Stetig steigende Einsatzzahlen, Personalmangel, Pandemie – die Rettungsorganisationen in Baden-Württemberg läuten die Alarmglocken. Zahlreiche Reformen in den nächsten Jahren sollen die Situation verbessern. Doch einige sind hoch umstritten. Wilfried Klenk, im Innenministerium für den Bereich zuständig und selbst jahrzehntelang im Rettungswesen tätig, spricht über die Herausforderungen.
Richtig ist, dass der Rettungsdienst vor enormen Herausforderungen steht. Die Situation stellt sich aber landesweit ganz unterschiedlich dar und ändert sich schnell. Es kam in den vergangenen zwei Jahren verschiedentlich durch die Infektionslage zu Engpässen.
Können Sie darauf reagieren?
Wir haben uns mit den Rettungsorganisationen auf Maßnahmen verständigt, um die Funktionsfähigkeit des Rettungsdienstes sicherzustellen. Diese Maßnahmen haben gegriffen. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir eine flexiblere personelle Besetzung der Fahrzeuge ermöglicht haben, die noch bis Ende Januar läuft. So dürfen etwa erfahrene Rettungssanitäter anstelle eines Notfallsanitäters das Notarzteinsatzfahrzeug besetzen, damit auf jeden Fall die Besetzung des Rettungswagens mit einem Notfallsanitäter gesichert ist.
Es gibt aber auch grundsätzliche Baustellen, die durch die momentane Lage nur verstärkt werden.
Es ist entscheidend, dass wir auf die Herausforderungen die richtigen Antworten finden. Die Zahl der Einsätze steigt von Jahr zu Jahr aus unterschiedlichen Gründen. Ein Grund ist, dass viele Einsätze unnötig sind. Patienten rufen die 112, wenn sie eigentlich selbstständig zum Arzt oder in eine Klinik gehen könnten. Ein Notfallsanitäter hat mir von einem Arbeitstag berichtet, an dem bei acht von zehn Einsätzen die Retter ohne Not ausrückten. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn Menschen am eigentlich tollen Beruf des Notfallsanitäters die Lust verlieren.
Kann man das Notrufverhalten beeinflussen?
Schwer. Wir müssen alles daransetzen, das Notrufverhalten zu verändern, aber das können wir nicht allein. Das ist eine gemeinsame Aufgabe für alle am Gesundheitswesen Beteiligten. Die Situation ist unbefriedigend. Hinzu kommt die Herausnahme der Rufnummer 116 117 aus den Integrierten Leitstellen.
Also muss man versuchen, die Notfallrettung auszubauen? Wie ist das Land aufgestellt?
In den vergangenen Jahren wurde die Zahl an Rettungsfahrzeugen und Mitarbeitern im Land beträchtlich ausgebaut. Die Ausbildungszahlen für Notfallsanitäter sind hervorragend. Da sind wir gut aufgestellt. Als Flächenland haben wir zudem den Vorteil, dass wir bei einem großen Bedarf Helfer aus anderen Regionen hinzuziehen können – wie zuletzt beim Eisregen in Freiburg. Richtig ist aber auch, dass wir der Entwicklung insgesamt rein zahlenmäßig nicht hinterherkommen.
Muss man dann die Strukturen verändern?
Das tun wir. Wir arbeiten derzeit an vielen Baustellen gleichzeitig, und manches könnte aus meiner Sicht auch deutlich schneller gehen. Wir überprüfen zum Beispiel die Leitstellenstruktur. Da sind wir auf einem guten Weg. Dabei geht es entscheidend um eine einheitliche Software für eine bessere Vernetzung. Es geht weniger um die Zahl der Leitstellen – denn die Menge der Anrufe ändert sich ja nicht. Zusätzlich bauen wir die Telemedizin aus. Wir wollen die Übergabe vom Rettungsdienst an die Krankenhäuser optimieren, da verlieren die Rettungsdienste noch zu viel Zeit. Außerdem gilt seit September eine neue Hilfsfrist. Statt bisher in 10 bis 15 Minuten müssen die Rettungsdienstbereiche nun damit planen, dass die Retter in 95 Prozent der Fälle in zwölf Minuten vor Ort sein müssen. Das ist eine spürbare Verbesserung.
Die aber mutmaßlich noch mehr Rettungswagen, Retter und Wachen erfordert.
Über Zahlen wollen wir nicht spekulieren. Ein Strukturgutachten des Landesausschusses für den Rettungsdienst wird die Auswirkungen untersuchen. Klar ist: Es wird Fälle geben, in denen Einsatzzeiten erweitert werden müssen. In anderen werden wir mehr Fahrzeuge brauchen, in einzelnen Regionen auch neue Rettungswachen. Wichtig ist vor allem, dass wir das große Ganze betrachten und durch eine bessere Zusammenarbeit der Rettungsdienstbereiche Optimierungspotenzial nutzen.
Einen Schritt weiter sind Sie bei der Luftrettung. Aus acht Standorten im Land werden künftig zehn. Lob gab es dafür aber kaum. Stattdessen wird Ihnen aus Leonberg oder Friedrichs-hafen, deren Stationen verlegt werden, Basta-Politik vorgeworfen.
Wir haben 2018 ein Gutachten zur Luftrettung bei einem renommierten Institut in Auftrag gegeben – ohne jede Vorfestlegung. Dieses Gutachten hat ergeben, dass wir zwei zusätzliche Stationen brauchen – und die Krankenkassen haben erfreulicherweise zugesagt, den Betrieb zu finanzieren. Also standen wir vor der Frage: Setzen wir die zwei neuen Standorte einfach irgendwo hin oder bringen wir den Mut auf, um die Luftrettung sinnvoll neu zu ordnen. Für diesen zweiten Weg haben wir uns entschieden. Die Umsetzung wird einige Jahre dauern, aber danach werden wir die flächenmäßig beste Luftrettung in Deutschland haben.
Hätte man transparenter vorgehen müssen? Vor Ort gab es teilweise viel Widerstand und Petitionen mit Zehntausenden Unterschriften.
Es ist doch klar: Wenn Beteiligte vor Ort emotional argumentieren und Unterschriften für Petitionen sammeln, tun wir uns als Ministerium schwer. Wir können nur sachlich-fachlich argumentieren.
Lassen sich die Risse wieder kitten?
In Friedrichshafen hat sich die Lage inzwischen beruhigt. Und in Leonberg sind wir dabei, Gespräche zu führen und die Entscheidung zu erklären.
Rettungsdienst
Der 1959 in Oppenweiler (Rems-Murr-Kreis) geborene Klenk ist ausgebildeter Rettungsassistent und hat 38 Jahre lang beim Deutschen Roten Kreuz in verschiedenen Positionen im Rettungswesen gearbeitet. So hat er die Rettungswachen in Murrhardt und Backnang geleitet und war von 1991 bis 2015 Chef des Stuttgarter Rettungsdienstes und der Oberleitstelle Baden-Württemberg.
Politik
Der CDU-Politiker hat parallel dazu zahlreiche politische Ämter bekleidet – vom Gemeinderat bis zum Landtagsabgeordneten. Von 2015 bis 16 war er Landtagspräsident. Im April 2018 wurde Klenk zum politischen Staatssekretär im Innenministerium Baden-Württemberg ernannt, wo er für die Bereiche Rettungsdienst und Polizei zuständig ist.