Röststüble Steinheim Einem duftenden Kaffeeladen droht das Aus

Hiltrud Thiem (links) und Anja Prokasky wollen ihren Laden weiterbetreiben. Foto: avanti/Ralf Poller

Das Röststüble in Steinheim muss zum Jahresende schließen, weil das Gebäude abgerissen wird. Ein neues Domizil wird gesucht.

Ludwigsburg: Sandra Lesacher (sl)

Es gibt wohl kaum einen schöneren Duft der von Kaffee: frisch geröstet, frisch gemahlen, frisch aufgebrüht . . . Herrlich! Insofern haben Anja Prokasky und Hiltrud Thiem einen echten Traumjob. Und das empfinden die Frauen selbst auch so. Seit drei Jahren betreiben sie das Röststüble in der Steinheimer Badtorstraße. Ihr tägliches Doing dreht sich also rund um jenes duftende Getränk, das sie beide so lieben.

 

Verkauft wird Kaffee im Röststüble in der Steinheimer Innenstadt in Form von Bohnen oder individuell gemahlen. Wer mag, kann sich vor Ort einen Kaffee aufbrühen lassen – zu sehr fairen Preisen. Espresso kostet zwei  Euro, Cappuccino drei Euro.

Schokolade, Mandel, Grapefruit, Johannisbeere und mehr

Dass Kaffee aber nicht gleich Kaffee ist, zeigt schon ein Blick ins Regal – oder eine tiefe Nase in die Tasse. Wer es kann, riecht beim Kaffee nämlich Noten von Schokolade, Mandel, Grapefruit, Erdnuss, Karamell und vieles mehr. Kaffee hat mehr als 800 Aromen. Das sind mehr als Wein mit seinen rund 400 Aromen. Der „Kenia“ vom Röststüble duftet etwa nach schwarzen Johannisbeeren und getrockneten Tomaten. Die helle Röstung von „Peru“ schmeckt nach Schokolade und – später dann, wenn der Kaffee schon kalt ist – nach Orange.

Das alles so zu erschmecken, muss man lernen. Dazu machen Anja Prokasky und Hiltrud Thiem regelmäßig sogenannte Cuppings, also Kaffee-Verkostungen. Die exakt gewogene Menge von gemahlenen Bohnen wird in einer Tasse mit einer abgemessenen Menge an heißem Wasser überbrüht. Mit einem speziellen Löffel wird dann die Kruste, die durch das Kaffeepulver oben entsteht „gebrochen“ und zur Seite geschoben.

Dann folgt etwas, was Hiltrud Thiem bei aller Liebe zum Kaffee so gar nicht gefällt. „Ich hasse Schlürfen“, sagt sie und lacht. Aber genau das muss man tun, um möglichst viel Kaffee-Aroma zu schmecken. Also erst schnuppern und dann ein ordentlicher Schlürfer vom Löffel.

Ein Prozedere, das Prokasky und Thiem mindestens immer dann wiederholen, wenn sie eine neue Sorte testen oder ein neuer Jahrgang ankommt. Die Bohnen kommen in großen Säcken à 60 bis 70 Kilogramm vom Freihafen in Hamburg und werden dann vor Ort in Steinheim geröstet – und zwar vor allem sortenrein. Aber es gibt auch Blends, also Mischungen, die aus zwei bis vier verschiedenen Sorten bestehen.

Erst kam der Röst-Kurs, dann der Laden

Wie das geht – Kaffee zu rösten, Blends zu mischen, worauf man achten muss und wie man die Aromen benennt – das haben die beiden Freundinnen in einem Röst-Kurs gelernt. Anfangs wurde der selbst geröstete Kaffee nur im Bekanntenkreis und auf dem Höpfigheimer Weihnachtsmarkt verkauft, dann kam die Idee mit dem Laden.

Mitten in der Coronazeit eröffnet, lief das Steinheimer Röststüble gut an. Als Lebensmittelgeschäft durften sie ja geöffnet haben. „Die Leute waren im Homeoffice und haben sich guten Kaffee gegönnt“, sagt Anja Prokasky. Inzwischen ist es schwieriger geworden. Das Konsumverhalten ist gebremst, die höheren Energiepreise treffen auch die Frauen im Röststüble, denn fürs Kaffeerösten wird einiges an Strom gebraucht.

Dennoch lieben sie ihren Traumjob und wollen unbedingt weitermachen. Allerdings steht der nach Kaffee duftende Laden auf der Kippe. Das Röststüble muss raus aus dem Fachwerkbau in der Ortsmitte, da die Stadt Steinheim ein neues Rathaus baut und die Fläche benötigt. Heißt: Anja Prokasky und Hiltrud Thiem sind dringend auf der Suche nach einem neuen Domizil in Steinheim oder einem Ort drumherum. Ende Dezember ist Schluss in der Badtorstraße. Am 2. und 3. Dezember sind die Damen vom Röststüble mit ihrem Kaffee noch auf dem Steinheimer Weihnachtsmarkt vertreten.

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