„Rheingold“ an der Oper Stuttgart Wenn es nach Salto mortale riecht

Limbo tanzen können sie wieder: die Götter am Ende vom „Rheingold“. Wohin das aber führen wird? Wotan bräuchte jedenfalls einfach eine gescheite Hose. Foto: Matthias Baus

Stephan Kimmigs Inszenierung von Richard Wagners „Rheingold“ an der Staatsoper trägt die Züge eines Lehrstücks. Damit lässt sich am neuen Stuttgarter „Ring“ arbeiten. Oder vielleicht auch nicht?

Stuttgart - Kein Rhein. Kein Riff. Kein Regenbogen. Keine Wolken. Keine Augenklappe (bei Wotan) – und Walhall ist keine Götterburg, sondern lediglich der Schattenriss einer abgewrackten Zirkuskuppel auf einer weißen Wand. Eine Projektion.

 

Gänzlich unmythisch fängt es szenisch an, gänzlich unmythisch hört es auf – „Das Rheingold“, der Vorabend zur Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner in der Stuttgarter Staatsoper. Aber einen komplexen „vorgeschichtlichen Überhang“, wie der Komponist und Librettist die Exposition nannte, behält die Geschichte natürlich doch, auch wenn der Regisseur Stephan Kimmig von der konkreten Gegenwart ausgeht, wo die Rheintöchter zum gebrochenen Ges-Dur des Regenbogenbrückenmotivs am Ende zu „Fridays for Future“-Demonstrantinnen werden, die plakativ zum Handeln auffordern: Schluss mit der Feigheit – und zwar jetzt! Schluss mit Ausbeutung und institutionalisierter Gewalt! Und da sind sie stark verbunden mit dem Dresdner Revolutionär Wagner, der 1849 auf die Barrikaden ging.

Die Unordnung der Dinge

Noch bevor ein Ton erklungen ist in der Stuttgarter Oper, hat Kimmig ihn in seiner damaligen Haltung schriftlich auf der Bühne mit einem Standbild fixiert: „Zerstören will ich“, steht da, „die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt, denn sie macht aus allen nur Unglückliche.“ Das ist der Ausgangspunkt. Um diesen radikalen Ansatz herum hat Katja Haß eine Bühne aus lauter Andeutungen gebaut, die ihrerseits Wurzeln freilegen: Wagners ursprüngliche Idee für den vollendeten „Ring“ war ja die einer Bretterbühne am Rhein, die nach der Aufführung in Flammen aufgehen würde. Plus Partitur.

In Stuttgart scheint der Zeitpunkt kurz bevorzustehen: Zu sehen ist ein Zirkus in Auflösung, bevölkert von zwielichtigen Gestalten. Zwar wird noch vereinzelt trainiert im Hintergrund, und Wotan im Paillettenmantel markiert den Chef im Ring, aber es riecht doch sehr nach Salto mortale, dem Todessprung: Fricka (betont unzickig: Rachael Wilson) hüllt sich in Rauchschwaden, Freia in Identitätskrisen und Donner und Froh kreisen in Monsterkettcars als Infantilitätsduo durch die Manege. Allesamt sind sie Traumtänzer ohne rechte Nahrung (Äpfel fehlen). Ihr letztes Manna wäre: noch mal Macht zu haben. Oder zumindest: Machtmenschen zu spielen.

Kolportage – nur eine Facette der Regie

Kimmigs rudimentärer Rummelplatz in Stuttgart, überblendet immer wieder von traumartigen Videosequenzen der Protagonisten, geht teils zurück auf ein Gedankenbild des Philosophen Ernst Bloch, der fand, Wagners „Kitschmythologie“ sei nur durch „surrealistische Kolportage“ zu retten. Das ist aber dann nur eine Facette der Regie, die ansonsten als Versuchsanordnung auf Bert Brechts Lehrstücke setzt. Erzählt wird mit größter Einfachheit. Ob sich zumindest ein Teil dieses Zeichensystems im Fortgang der Handlung wird halten lassen, ist ungewiss.

