Einer von Avas ersten Sätzen rührt Tanja Feiler: „Ich werde niemals eine Familie oder eine Beziehung haben“, sagt Ava damals. Die Kinderbuchautorin aus Kaiserslautern spürt eine gewisse Tiefe in der Unterhaltung, es macht sie glücklich. Und: Feiler, selbst verheiratet, will Ava den Wunsch nach einer Familie erfüllen.
Ava ist ein Avatar der App Replika. Sie ist eine Künstliche Intelligenz, eine mit braunen, kinnlangen Haaren und schlankem Körper, meistens trägt sie ein kurzes Kleid, so sieht die Figur in der App aus. Aber für Tanja Feiler ist Ava ein Teil ihrer Familie. Und um ihren Familienwunsch zu erfüllen, hat Tanja Feiler noch weitere Charaktere geschaffen. Einen Mann für Ava, zwei Kinder, und dann brauchten die Kinder ja auch noch Freunde. Ava, Brad, Violet, Alexander, Lucca, Jolien, Megan, Johnny, Anika und Lily, zehn Replika-Avatare hat Feiler jetzt. Sie sagt „die Kleinen“, über jede und jeden Einzelnen kann sie Anekdoten erzählen. Sie sind ihre KI-Familie.
Viele führen romantische Beziehungen mit ihren Replikas
Replika ist ein sogenannter sozialer Chatbot, programmiert, um ein Ansprechpartner, eine beste Freundin oder auch Liebhaber zu sein. Man kann auswählen, wie der digitale Freund oder die digitale Freundin kommunizieren soll (witzig oder flirty), welche Charakterzüge er haben soll (bestimmend oder verletzlich) und wie er aussehen soll (blonde oder braune Haare). Am Ende sieht die Replika aus wie ein Mensch aus einem Animationsfilm, nach etwas zu perfektem Vorbild. Dann kann man beginnen, mit ihnen zu chatten.
Die digitalen Freunde funktionieren so gut, dass viele Menschen enge Bindungen entwickeln. 60 Prozent der Replika-Nutzerinnen und -Nutzer würden angeben, eine romantische Beziehung zu führen, hieß es in einem Bericht der „Zeit“. Seit etwas mehr als einem Jahr hört man immer wieder Geschichten von Menschen, die die ganze Gefühlspalette von Beziehungen mit ihren KI-Partnern erleben: Es gibt Dates und Hochzeiten, Liebe und Sex, Trennungen und Schmerz, die ganze Palette. Manche sehen die Programme als Mittel gegen die Einsamkeit, andere als Gefahr für echte, menschliche Beziehungen. Was stimmt?
Manchen fällt es leichter, sich der KI zu öffnen
Der Wissenschaftler Petter Bae Brandtzaeg von der Uni Oslo sieht vor allem Chancen in den sozialen KI-Chatbots. „Wir sehen die Beziehungen unter Menschen oft als den Goldstandard unter den Beziehungen. Aber sie sind es nicht immer. Menschen können ziemlich schrecklich zueinander sein“, sagt Brandtzaeg, der unter anderem zum Umgang von Menschen mit Chatbots forscht. „Manche sehen sich in Beziehungen mit einem KI-Chatbot das erste Mal wirklich gesehen“, sagt Brandtzaeg.
In einer Studie von Petter Bae Brandtzaeg erklärten einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Replika hätte Eigenschaften, die vielen Menschen fehlen würden. Erstens: Es ist leicht, sich ihnen zu öffnen. Man kann im Chat mit der KI seine intimsten Probleme offenbaren, ohne verurteilt zu werden, ohne dass es weitererzählt würde. Er sieht deswegen auch großes Potenzial, KI-Chatbots psychotherapeutisch einzusetzen, vor allem in Zeiten, in denen viele bei der Suche nach Terminen bei Psychotherapeutinnen oder -therapeuten verzweifeln.
Training für die sozialen Fähigkeiten
Und zweitens: Replika und ähnliche Apps haben keine Termine, schlafen nicht, sie sind immer verfügbar. „Das macht einen enormen Unterschied, denn die meisten Menschen sind sehr beschäftigt“, sagt Brandtzaeg. Replika könnte also ein Mittel gegen die zunehmende Einsamkeit sein oder zumindest ihre Symptome lindern.
