Ein Tag, der Zeki Yasik wohl für immer im Gedächtnis bleiben wird: Mittwochfrüh, 25. Oktober, 6.30 Uhr im Röhrer Weg in Böblingen. Für die Bauarbeiter Zeki Yasik und Dusko Vukobrat beginnt der Arbeitstag mit der üblichen Routine. Wie immer setzt sich das Team zuerst zusammen, um bei ihrem morgendlichen Kaffee die nächsten Schritte auf der Baustelle zu besprechen. Dass die Männer eine Stunde später den entscheidenden Part in der Vereitelung eines schweren Verbrechens spielen würden, hätten sie zu diesem Zeitpunkt wohl nicht für möglich gehalten.
Die nachfolgende Geschichte ist mittlerweile deutschlandweit bekannt: Ein 51-Jähriger zerrt einen Jungen in seinen VW-Bus. Die Schreie des Zehnjährigen hört ein Mitarbeiter des benachbarten Mietlagers. Daraufhin schreiten Zeki Yasik und Dusko Vukobrat ein. Yasik befreit den Jungen aus dem Van und verpasst dem mutmaßlichen Entführer einen Schlag mit dem Ellenbogen. Den Schuljungen bringt Yasik, selbst dreifacher Familienvater, in Sicherheit.
Für den Retter ein Tag, den er nicht mehr vergisst
Drei Wochen nach der Beinahe-Entführung sitzt der Tatverdächtige in einer psychiatrischen Einrichtung ein. Wann der Strafprozess eröffnet wird, ist noch unklar. Yasik und Vukobrat graben unterdessen wieder Löcher, fahren Bagger und bringen Erdaushub von A nach B. Der Zehnjährige besucht wieder seine Schule. „Jeden Morgen winken wir uns zu“, erzählt Yasik. Obwohl der Alltag wieder zurückgekehrt ist, hallt das Geschehene von vor drei Wochen nach, wie Zeki Yasik erzählt: „Ich hatte die letzten Wochen viele Medientermine. Viele Menschen haben mich angesprochen. Der Rummel war groß.“
Die Fülle an Auftritten und Gesprächen, die Zeki Yasik seit Wochen hinter sich hat, habe ihn überwältigt: „Es kam der Punkt, an dem mich alles etwas genervt hat. Es war einfach sehr viel Aufmerksamkeit auf mich gerichtet.“ In solchen Momenten habe ihn seine Frau aber immer wieder daran erinnert, dass er durch das Erzählen seiner Geschichte Gutes tun und vor allem für mehr Zivilcourage werben könne – gerade in Zeiten, in denen der gesellschaftliche Zusammenhalt zu bröckeln scheint. „Dann besinne ich mich wieder darauf, dass es wichtig ist, die Geschichte zu erzählen. Sie soll Menschen wachrütteln, wieder aufmerksamer durch das Leben zu gehen und zu helfen, wenn Gefahr besteht“, betont Yasik.
Weitere Ehrungen könnten folgen
Dass er für viele Menschen ein leuchtendes Beispiel für Zivilcourage sei, freue ihn. Die Ehrung des Böblinger Oberbürgermeisters und die Ankündigung, im Januar 2024 mit einem Sonder-Sozialpreis der Stadt ausgezeichnet zu werden, seien eine schöne Art der Anerkennung. Möglich ist auch, dass Yasik irgendwann das Studio von „Aktenzeichen XY“ betreten wird und dann vor Moderator Rudi Cerne steht. Dort werden jedes Jahr Menschen ausgezeichnet, die im besonderen Maße Zivilcourage gezeigt haben. „Mir wurde gesagt, dass mich Leute nominieren möchten“, verrät Yasik.
Den Begriff „Held“, den er im Laufe der vergangenen Woche häufig zu Ohren bekommen hat, lehnt Yasik ab: „Ich bin kein Held. Ich habe etwas für mich selbstverständliches, etwas Menschliches getan.“ Schon in der Vergangenheit sei es zu Situationen gekommen, in denen der Reutlinger Zivilcourage zeigen musste. „Ich war in meiner Heimatstadt unterwegs, als ein Mann eine ältere Dame belästigte und ihr die Handtasche entrissen hat. Ich war der einzige, der auf den Mann zuging. Die Menschen ringsum tranken Kaffee und schauten zu. Da rief ich ihnen zu: Lassen Sie sich Ihren Kaffee und Ihr Essen ruhig weiter schmecken!“
Plädoyer für mehr Menschlichkeit
Sich für andere einzusetzen, zu helfen, wenn Not am Mann ist, das habe er in seiner Kindheit gelernt. „Früher kannte man seine Nachbarn. Man hat auch aufeinander achtgegeben“, erzählt der Familienvater. Weil er aber nicht das Gefühl hatte, noch in einem sozialen Umfeld zu leben, in dem Aufeinander-Achtgeben und Interesse für seinen Nächsten wichtige, gelebte Tugenden seien, sind der 48-Jährige und seine Familie von Reutlingen in ein Dorf gezogen. „Ich würde auch von niemanden erwarten, sich selbst in Gefahr zu bringen. Man kann aber aber Passanten aufmerksam machen, mitzuhelfen, beispielsweise um die Polizei zu rufen“, so Zeki Yasik.
Auch rein persönlich hat der dreifache Familienvater, der vergangenes Jahr nochmals Vater einer Tochter wurde, Schlüsse aus der Rettungsaktion vom 25. Oktober gezogen. Durch das, was er an jenem Tag erlebte und wie er den um Hilfe schreienden Junge vor dem mutmaßlichen Entführer in Sicherheit brachte, habe er einen anderen Blick auf den Schutz von Kindern bekommen. „Ich bin vorsichtiger geworden, vor allem was meine einjährige Tochter angeht. Ich werde noch mehr aufpassen, dass sie sicher leben kann. Das Erlebte werde ich sicher nicht mehr aus dem Kopf bekommen“, erklärt Yasik.
Die Vorstellung, dass auch eines seiner Kinder auf offener Straße Opfer eines schweren Verbrechens werden könnte und niemand dazwischengehe, sei ein Albtraum. „Was wäre, wenn das mein Kind gewesen wäre? Wäre jemand eingeschritten? Jeder, der Kinder hat, wünscht sich doch, dass sich Erwachsene einschalten, wenn es sein muss. Wenn wir Erwachsenen es nicht tun und wegschauen, wer dann?“, fragt Zeki Yasik.