normal, dass der Junge das auch lernt. Also habe ich eine Ausbildung als Vermessungstechniker beim Stadtmessungsamt in Esslingen absolviert. Nach dem Kommiss habe ich Anfang der 70er Jahre den Ingenieur gemacht. Zu der Zeit bin ich schon Rennen auf der Nordschleife gefahren, was aus heutiger Sicht reichlich beknackt klingt. Damals ging das noch, aber auch nur, weil meine Frau mitgezogen hat.
Aber irgendwann gaben Sie dem Motorsport den Vortritt.
Vor mehr als 20 Jahren. Damals habe ich meinem Bruder, mit dem ich das Vermessungsbüro unseres Vaters geführt habe, gesagt: „Lass mich gehen. Ich mache den Rennsport jetzt fulltime. Nur eine Bitte habe ich: Wenn ich auf die Schnauze fliege, lass mich wieder in die Firma kommen.“ Aber zum Glück ist das nicht passiert.
Gibt es einen Bezug zwischen Geodäsie und Rennsport?
Nur insofern, dass ich auch Fahrerlager gebaut habe. Da kam mir entgegen, dass ich bei Plänen zu Hause bin.
Sitzen Sie noch gern hinterm Steuer?
Bei den heutigen Autos mit Hunderten von Helferlein an Bord hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Das ist für mich nicht mehr die Form Autofahren, die ich liebe. Das entspricht nicht dem Freiheitsgefühl, das ich mit dem Autofahren verbinde. Ich bin technikaffin und will über die Technik im Wagen bestimmen. Und nicht umgekehrt.
Das Solitude Revival blickt zurück auf die goldenen Zeiten des Motorsports. Wie schaut die Zukunft aus, wird die elektrisch?
Ich bin da skeptisch. Ich war schon bei etlichen Formel-E-Rennen, aber da kommen für mich keine Emotionen auf. Die Generation Playstation schaut zu, und ein Rennen hört sich an, als liefe bei mir daheim in der Küche ein Stabmixer.
Es muss also stinken und knattern.
Nicht mal unbedingt. Aber das Auto sollte schon ein ansprechendes Geräusch von sich geben. Wie es weitergehen wird mit dem Auto und dem Motorsport? Wer weiß das schon. Mir wäre es wichtig, dass wir das Auto als Kulturgut begreifen und als solches erhalten. Deshalb denke ich auch, dass Oldtimerveranstaltungen eine Zukunft haben.