Retter am Feldberg Ein Fall für Seebuck 51
Wer hilft, wenn Wintersportler auf den Skipisten des Feldbergs verunglücken oder gegen einen Baum rodeln? Das Team von Deutschlands höchstgelegener Rettungswache.
Wer hilft, wenn Wintersportler auf den Skipisten des Feldbergs verunglücken oder gegen einen Baum rodeln? Das Team von Deutschlands höchstgelegener Rettungswache.
Feldberg - Einsatz 227 ist ein Fall für Seebuck 51. Das weiß Jakob Schmid von der Einsatzleitstelle sofort. Der junge Mann sitzt in einem weinroten Haus an der Feldberg-Pass-Straße. Vor sich hat er eine Reihe von Monitoren, Telefon- und Funkhörern.
Die Todtnauer Hütte hat sich gemeldet, dort hat sich eine Rodlerin die Hand gebrochen. Alle Wege hinauf sind schneebedeckt, an diesem Tag sogar vereist. Da kommt kein Krankenwagen hinauf. Die Einzigen, die jetzt noch helfen können, sind die Frauen und Männer von der Bergwacht – in einem Gelände, das für all die Rettungsdienste, die auf Wege und Straßen angewiesen sind, völlig unpassierbar ist, können sie sich noch bewegen.
Am 19. März 1922 gründeten Mitglieder des Freiburger Schwarzwaldvereins die Abteilung Schwarzwald der Deutschen Bergwacht. Und im Jubiläumsjahr hat diese Wacht, mittlerweile ein eigenständiger Verein, mehr zu tun denn je. Ihre 650 aktiven Retterinnen und Retter haben 1500 Einsätze im Jahr. Vor allem im Feldberggebiet, in das besonders viele Wintersport-Touristen kommen. Mit einem Klick hat Jakob Schmid die Statistik auf dem Monitor: „226 Einsätze seit dem 5. Dezember.“ Nach der Erfahrung der letzten Jahre könnten das gut 600 Einsätze bis zum Saisonende werden. Aber jetzt muss erst mal Nummer 227 verarztet werden, der Schlitten-Unfall.
Jakob Schmid greift zum Funkgerät: „Seebuck 51, Seebuck 51.“ Die Antwort kommt von weit oben, fast vom Gipfelplateau des Feldberges. Dort, am Seebuck, gibt es etwas unterhalb des Kammes zwischen den ersten schneebeladenen Tannen eine Hütte. Im Zweiten Weltkrieg waren hier die Mannschaften der Flak-Stellungen untergebracht. Danach übernahm die Bergwachtgruppe Freiburg die Hütte, seitdem ist hier Deutschlands höchstgelegene Bergrettungswache zu Hause. Manchmal verfrachten die berüchtigten Feldberg-Orkane so viel Schnee an die Hangseite der Hütte, dass sie bis zum Dach im Weiß begraben ist. Dann müssen die Bergwächter erst die Tür freischaufeln, bevor sie ihren Dienst beginnen können.
Dahinter geht es links in das Übernachtungslager mit seinen Hochbetten, geradeaus ist eine kleine Küche, rechts kommt man in die Stube. Im Kanonenofen prasselt das Feuer, auf einer Bank sind die Einsatzrucksäcke aufgereiht, die vom Defibrillator bis zur Sauerstoff-Flasche auch für ernstere medizinische Notfälle ausgerüstet sind. Und im Eck hockt Claudia Schneider am Funkgerät.
Sie ist an diesem Wochenende die Wachenleiterin. Acht Frauen und Männer sind oben in der Hütte. Oder eben unterwegs. Eine Person sollte möglichst immer in der Hütte sein. Aus dem Empfänger tönt ein Funkspruch nach dem anderen, die anderen Wachen sind auch zu hören. Wenn niedrige Wolken die Funkwellen reflektieren, mischen sich sogar Sätze von den Truckern auf der Autobahn im Rheintal dazwischen. Wenn „Seebuck 51“ gerufen wird, schaltet sich Claudia Schneider ein. Sie ist eine der erfahrensten in dem Team. Längst ist ihre Tochter ebenfalls in der Bergwacht – und auch ihr Sohn Marcel, der mit ihr an diesem Wochenende Dienst macht.
Die Bergwacht Schwarzwald war die erste, in der auch eine Frau tätig war. So ist es für Alica Schultis kein großes Ding, im Team dabei zu sein: „Ich wurde mit offenen Armen empfangen“, sagt die 26-Jährige. Im Juli 2021 hat sie ihre mehr als zweijährige Ausbildung abgeschlossen. Sie musste im Eignungstest ihre Fitness und ihr Können auf Ski vorweisen. Sie musste sich zahlreichen Ausbildungen und Prüfungen unterziehen, bis hin zur Notfallmedizin. Ein anspruchsvolles Metier.
