Es ist gut warm draußen, ein Spätsommertag mit bis zu 30 Grad Celsius. Und auch in den Räumlichkeiten des Bundesstützpunkts der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) in Fellbach-Schmiden muss es einen nicht frösteln. Die sechs kleinen, runden Schätze von Darja Varfolomeev sind dennoch so verpackt, als würden sie ein wärmendes Fell benötigen. In einem flauschigen Täschchen trägt die Sportgymnastin ihre sechs Medaillen mit sich, die sie kürzlich in Valencia gewonnen hat – als Erinnerung daran, dass das alles kein Traum war.
„So langsam“, sagt die 16-Jährige, „kann ich es realisieren.“ Dass sie sich vor zwei Wochen in den Urlaub nach Mallorca als fünffache Weltmeisterin verabschiedet hat.
„Valencia“, resümiert Isabell Sawade, die Teammanagerin der RSG-Sparte im Deutschen Turnerbund (DTB), „war sensationell.“ Thomas Gutekunst, der DTB-Sportdirektor, gratulierte zu „großartigen Erfolgen“ und fand die Leistung der Athletinnen „beeindruckend“. Weil nicht nur Darja Varfolomeev dem Druck standgehalten habe.
Bei der Ausnahmeathletin, die als Zwölfjährige aus Westsibirien nach Deutschland gekommen war, war es darum gegangen, dass sie ein weiteres Mal die mittlerweile hohen Erwartungen erfüllt. Bei Teamkollegin Margarita Kolosov und der Gruppe bot die WM die Möglichkeit, weitere Startplätze für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Paris zu sichern. Weil beide erfolgreich waren, geht das deutsche RSG-Team erstmals seit 2000 in Sydney wieder mit zwei Athletinnen in der Einzelkonkurrenz sowie der Gruppe ins Rennen. Und Sawade verspricht: „Wir können noch ein bisschen zulegen.“
Forsche Töne Richtung Paris 2024
Das sind forsche Töne aus einer Sportsparte, die lange Jahre nicht unbedingt als Erfolgsgarant bekannt war – und die in der für die finanzielle Förderung ausschlaggebende Potenzialanalyse (Potas) aktuell noch auf Rang 99 der Sommersportarten geführt wird. 2021 bei den Spielen von Tokio war keine deutsche Gymnastin qualifiziert gewesen. Zudem gibt es bei den jüngsten Erfolgen einen kleinen, aber durchaus gewichtigen Einwand: Die Abwesenheit der Athletinnen aus Russland und Belarus.
Zur Einordnung: Von den 18 vergebenen olympischen Einzelmedaillen seit den Spielen 2000 gewannen Russinnen und Belarussinnen 14. Die russische Gruppe holte seit 1996 fünf von sieben möglichen Olympiasiegen. Die Entscheidung, ob die Nationen in der olympischen Einzelkonkurrenz im kommenden Sommer in Paris dabei sein dürfen – die Gruppe bleibt auf jeden Fall ausgeschlossen –, steht noch aus. Allerdings wird sie die Medaillenchancen von Darja Varfolomeev nur unwesentlich beeinflussen.
Da die meisten Startplätze für Paris bereits vergeben sind, kann sich bei der EM im kommenden Frühjahr nur noch eine einzige europäische Gymnastin für das 24-er Feld qualifizieren. Und selbst mit dieser Tatsache will man sich im deutschen Team nicht groß beschäftigen. „Wir konzentrieren uns auf uns“, sagt Isabell Sawade, deren Schützlinge nach einer Japan-Reise die neuen Elemente und Übungen beginnt zu erarbeiten. Ohnehin ist man sich sicher: Vor allem Darja Varfolomeev muss die Konkurrenz aus ihrer alten Heimat längst nicht mehr fürchten.
Mit dem WM-Titel mit den Keulen in Sofia hat sich der Teenager im vergangenen Jahr ins Rampenlicht katapultiert. Es folgten Weltcuperfolge, ein EM-Titel sowie die fünf Gold- und eine Silbermedaille bei der WM in Valencia – weshalb es nun erst recht so wirkt, als habe die zarte junge Frau die RSG in Deutschland wachgeküsst.
Seit Anfang 2019 in Deutschland
Im Sommer 2018 stellte sich die damals Elfjährige, dessen deutscher Großvater in Aschaffenburg lebt, in Schmiden vor. Ein halbes Jahr später kam sie komplett nach Deutschland, zog ins Sportinternat, traf auf ihre Trainerin Yulija Raskina, die sie förderte, forderte und formte – und beeindruckte in der Folge mehr und mehr. Auch ihre aktuellen Teamkolleginnen.
„Dascha zeigt, dass alles möglich ist, dass man nur daran glauben muss“, sagt Margarita Kolosov, lobt den Optimismus der drei Jahre jüngeren Kollegin und ergänzt: „Es ist erstaunlich, wie sie mit Problemen umgeht.“ In Varfolomeevs Sog will der DTB nun die Chance nutzen, ein gewisses Leistungslevel in der deutschen Sportgymnastik zu verstetigen, sich in der Tabelle für die Fördergelder nach oben zu arbeiten und die Möglichkeiten somit noch zu verbessern. Quantitativ, versichert Sawade, mangele es nicht an Nachwuchs.
Der hat nun wieder sportliche Vorbilder direkt vor der Nase – und im kommenden Jahr womöglich sogar eine Olympiasiegerin in der eigenen Trainingshalle. Im kleinen, flauschigen Täschchen wäre jedenfalls noch ein bisschen Platz.