Nach zwei Minuten und 41 Sekunden war es vorbei. So viel Zeit hat Radoslav Marcinkiewicz, Pole in Diensten des KSV Musberg, für seinen Sieg im Schwergewichtskampf zuletzt gegen den Herbrechtinger Christoph Krämer benötigt. Recht wenig Zeit, erst recht, wenn man bedenkt, dass Marcinkiewicz zuvor eine ungleich längere Autofahrt zu bewältigen gehabt hatte. Deren Dauer: rund zehn Stunden. Denn der Ringer reist für jeden Mannschaftskampf, an dem er für den aktuellen Oberliga-Spitzenreiter teilnimmt, aus seinem Heimatort Namysłów etwa 50 Kilometer östlich von Breslau an – um sich nach seinem sportlichen Einsatz meist noch in der Nacht zum Sonntag wieder auf den Rückweg zu machen.
Für die Musberger lohnt sich das. Marcinkiewicz ist ein Punktegarant allererster Güte. Das gilt auch für seinen Mannschaftskollegen aus Rumänien, Adrian Moise, es gilt für Csaba Vida, Mitglied des ungarischen Nationalkaders, der beim Regionalliga-Tabellenführer SG Weilimdorf im Einsatz ist. Und es gilt für viele andere aus anderen Nationen, die viel auf sich nehmen, um in Deutschland ringen zu können.
Höherer Stellenwert in Osteuropa
Ohne die starken Männer von außerhalb würden die Mannschaftskämpfe in den deutschen Ringerligen in einem deutlich eingeschränkteren Maß stattfinden. Ringen ist eine Randsportart, viele – einige behaupten: zu viele – Vereine lassen es bei der Nachwuchsarbeit ziemlich schleifen, wenn auch nicht die Musberger und Weilimdorfer. Manchenorts aber bringt das zwei Probleme mit sich: Dort fehlt es im Kader sowohl an Qualität als auch an Quantität. „Es gibt deutlich mehr gute ausländische Ringer als mittelgute deutsche“, sagt Manuel Senn, Vizepräsident des Deutschen Ringer-Bunds. Was auch damit zusammenhängt, dass Ringen in anderen Regionen, etwa Ost- und Südosteuropa, einen gänzlich anderen, weitaus höheren Stellenwert genießt.
Mit den Jahren hat sich ein Markt entwickelt, der dem Spielerhandel im Fußball nicht unähnlich ist. Vermittler versuchen, Ringer in Vereinen unterzubringen; Vereine fragen bei Vermittlern in den jeweiligen Ländern nach, wenn sie für eine bestimmte Gewichtsklasse einen Spezialisten und/oder Punktegaranten suchen. Ist der Vertrag dann perfekt, geht es nur noch darum, örtlich zusammenzukommen – und da gibt es verschiedene Möglichkeiten mit unterschiedlichen Herausforderungen. Ein Blick auf die drei erwähnten Beispiele Marcinkiewicz, Vida und Moise.
Der Fahrer: Radoslav Marcinkiewicz
Wie schon angeführt – zehn Stunden Fahrt pro Einfachstrecke muss Radoslav Marcinkiewicz hinter sich bringen. Seit Jahrzehnten sind Kämpfer aus Polen in den deutschen Ligen aktiv – auch, weil es in Polen nur Turniere und keine Liga gibt. Somit kann ein Athlet in Deutschland über die drei Monate einer Mannschaftssaison sozusagen Training unter Wettbewerbsbedingungen absolvieren – und sich ein paar Euro dazuverdienen. Mit der Zeit haben sich regelrechte Reisegruppen in Polen entwickelt. Ringer, die in einer bestimmten Region in Polen leben und in einer bestimmten Region in Deutschland kämpfen, schließen sich zu Fahrgemeinschaften zusammen. Der Fahrer, der seinen Mehraufwand vergütet bekommt, sammelt die Sportler ein und setzt sie am Zielort ab. Dort haben die Ringer die Möglichkeit, sich etwas auszuruhen und zu essen, bevor es auf die Matte geht. Wobei Marcinkiewicz noch nicht einmal bis zur „Endstation“ fährt – für einige seiner Mitstreiter führt die Reise weiter bis in die Schweiz. Und in der Nacht auf Sonntag oder spätestens am Sonntagmittag dann der gleiche Weg zurück.
Der Flieger: Csaba Vida
Glück gehabt hat am Wochenende die SG Weilimdorf. Beinahe wäre ihr bester Mann im wichtigen Duell mit der RG Hausen-Zell (20:12-Heimsieg) nicht da gewesen. Denn Csaba Vida steckt mitten im Trainingslager der ungarischen Nationalmannschaft und hätte von seinem Coach erst für den Samstag die Freigabe gehabt, um ins Flugzeug nach Deutschland zu steigen. Ausnahmsweise durfte er dann aber schon am Freitag los – was die Weilimdorfer sehr freute. Tags darauf hätte Vida von seiner Heimatstadt Budapest aus über München fliegen müssen, wo witterungsbedingt weder Starts noch Landungen möglich waren.
Freitags der Flug hin, sonntags der Flug zurück, dazwischen der Aufenthalt in einem kleinen Gasthof. Seit vier Jahren pendelt der Athlet während der Ringersaison zwischen der Donaumetropole und dem Stuttgarter Norden. Das kostet die Weilimdorfer zwar einiges an Sponsorengeldern, aber sportlich hat es sich gelohnt. Vida bescherte dem Verein in bislang 47 Kämpfen eine Bilanz von 174:0 (!) Mannschaftspunkten. Angebote von anderen Clubs gab es durchaus. Aber: „Ich habe hier ein gutes Gefühl, bin mit guten Leuten zusammen – mir gefällt es in Weilimdorf“, sagt Vida. So gut, dass er nicht ausschließt, irgendwann in Deutschland zu bleiben. Was, wie das folgenden Beispiel beweist, auch eine Alternative ist.
Der Bleiber: Adrian Moise
Seit dem Jahr 2009 ist Adrian Moise Musberger Ringer, erst für den TSV, mittlerweile, nach der Abspaltung vom Hauptverein, für den KSV. Moise war und ist eine feste Größe im Kader. Er half mit, die Musberger bis in die Bundesliga zu bringen. Und er blieb, als jene nach vereinsinternen Zwistigkeiten wieder ganz unten in der Landesklasse anfangen mussten. „Der Verein ist wie eine Familie für mich“, sagt Moise, der als 18-Jähriger seine ersten Einsätze bestritt. Er stammt aus Buzău, nördlich von Bukarest. Von dort aus ist man mit dem Auto in drei Stunden am Schwarzen Meer. Nach Musberg ist allerdings eine Fahrzeit von minimal 20 Stunden anzusetzen. Der Teamkollege Marcinkiewicz lässt grüßen. In Moises Fall haben sich Club und Sportler deshalb auf einen anderen Weg geeinigt.
Bis auf wenige Ausnahmen wurde Moise eingeflogen und blieb dann jeweils drei Monate, so lange es das Visum erlaubte. Unterkunft fand er im Gästezimmer eines Gönners der Musberger Ringer. Und er fand noch mehr – eine neue Heimat. Seit vier Jahren lebt Moise fest in Musberg, auch seine Familie ist da. „Ich habe mich hier nicht einen Moment als Ausländer gefühlt“, sagt er.