Respektlotsen in Stuttgart-Zuffenhausen Botschafter für mehr Toleranz – Mitstreiter gesucht

Das Respektlotsen-Team startete seine Tour am Kelterplatz in Zuffenhausen: Netice Kolb, Darius Sava, Fatma Gül, Franky Koungang, Werner Mast, Franka Zimmerer und Bezirksvorsteher Saliou Gueye (von links). Foto: Georg Friedel
Das Respektlotsen-Team startete seine Tour am Kelterplatz in Zuffenhausen: Netice Kolb, Darius Sava, Fatma Gül, Franky Koungang, Werner Mast, Franka Zimmerer und Bezirksvorsteher Saliou Gueye (von links). Foto: Georg Friedel

Respektlotsen setzen sich in Stuttgart für ein friedliches und respektvolles Miteinander ein – auch in Zuffenhausen. Doch was machen die Lotsen eigentlich genau?

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Stuttgart - Wie soll man sich verhalten, wenn Leute ihre Pizzaschachteln in die Grünanlagen werfen oder den Müll einfach neben der Parkbank liegen lassen? Unter dem Motto „Respekt geben, Respekt teilen“ sind seit über einem Jahr sogenannte Respektlotsen im Stadtgebiet unterwegs. Sie sprechen Mitbürger an und geben Impulse für einen respektvollen Umgang miteinander. Nun waren sie zwei Tage lang in Zuffenhausen im Einsatz.

Vorfall im Inselbad führte zur Aktion

An ihren blauen T-Shirts sind sie zu erkennen. „Respektlotsen“ steht auf dem Rückenteil der Textilien. Ihre Motivation ist: „Mithelfen, dass die Welt ein wenig respektvoller wird“, sagt Franka Zimmerer. Die 20-jährige Studentin aus Stuttgart-Ost ist seit dem Beginn des Projektes dabei. Vor 15 Monaten wurde die Initiative gestartet. Die Abteilung Integrationspolitik und die kommunale Kriminalprävention der Stadt haben das Konzept gemeinsam entwickelt und fanden im Gemeinschaftserlebnis Sport, dem Verein Sicheres und Sauberes Stuttgart, den Bäderbetrieben und der Jugendhausgesellschaft eine Reihe von Kooperationspartnern. Ausgangspunkt für die Aktion war ein Vorfall im Inselbad Untertürkheim, wo sich im Sommer 2019 rund 50 Gäste gegen einen Bademeister solidarisiert hatten und teilweise randalierten, weil einer der Jugendlichen von der Badeaufsicht auf sein Fehlverhalten in dem Freibad hingewiesen wurde. Im Sommer 2020 ereignete sich dann die Stuttgarter Krawallnacht. Geschäfte in der Innenstadt wurden geplündert, Polizisten angegriffen und verletzt. Dadurch gewann das Thema zusätzlich an Brisanz. Denn so richtig entspannt, hat sich die Situation seitdem nicht.

Eine Sache der Wertschätzung

An diesem Punkt setzen die Respektlotsen an. Sie gehen auf Menschen zu, besprechen Probleme im Stadtbezirk, versuchen Konflikte zu entschärfen oder sprechen ganz einfach darüber, wie ein respektvolles Miteinander gelingen kann. Franka Zimmerer bildet in Zuffenhausen mit Darius Sava ein Lotsen-Team. „Wir sind entweder zu zweit oder dritt unterwegs“, sagt sie. Vom Kelterplatz geht es zum Zehnthof und von dort zum Emil-Schuler-Platz. Dort herrscht reges Treiben. Die beiden gehen auf eine Gruppe junger Männer zu, die hier offenbar ortsfremd sind und kaum Deutsch sprechen. Die Unterhaltung dauert nur kurz. Zwei junge Frauen auf einer der Sitzbänke sind da gesprächsbereiter. Sie löffeln in der Mittagssonne ihr Eis. „Ich finde das Respektlotsen-Projekt sehr gut, aber ich glaube nicht, dass es etwas bewirkt“, sagt eine der beiden Zuffenhäuserinnen und erklärt ihre Philosophie, die nach dem Prinzip „Wie du mir, so ich dir“ funktioniert: „Nur wer mich wertschätzt, bekommt auch meine Wertschätzung“, erklärt sie.

