Arme Stadt, reiche Stadt Wiesloch-Walldorf – Besuch bei ungleichen Nachbarn

Von Maria Wetzel 

Östlich der Bahngleise liegt Wiesloch, westlich Walldorf. Während das ehemalige Bauerndorf in Steuereinnahmen schwimmt, weiß die frühere badische Amtsstadt kaum, wie sie ihre Aufgaben finanzieren soll.

Rund um den gemeinsamen Bahnhof entwickeln die beiden Städte den Metropolpark Wiesloch-Walldorf. Foto: Wetzel
Rund um den gemeinsamen Bahnhof entwickeln die beiden Städte den Metropolpark Wiesloch-Walldorf. Foto: Wetzel

Wiesloch/Walldorf - Wenn die Wieslocher den Bus zum gemeinsamen Bahnhof Wiesloch-Walldorf nehmen, zahlen sie 2,10 Euro. Die Walldorfer kostet ein Einzelfahrschein dorthin nur die Hälfte. Ihr Gemeinderat hatte 2013 beschlossen, die innerörtlichen Tickets billiger zu machen, um den einen oder die andere zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen. Als Beitrag zum Klimaschutz gibt die Stadt auch Zuschüsse für Fahrradanhänger oder Wärmebildaufnahmen, die Hausbesitzern zeigen, wo ihr Haus Energie verliert. 250 000 Euro stellt Walldorf jährlich für solche Projekte bereit.

Auf vergleichbare Wohltaten hoffen die Wies­locher vergeblich. „Dafür haben wir kein Geld“, heißt es meist von ihrer Verwaltung, und ein Blick auf die städtischen Finanzen genügt. Rund 32,2 Millionen Euro Steuern hat die 26 400-Einwohner-Stadt in diesem Jahr eingenommen und 72 Millionen ausgegeben. In Walldorf mit 15 800 Einwohnern werden 2017 allein 171 Millionen Euro an Gewerbesteuern erwartet, die Ausgaben liegen bei 178 Millionen Euro.

Walldorf profitiert von SAP

Die beiden Kommunen im Rhein-NeckarKreis haben sich höchst unterschiedlich entwickelt. Für Wiesloch, einst badische Amtsstadt, war der Maschinenbauer Heidelberger Druckmaschinen jahrzehntelang wichtigster Arbeitgeber und Steuerzahler. Konjunkturelle Einbrüche und Änderungen im Steuerrecht hinterließen im städtischen Haushalt ebenso Spuren wie der Stellenabbau. Auch die Verlegung des Firmensitzes des Finanzdienstleisters MLP von Heidelberg nach Wiesloch brachte nicht die erhofften Steuereinnahmen – unter anderem wegen der Finanzkrise. Seit dem Jahr 2000 sind die Schulden von 26,1 Millionen auf über 61 Millionen angewachsen – trotz regelmäßiger Zuweisungen und Ausgleichszahlungen von Bund, Land und Kreis. Walldorf, früher für Spargel, Tabak und Hopfen bekannt, zog mit der Ansiedlung von SAP 1976 ein Glückslos. Das 1972 in Weinheim gegründete Unternehmen ist mittlerweile der viertgrößte Softwarekonzern weltweit und bringt der Stadt gewaltige Steuereinnahmen.

Dirk Elkemann wusste, was er tat, als er 2015 in Wiesloch für das Amt des Oberbürgermeisters kandidierte. „Auch mit wenig Geld kann man gestalten und eine Stadt voranbringen“, ist der parteilose Jurist und Verwaltungswirt, der sechs Jahre Erster Bürgermeister in Schwetzingen war, überzeugt. Einfach ist das nicht. Benötigt werden Wohnungen und Gewerbegebiete, aber es fehlen Flächen. Mit einer Bürgerbefragung erkunden Stadtverwaltung und Gemeinderat derzeit, wie sich die Wieslocher die Entwicklung ihrer Stadt vorstellen.

Verkehrspolitisch gibt es einige Probleme

Auch beim Thema Verkehr ist guter Rat teuer – beim SWR-Abgasalarm wurden an einer Durchgangsstraße die höchsten Stickstoffdioxidwerte landesweit gemessen. „Um die Anwohner von den etwa 23 000 Fahrzeugen pro Tag zu entlasten, müsste man eine Umgehungsstraße bauen“, sagt Elkemann. Das hätte schon vor Jahren passieren sollen. Weil sich der Gemeinderat aber nicht auf eine Trasse einigen konnte, wurde das Projekt 2010 aus dem Generalverkehrsplan des Bundes gestrichen. Einige Erleichterung würde der zügige Ausbau einer parallel verlaufenden Landesstraße bringen. Doch bisher hoffen Wiesloch und Walldorf vergeblich auf das Startsignal aus Stuttgart. „Die Unternehmen schaffen Tausende Arbeitsplätze, und sie erwarten, dass Mitarbeiter und Zulieferer nicht immer im Stau stehen“, sagt Elkemann. Walldorfs Bürgermeisterin Christiane Staab mahnt, „auch das Land profitiert von den hohen Steuereinnahmen. Unternehmen bleiben aber nur, wenn die Infrastruktur stimmt.“