Alica Schultis und René Kieselmann schnappen sich den Notfallrucksack und steigen auf ein Quad mit Raupenrädern. Kieselmann, 48, ist seit 1993 bei der Bergwacht und hat lange die Freiburger Bergrettung geleitet. Jetzt lebt er in Berlin und macht beim Heimaturlaub im Badischen auch immer ein Wochenende Dienst in der Hütte: „Wenn man so etwas so lange macht, wirft man das nicht einfach weg.“ Die Älteren bleiben, die Jungen kommen, sagt der Ausbilder Mirko Friedrich: „Da haben wir entgegen dem Trend vieler Vereine eher Rekorde. Die Jungen wollen Verantwortung übernehmen. Und wir werden als junge, dynamische Organisation wahrgenommen.“ Die in den Augen der Jungen ein attraktives Gesamtpaket bietet: „Ich bewege mich sehr gerne draußen“, sagt Alica Schultis. „Und ich möchte meine Freizeit sinnvoll nutzen.“
So gibt es selten Probleme, den Dienstplan für die Hütte voll zu bekommen: „Eine Wache für die jungen Wilden“, wird das Team auch genannt. Der Zusammenhalt ist letztlich das, was alle als wichtigsten Grund für ihr Mitmachen angeben. „Ich möchte Kameradschaft erleben“, sagt Alica Schultis. „Und man findet wirklich gute Freundschaften.“ Der Zusammenhalt sei auch nötig, sagt Claudia Schneider: „Als Grundlage für schwierige Einsätze.“
Einer der ersten für Alica Schultis war eine Nachtsuche nach einer suizidgefährdeten Person. Oft endet das mit einer Leichenbergung. An ihre mulmigen Gefühle erinnert sie sich gut. Zum Glück konnten sie die Person lebend bergen. Gut getan habe ihr auch, dass der Gruppenführer sie hinterher fragte: „War der Einsatz okay für dich?“
Das Image des harten Bergwachtlers, der alles wegsteckt, zur Not wegtrinkt und keine Gefahr scheut, ist längst überholt. „Man spricht darüber, wie es einem hinterher geht. Und in Gefahren wird den Leuten nicht alles automatisch zugemutet.“ Als Anwärterin war Alica Schultis bei einer Suche in einer Lawine dabei. Dabei sind in der Vergangenheit auch schon Bergwacht-Mitglieder gestorben. Da konnte sich Alica Schultis entscheiden, wie weit sie das Risiko eingehen will.
An der Todtnauer Hütte wartet auf sie und René Kieselmann indes ein Routine-Einsatz. Sie schienen das Handgelenk, legen die Frau in einen Anhänger, bringen sie zum Haus der Natur, wo ein Krankenwagen wartet.
Dort werden die beiden direkt angesprochen: „Da liegt eine Frau im Fangzaun.“ Gerade mal hundert Meter entfernt. Wieder ein Rodelunfall. Ein Zeuge schildert: „Eine Frau, etwa 60 Jahre alt, hat die Kontrolle verloren, ist gegen einen Pfosten geknallt, wobei es ihr den Rücken stark verbogen hat.“ Die Frau hat offenbar starke Schmerzen. Wegen der unklaren Rückenverletzungen fordern die Bergwachtler einen Hubschrauber an.
Wenn der landet oder abhebt, kann aufgewirbelter Schnee im White-Out dem Piloten so die Sicht nehmen, dass er komplett die Orientierung verliert. Deswegen sind schon Hubschrauber abgestürzt. Der Pilot braucht einen Fixpunkt – und das ist in den meisten Fällen jemand von der Bergwacht, der im Schnee kniet und es nervlich aushalten muss, dass der Heli direkt vor ihm landet. Selbst für den erfahrenen René Kieselmann „immer noch ein existenzielles Erlebnis“.
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Kaum sind er und Alica Schultis wieder an der Hütte, wird Seebuck 51 erneut angefunkt. Eine Frau ist in der Loipe gestürzt. Eine etwa 70-jährige Frau liegt dort, es sieht nach einem Oberschenkelhals-Bruch aus. Das Team bettet sie auf eine Vakuum-Matratze, packt sie in Wärme-Kissen ein. Und fährt sie zum Landeplatz, wo der Heli erneut einschwebt.
Der Lohn für all die Dienste und Mühen? Kein Cent, alles ist ehrenamtlich. Aber vieles andere bekommt das Team dafür. „Wenn wir kommen, strahlen die Leute uns an“, sagt Alica Schultis. „Da werden auch die stärksten Männer schwach“, sagt Claudia Schneider. „Ihr seid die Größten“, hat ihr mal einer beim Abtransport nachgerufen.
Und, nach all den Anspannungen des Tages, ist da das Gefühl, an einem ganz besonderen Ort sein zu dürfen. „Am Abend gehört der Berg uns“, sagt Claudia Schneider. Mirko Friedrich merkt das beim Blick in die Tiefe: „Man sieht die rote Schlange der Rücklichter.“ Claudia Schneider läuft dann meistens noch mal über die Höhe, Alica Schultis genießt die stillen Momente am Ofen: „Ich kann stundenlang in das Feuer schauen.“ Seebuck 51 wird eh bald wieder gerufen werden.