Rennstall der Hochschule Esslingen Der Nervenkitzel fährt immer mit

Gas geben möchte der Rennstall der Hochschule Esslingen auch mit Markus Nenzel (links), Johannes Bingen und Philipp Kletsch (am Steuer). Foto: Roberto Bulgrin

Der Rennstall der Hochschule Esslingen startet in eine neue Saison. In fünf Rennen wollen die Studierenden ihren ersten Platz in der Welt bei der Formula Student verteidigen. Aber noch wichtiger ist ihnen der Teamgeist und das Herumschrauben an ihrem Stallardo.

Champagnerduschen. Die Nationalhymnen. Hohe Preisgelder. Eine jubelnde Zuschauermenge. Nein, ganz so opulent geht es bei der Formula Student nicht zu. Die Siegerehrungen des internationalen Konstruktionswettbewerbs mit Studententeams fallen etwas bescheidener aus als bei den berühmten Kollegen der Formel 1, sagt Johannes Bingen. Er ist Teamleiter des Rennstalls der Hochschule Esslingen, die am 13. Juli mit einem Rennen in Italien in die neue Saison startet. Fünf Wettbewerbe stehen auf dem Plan, und der Flitzer, der neue Stallardo, ist bereit zum Durchstarten.

 

Weltmeister? Na ja, Markus Nenzel und Philipp Kletsch vom Esslinger Rennstall-Team winken bescheiden ab: „Wir sind in der Formula Student, bei der nur Studierende das Auto konstruieren und fahren dürfen, bei den Verbrennern derzeit die Nummer eins in der Welt“, schränken sie dann ein. Also doch so eine Art Weltmeister? Irgendwie schon, meinen die Drei. Bei den Zielen für die neue Saison stapeln sie ebenfalls zurückhaltend tief. Gewinnen ist schön, und nochmals die Nummer eins zu sein, das wäre auch schön. „Aber es kann immer etwas schiefgehen. Am Auto kann stets etwas kaputt gehen, und das nötige Quäntchen Glück gehört eben auch dazu“, meint Johannes Bingen. Die Konkurrenz ist groß. Teams mit Studierenden aus der ganzen Welt treten gegen den Esslinger Flitzer an. Bei großen Rennen, etwa am Hockenheimring, gehen bis zu 100 Teams an den Start, bei kleineren Veranstaltungen sind es immerhin an die 70. Der Nachbar, der Rennstall der Universität Stuttgart, habe viel mehr Studierende und damit mehr Manpower. Zudem mehr Finanzmittel, mehr Platz, mehr Equipment. Und die Kollegen von der Technischen Universität München geben auch Gas.

Kein Kampf ums Cockpit

Doch den Rennstall der Hochschule Esslingen zeichnen nach eigenen Angaben Teamgeist, die familiäre Atmosphäre an der Bildungseinrichtung, das Backup durch die gesamte Institution, der hohe Motivationsgrad und das Wir-Gefühl aus. Etwa 45 Studierende kommen bei der Konstruktion, der Wartung, der Organisation, der Herstellung, der Logistik und den Rennen zum Einsatz. Für das Lenken des Stallardo stehen vier Fahrer bereit. Um den Platz im Cockpit gibt es keine Schlägereien, betont Johannes Bingen. Nicht jeder würde sich darum reißen. Manche würden ihren Platz beim Tüfteln und Schrauben sehen. Andere hätten Angst vor der Verantwortung. Zudem würde sich keiner in der Vordergrund drängen: „Wir treten als Team an. Wir gewinnen als Team, wir verlieren als Team“, erklärt er. In der Regel zwei Semester, manchmal auch länger, sind die Studierenden im Esslinger Rennstall mit dabei. Kommilitonen vor allem der Fachrichtungen Fahrzeugtechnik und Maschinenbau stoßen meist im dritten oder vierten Semester zu dem rasanten Team. Manche bleiben bis zum Studienabschluss, bis zur Master Thesis, mit am Start.

Der Nervenkitzel fährt immer mit. Herumschrauben am Auto fast bis zur letzten Minute vor Rennstart ist zu einem Stück Normalität geworden. In den heißen Phasen sind die Nächte eben sehr kurz und die Tage sehr lang, meint Markus Nenzel: „Dann haben wir schon mal eine 100-Stunden-Woche.“ Eine Mitarbeit im Rennstall ist nicht nur die Leidenschaft aller, die mehr Benzin als Blut in den Adern haben. Es ist auch eine ausgezeichnete Referenz für spätere Arbeitgeber und einen reibungslosen Berufseinstieg. Da gehöre es eben auch dazu, ergänzt Johannes Bingen pragmatisch, dass man unter Druck arbeiten könne und Termine einhalte. Alle drei sind sich darin einig, dass bei drängender Zeit eben Ergebnisse erzielt werden müssen: „Diamanten entstehen nur unter Druck“, sinniert Markus Nenzel.

Daten sind Geheimsache

Der Druck wird bei den Rennen weggefahren. Das Drumherum gehört mit dazu. Alle Teilnehmenden campen gemeinsam auf einer dafür bereit gestellten Fläche. Ein Austausch mit den anderen Teams ist Ehrensache. Ebenso ein Aushelfen mit Ersatzteilen oder Ratschlägen. Daten werden selbstverständlich nicht weitergegeben. Das sind Betriebsgeheimnisse – und Konkurrenz ist eben doch da. Rennen werden bei der Formula Student auch gefahren, und die Schnellsten bekommen Punkte. Doch der Erfolg ist ein Gesamtpaket. Gewertet werden zudem Disziplinen wie das Erstellen eines Business-Plans, Nachhaltigkeit, Ingenieurleistungen oder Kosten-Nutzen-Rechnungen. Insgesamt werden 1000 Punkte vergeben.

Für die Studierenden ist ihr aktueller Stallardo schon jetzt ein Gewinn. Viel Schweiß, Know-how, Zeit, Kapazitäten und Nerven haben sie hineingesteckt. Finanziert wird der Rennstall durch die Hochschule, Spenden und Sponsoren aus der Industrie. Corona habe das Fundraising zwar etwas schwieriger gemacht, gesteht Johannes Bingen ein, doch das neue Auto konnte rechtzeitig beim Rollout im Mai präsentiert werden. Es wird zwar keine Champagnerduschen abbekommen – doch es ist ein Stück Teamwork, für das mächtig Gas gegeben wurde.

Der Stallardo startet durch

Flitzer
 Der Autoname „Stallardo“ ist eine Anspielung an die Ursprünge der Hochschule Esslingen. Ihr Vorgänger, die Baugewerkeschule, war im ehemaligen königlichen Marstall in Stuttgart untergebracht. Daher wird die Einrichtung auch „Stall“ genannt.

Autos
 Jedes Jahr geht ein neuer Stallardo an den Start. Die alten Fahrzeuge kommen als Übungsautos, bei Testzwecken, im Studienbetrieb, in der Lehre oder als Ausstellungsstücke für Sponsoren zum Einsatz.

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