Elkemann würde gern wieder mehr Touristen nach Wiesloch – die Stadt mit der ersten Tankstelle weltweit – locken. Das täte Einzelhandel und Gastgewerbe gut. Und dann sind da die klassischen Aufgaben der Kommunen: Die Gemeinschaftsschule soll in das Schulenviertel verlegt werden, der neue Bau bis 2020 fertig sein. Aber auch die anderen Schulen müssten dringend saniert werden, der Bedarf liegt bei etwa 18 Millionen Euro. „Wegen der schwierigen finanziellen Lage ist seit Jahren nur das Allernötigste gemacht worden“, sagt Elkemann. Ebenfalls gebraucht werden weitere Betreuungsplätze für Kleinkinder.

Mehr Arbeitsplätze, höhere Mieten

Walldorf mit einem Polster von 355 Millionen Euro tut sich mit solchen Aufgaben leichter. Bei den Ganztagsschulen setzt die Stadt auf hauptamtliche Kräfte. „Wir wollen ein professionelles Angebot“, sagt Staab, seit 2011 Bürgermeisterin. Die Kindergartengebühren will die frühere Vorsitzende des Landeselternbeirats aber nicht abschaffen. „Was nichts kostet, wird nicht geschätzt.“ Von Beiträgen ab 15 Euro monatlich können Eltern vielerorts nur träumen.

Zu den großen Aufgaben gehört auch in Walldorf der Wohnungsbau – dank der attraktiven Arbeitsplätze wächst die Zahl der Zuzügler. Gebraucht werden gleichzeitig günstige Unterkünfte für Alteingesessene und Flüchtlinge, die Mieten und Preise sind deutlich gestiegen. „Trotzdem würde ich nie hier wegziehen“, sagt eine Verkäuferin. Für Kinder und Ältere werde gut gesorgt, Läden, Ärzte, Vereine und Freizeitangebote gebe es am Ort, und dank des öffentlichen Nahverkehrs seien bei Bedarf auch Fachärzte oder Spezialgeschäfte leicht erreichbar.

In Wiesloch haben Bürger aus der Not eine Tugend gemacht. Die 2006 gegründete Bürgerstiftung unterstützt Lese- und Rechenpaten in den Grundschulen oder begleitet Ältere zum Arzt. Sie fördert Umweltprojekte und engagiert sich für Flüchtlinge. „Wir übernehmen aber keine Aufgaben, für die die Stadt zuständig ist“, sagt die Vorsitzende Annegret Sonnenberg.

Kooperation und Konkurrenz

Die beiden Städte, die ein Doppelzentrum bilden, arbeiten seit Jahren eng zusammen, die Amtsspitzen treffen sich monatlich, um wichtige Aufgaben zu lösen. Aber auch Vorurteile wollen Staab und Elkemann abbauen. Ältere Walldorfer haben noch nicht vergessen, dass die Wieslocher „Stehkrägen“ einst auf sie herabschauten. Beim Kennenlernen hilft da beispielsweise der alle zwei Jahre stattfindende Tag der offenen Gärten und Höfe in beiden Städten.

Die zwei Kommunen sind aber auch Konkurrenten. Mit seinen supergünstigen Hebesätzen bei der Gewerbesteuer hat Walldorf viele Unternehmen angezogen, im nächsten Jahr verlegt der Landmaschinenhersteller John Deere seine Europazentrale dorthin. „Firmen investieren dort, wo Kommunen schnell und unternehmensorientiert agieren und wo sie Entwicklungsmöglichkeiten erhalten“, sagt Kai Schmidt-Eisenlohr, Geschäftsführer von Baden-Württemberg International, der Wirtschaftsfördergesellschaft des Landes, der für die Grünen im Wieslocher Gemeinderat und im Landtag saß und 2015 als OB kandidiert hatte. Eine gute Kooperation von Verwaltung und Kommunalpolitik sei hilfreich.

„Damit Firmen investieren, brauchen Kommunen ein gutes Gesamtpaket“, meint Mario Klein, Bereichsleiter der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar. Zu den Standortvorteilen zähle neben günstigen Steuersätzen die Infrastruktur – Straßen und schnelles Internet, Fachkräfte, mögliche Zulieferer und Kooperationspartner in der Nähe. „Und da hat auch Wiesloch Chancen.“