Ausdrücklich schließt der neue Stuttgarter „Ring“ ja an den vormaligen von 1999/2000 an, dessen befreiende Idee der Oberdramaturg Klaus Zehelein seinerzeit als „Negieren des Wagner’schen Totalitätsanspruchs“ definierte. Vier Regieteams hatten Zugriff. Dieses Mal werden es noch mehr sein (allein drei sind es demnächst in der „Walküre“). Stephan Kimmig gewinnt teils verblüffend neue Perspektiven auf den Stoff, angefangen von den Rheintöchtern in Oxford-Uniformen. Sie sind sehr differenziert gezeichnete Rich Kids, die der Verlust von Ring und Gold zu Forscherinnen im Laborkittel macht. Fortan bleiben sie präsent und somit szenisch dran an einem gelingenden Experiment. Kimmig zeigt, ohne Tricks und faulen Zauber, wie sich Wotan buchstäblich aufschwingt, um den endgültigen Absturz seines Clans, zu dem er in patriarchalischer Distanz lebt, doch noch einmal zu stoppen.

Ein trauriger Clown in Wagners Weltzirkus

Matthias Klink als erheblich von sich selbst angeekelter Loge und Goran Juric als Gottvater erspielen und ersingen ihren Charakteren jeweils eine Schwärze und perfide Gewalt, die am schaurigsten um sich greift, als Alberich der Ring geraubt wird: Leigh Melrose, wie der Nibelung Mime vormals offenbar ein sehr trauriger Clown in Wagners Weltzirkus, wird dazu auf ein Messerwurfbrett geschnallt und gedreht, was das Zeug hält. Melrose hält nicht nur vokal glänzend durch. Mit diesem Alberich wird zu rechnen sein.

Freias Freikauf, die Riesenszenen mit den Gabelstapelfahrern Fasolt und Fafner: Fast treten sie ein wenig in den Hintergrund neben dem Ernst, der sich der Szene bemächtigt, als Erda (Stine Marie Fischer) auf einem Herrenfahrrad auftaucht, um zu prophezeien, dass „alles was ist, endet“. Erda sieht aus, als kehrten die Urgrünen der achtziger Jahre zurück, um uns (und sich) zu fragen, was wir – auch und gerade aufs Opernpublikum bezogen, das den 2000er-„Ring“ erlebt hat – eigentlich seitdem gemacht haben, um die Ressourcen zu schonen. Es ist eine Wagner’sche Urfrage – und sie gilt bis heute, es mag ein „Staatsmusikant“ aus ihm geworden sein (wie Marx einmal böse spottete), oder auch nicht.

Ausgehörte Phrasen sind Trumpf

Vom „Magnetiseur und Alfreskomaler Wagner“ abgesehen, gebe es, schrieb Friedrich Nietzsche, noch den, der „kleine Kostbarkeiten“ beiseitelege, und genau dieser Mann scheint auf Cornelius Meister gewartet zu haben. Meister dirigiert das Staatsorchester vor allem zu Anfang mit frappierend kammermusikalischer Ausrichtung; Wortverständlichkeit und bis ins Letzte ausgehörte Phrasen sind Trumpf, und es wird durchweg fantastisch engagiert gesungen. Wenn er es glänzen lässt, verweist er auf die Ambivalenz des Klangs und betont seine Doppeldeutigkeit: Wotans gerne reklamiertem C-Dur ist nie zu trauen.

Final wirkt das „Rheingold“ in der Inszenierung von Stephan Kimmig, als sei die Menschheit aus dem auch vom erwähnten Ernst Bloch noch utopisch beschworenen faustischen Traum „im kalten Tageslicht der Furcht erwacht“, wie der Verantwortungsethiker Hans Jonas einmal gesagt hat. Lauter aufgerissene Augen blicken einen von der Bühne aus an. Und obwohl man weiß, wie alles wird, interessiert einen das Warum und Wohin im Hier und Heute doch ungemein. Denn: Das sind ja wir.

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