Richtfest für das Böblinger Hospiz Abschiede mitten im Leben
Das Böblinger Hospiz feiert Richtfest und beweist, am rechten Ort zu sein. Dabei waren Kritiker zuvor ganz anderer Meinung, schreibt Jan-Philipp Schlecht.
Das Böblinger Hospiz feiert Richtfest und beweist, am rechten Ort zu sein. Dabei waren Kritiker zuvor ganz anderer Meinung, schreibt Jan-Philipp Schlecht.
Als am Mittwoch in der Talstraße 35 in Böblingen die Zimmermänner ein Weinglas auf dem Baustellenboden zerschellen ließen, war ein wichtiger Meilenstein geschafft: Das „Hospiz in der Mitte“, wie es jetzt heißt, feierte Richtfest. Das Gebäude hat seine endgültigen Ausmaße erreicht und schließt eine Baulücke gegenüber dem stets vom Verkehr umtosten Busbahnhof. Dabei war der Weg dorthin zunächst ein steiniger.
Vor rund sechs Jahren gründete sich auf Betreiben des Mit-Initiators Florian Wahl (SPD) der Hospizverein Region Böblingen-Sindelfingen. Dies war der erste Schritt auf dem Weg zu einem Ort des Abschiednehmens, der in der Umgebung so schmerzlich vermisst wurde. Das Leonberger Hospiz feiert dieser Tage sein 25-jähriges Bestehen. Doch Leonberg kann weit weg sein, wenn es um so ein sensibles Thema wie den Tod geht.
Jahrelang trommelte die wachsende Mitgliederschar des hiesigen Hospizvereins für Spenden, um ihr Herzensprojekt auf die Beine zu stellen. Das jetzige Richtfest der Böblinger Baugesellschaft darf der Hospizverein auch als seinen Erfolg verbuchen. Dass dieser Standort überhaupt gefunden wurde und jetzt mit einer so ausgefeilten Architektur bebaut wird, ist der Böblinger Baugesellschaft und ihrem umtriebigen Geschäftsführer Rainer Ganske zu verdanken.
Dabei weckte der Standort des Hospizes gegenüber dem Busbahnhof zunächst Störgefühle bei einigen: Wie kann das gut gehen, ein Ort des Abschiednehmens an so einer belebten Ecke? Über alldem schwebt die Frage, wie wir selbst uns unsere letzten Tage wünschen, wenngleich „wünschen“ gar kein Wort dafür ist. Die Unterstützer im Verein, die Böblinger Baugesellschaft mit ihrem Architekten Roland Haehnel sowie die Träger der St. Elisabeth Stiftung, haben die Not zur Tugend gemacht. Sie entschieden sich bewusst dafür, das Sterben mitten ins Leben zu holen. Gut so.
Denn Krankheit und Tod möglichst stark aus der Gesellschaft auszublenden, kann nicht der richtige Weg sein. Sterben und Abschiednehmen gehören zum Leben ebenso dazu, wie neues Leben zu schenken. Noch dazu, und das wiegt ebenso schwer, bringt der Standort am Busbahnhof eine ganze Reihe von praktischen Vorteilen: Die Hospizbewohner haben meist einen engeren Radius am Ende ihres Lebens. So haben Sie die Möglichkeit, noch aktiv am Leben teilzunehmen.
Angehörige können das Hospiz unkompliziert und schnell erreichen. Und sie sind in den Stunden des Abschieds nicht an einem abgelegenen Ort gebunden. Die Architekten haben mit viel Fingerspitzengefühl ein Ensemble geschaffen, das den Anforderungen an so einen besonderen Ort möglichst gerecht wird. Großen Wert haben Sie auf die Barrierefreiheit gelegt, was sich bis in die kleinsten Details zeigt.
Beispiel: die Türen auf der Dachterrasse sind mit Magnetverriegelungen ausgestattet – so entsteht kein Hindernis auf der Türschwelle für die Krankenbetten. Im rückwärtigen Bereich des Gebäudes entsteht ein Hinterhof, der den Verkehrslärm nahezu komplett aussperrt. Ein Ort der Ruhe mitten in der Stadt. Außerdem sind die Balkone der Gästezimmer als Loggien gestaltet – mit einem Sichtschutz in Richtung der umliegenden Wohnbebauung. Die Bewohner erhalten die Privatsphäre, die sie benötigen.
Nicht nur der Standort des Böblinger Hospizes entscheidet darüber, wie gut es angenommen wird. Genauso zählen auch die bauliche Umsetzung, die Trägerschaft und letztlich der Geist, der in dem Gebäude herrscht. Er wird geprägt sein vom Kommen und Gehen – in der benachbarten Postfiliale erledigen die Kunden Alltägliches, darüber wohnen Familien zur Miete und gegenüber pulsiert das Leben.