Bezirksvorsteher: Zuffenhausen ist besser als ein Ruf

Natürlich wissen auch Zimmerer und Sava, dass sie bei ihren Touren nicht von heute auf morgen die Welt zum Guten verändern können. Doch wenn sie die eine oder andere Person zum Nachdenken bringen und für das Thema sensibilisieren, ist das schon genug. Bezirksvorsteher Saliou Gueye ist jedenfalls über den Einsatz sehr froh: „Wir möchten dieses Thema in Zuffenhausen aktiv aufgreifen und präventiv agieren, um zukünftigen Konfliktpotenzialen vorzubeugen und ein gutes Miteinander in einem von Vielfalt geprägten Stadtbezirk zu gewährleisten“, sagt er. 55 Prozent der Einwohner Zuffenhausens haben einen Migrationshintergrund, in Zuffenhausen-Rot sind es sogar über 70 Prozent. Auf „seinen“ Stadtbezirk lässt der Leiter des örtlichen Bezirksrathauses aber nichts kommen: „Zuffenhausen ist besser als sein Ruf“, sagt er.

Und doch: Die Corona-Pandemie hat in Zuffenhausen sicherlich, was die sozialen Auswirkungen angeht, schlimme Folgen gehabt: „Oft war bei den Gesprächen am Bahnhof Zuffenhausen zu hören, dass junge Leute seit langem nach einem Ausbildungsplatz suchen, dass der Sprachkurs wegen Corona ausgefallen ist und dass sie mit dem Hausunterricht schlecht zurechtkamen“, sagt Fatma Gül, Mitarbeiterin in der Abteilung Integrationspolitik der Stadt. Außer Gül, Zimmerer und Sava sind an diesem Tag auch Netice Kolb vom Gemeinschaftserlebnis Sport und Bezirksbeirätin Gisela Siegel (Grüne) auf dem Rundgang dabei – sowie Franky Koungang und Werner Mast als weitere Lotsen.

435 und ACAB

Werner Mast kennt den Stadtbezirk wie seine Westentasche. Er arbeitete viele Jahre als Präventionsbeauftragter im Polizeirevier Zuffenhausen, war eng mit der Mobilen Jugendarbeit und der Sozialarbeit verzahnt, organisierte Suchtpräventionstage mit und ist nun bei den Respektlotsen dabei. Auf dem Kelterplatz zeigt er auf ein Trafohäuschen: „435 und ACAB“ hat jemand dort drauf gesprüht. Der frühere Hauptkommissar weiß sofort, was das bedeutet: „Das ist unsere Hood, wollen die Jugendlichen damit sagen.“ 435 seien die letzten Ziffern der Postleitzahl von Zuffenhausen und ACAB ist die Abkürzung von: „All cops are bastards“, erklärt Mast.

Mit Geduld und Einfühlungsvermögen

Beleidigungen wie diese werden gerne mal im Schutze der Nacht zigfach mit der Sprühdose verteilt. Mit viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Gesprächen versuchen die jungen Lotsen – die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre – den alltäglich gewordenen Beleidigungen und Respektlosigkeiten im öffentlichen Raum zu begegnen. „Manchmal schmeißt dir auch jemand seinen gesammelten politischen Frust entgegen“, sagt Franka Zimmerer, die in Tübingen ein Lehramtsstudium begonnen hat. Bevor sie als Respektlotsin begann, bekam sie eine Streitschlichter-Ausbildung und ein Antiaggressionstraining. Denn den richtigen Ton zu finden, das ist sehr wichtig. Auf ihren bisherigen Touren trat man ihr aber immer freundlich entgegen: „Ich habe bisher keine negativen Reaktionen erlebt.“




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