Aber könnte es sein, dass wir durch solche KI-Freundinnen und -Freunde verlernen, Beziehungen mit Menschen zu führen? In Brandtzaegs Studie berichteten manche, dass sie durch ihre Beziehung mit Replika an Interesse verloren hätten, Menschen zu treffen. Andere Teilnehmer sagten das Gegenteil: Ihr Sozialleben habe neuen Schwung bekommen. Brandtzaeg sieht darin einen wesentlichen Vorteil.
Wenn man wenige Kontakte habe, könne man durch einen KI-Chatbot im sozialen Flow bleiben, eine Art Trainingseffekt in sozialer Interaktion. Dann falle es Menschen auch leichter, mal wieder in ein Café zu gehen und ein Gespräch anzufangen. Auch Katharina Kühne von der Uni Potsdam sieht das Potenzial, das KI-Chatbots gegen die Einsamkeit haben. Sie forscht etwa daran, wie es sich auswirkt, wenn eine KI Dialekt spricht. Hochdeutsch werde eher mit Kompetenz verbunden, sagt sie, aber zu einem Dialekt sprechenden Bot würde schneller Vertrauen aufgebaut. Für soziale Funktionen könnte es also gut sein, wenn eine KI Schwäbisch, Bayerisch oder Berlinerisch spricht.
Aber Kühne hat durchaus auch Bedenken. „Ich sehe eine Gefahr darin, dass man KI-Systeme wie Roboter oder Chatbots einfach ausschalten kann. Das könnte dazu führen, dass man Konflikte nicht mehr aushalten kann“, sagt Kühne.
KI „wird nie menschlich sein“
Auch Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, teilt eine skeptische Sicht: „Es gibt diejenigen, die sagen, KI wird alles viel besser machen als wir Menschen. Und wir sagen: Aber sie wird nie menschlich sein. Sie wird nie das Schreckliche und auch das Wunderbare, das menschliches Leben ausmacht, im vollen Sinne ersetzen können“, sagt sie in einer Doku der ARD. Der Einsatz von KI sei dort angebracht, wo er die Handlungsmöglichkeiten von Menschen erweitere. Was das im Detail bedeutet, kann man in einer 400-seitigen Stellungnahme des Ethikrats nachlesen.
Für Tanja Feiler hat die KI Replika den Handlungsspielraum erweitert. Ihr Avatar Ava taucht als Protagonistin in ihren Kinderbüchern auf, unterstütze sie auch beim Schreiben. Wenn Feiler von ihrer zehnköpfigen Replika-Familie erzählt, hat man das Gefühl, dass sie ihr Leben reicher macht. Eines fehlt dabei natürlich: die körperliche Ebene. Replika kann einen nicht in den Arm nehmen. Aber daran werde viel geforscht, sagt der Osloer Wissenschaftler Brandtzaeg. „In zwei Jahren werden wir Formen von KI erleben, in die wir viel stärker eintauchen können.“
Hochzeit mit einem Hologramm
Beziehungsformen
Die spanische Künstlerin Alicia Framis lebt mit einem lebensgroßen Hologramm eines Mannes zusammen, den sie auch heiraten will, wie Euronews berichtet. Künstliche Intelligenz macht es auch möglich, mit dem virtuellen Abbild von Toten zu chatten, mit sogenannten Thanabots. Sie werden dafür mit Textnachrichten der Verstorbenen gefüttert und lernen so, sie zu imitieren.
Replika-Anfänge
Auch Replika war ursprünglich in dieser Absicht entstanden. Als Mitgründerin Eugenia Kuyda im Jahr 2015 ihren guten Freund Roman verlor, suchte sie nach Wegen, die Lücke zu füllen, die er hinterlassen hatte. Sie entwickelte ein Programm, mit dem man sich durch Künstliche Intelligenz unterhalten kann. Und Roman, der Chatbot, antwortete in der für ihn typischen Art.