Rilke-Realschule Rot Eine Zeitzeugin als Geschichtslehrerin

Rachel Dror gelang es, dem Holocaust zu entkommen. Foto: Bernd Zeyer
Rachel Dror gelang es, dem Holocaust zu entkommen. Foto: Bernd Zeyer

Der Jüdin Rachel Dror gelang es, den Holocaust zu überleben. Ihre Eltern wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. In der Rilke-Realschule hat die 96-Jährige von ihrem Leben während der NS-Zeit und danach berichtet.

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Rot - Während es im Gang und draußen auf dem Hof wie üblich zu Pausenzeiten hoch hergeht, herrscht am Dienstagvormittag im Klassenzimmer der 10c der Rilke-Realschule bedrückende Stille. Dort sitzt Rachel Dror und berichtet aus ihrem bewegten und bewegenden Leben. 1921 in Königsberg geboren, gelang es der Jüdin, Deutschland noch rechtzeitig vor dem Holocaust zu verlassen. Ihre Eltern hatten dieses Glück nicht, beide wurden in Auschwitz ermordet.

„Jeder Mensch ist für das verantwortlich, was er tut, aber nicht für das, was andere getan haben“, sagt Dror zu Beginn ihres Vortrags. Sie sei von ihren Eltern so erzogen worden, alle Menschen zu respektieren, gleich welcher Religion sie angehören oder welche Hautfarbe sie haben. Für Hass gebe es da keinen Platz. 96 Jahre alt ist Dror, seit einem Schlaganfall fällt ihr das Reden, zumindest in der deutschen Sprache, nicht mehr so leicht. Und dabei hat sie so viel zu erzählen. Von ihrer zunächst glücklichen Kindheit in Ostpreußen beispielsweise, die ganz abrupt endete. Wann, das weiß sie noch ganz genau: „Am 31. März 1933 kam ich nach Hause, meine Mutter rief mich zu sich und sagte mir, ich dürfe meinen Freund nicht mehr sehen.“ Nicht etwa, weil sie etwas angestellt hatte, sondern weil sie Jüdin war und sich nun dementsprechend verhalten müsse: „Ich konnte nicht verstehen, was sich von gestern auf heute geändert haben sollte.“ Das Mädchen muss die Schule wechseln, wird von den Lehrern schikaniert.

1939 gelingt die Flucht nach Palästina

Zusammen mit anderen jungen Leuten führt sie der Weg 1936 nach Hamburg, wo sie sich, ganz offiziell, auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet. In der Hansestadt erlebt sie auch die Kristallnacht. Als sie am 10. November 1938 durch die Straßen geht, sieht sie eine zerstörte Synagoge und SA-Männer, die auf Juden einprügeln. Einige Wochen später fährt sie nochmals nach Königsberg zu ihrer Familie. Ihren Vater erkennt sie kaum wieder, die komplette Wohnung ist demoliert. Es ist das letzte Mal, dass sie ihre Eltern sieht.

Am 20. April 1939 verlässt das Mädchen Deutschland und gelangt über Triest nach Palästina, entkommt Holocaust und Krieg. Ihre Eltern verstecken sich in Süditalien, sie werden aber entdeckt und nach Auschwitz gebracht. Dort erwartet sie der Arzt Josef Mengele. „Er zeigte mit einem Arm nach rechts, dort ging es in die Gaskammer. Nach links kamen die Arbeitsfähigen“, erzählt Dror. Die Mutter muss nach rechts, der Vater, der im Ersten Weltkrieg als Offizier für Deutschland gekämpft und für seine Tapferkeit ausgezeichnet worden ist, lässt seine Frau nicht allein und geht freiwillig mit ihr in den Tod. Was mit ihren Eltern passiert war, hat Dror erst 1952 von einer anderen KZ-Insassin gehört.

Als 1948 der Staat Israel gegründet wird, geht die junge Frau zur Polizei. Sie heiratet und kommt 1957 wieder nach Deutschland. Eigentlich hätte sie lieber, so wie ihr Bruder, in England gelebt. Ihr Ehemann fand aber eine Arbeitsstelle in Deutschland. Dror studiert und wird in Stuttgart Lehrerin für Kunst und Technik. „Als Überlebende habe ich die Pflicht, über all das zu berichten“, sagt die Seniorin. Es sei wichtig, Geschichte nicht nur aus Büchern, sondern von Zeitzeugen zu erfahren. Auf die Frage einer Schülerin, wie sie sich fühle, wenn sie an früher denke, antwortet Dror: „Ich hasse nicht, ich heule nicht.“




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