Rohrauer Kiebitz-Gebiet Kiebitze sind geschützt wie in Fort Knox

Die Kiebitze fühlen sich in Rohrau offensichtlich wohl. Foto: /Stefanie Schlecht

Vögel so gesichert wie in einem Stützpunkt der U.S. Army? Der technische Schutz für das Kiebitz-Gebiet in der Krebsbachaue wurde vor der diesjährigen Brutsaison deutlich verstärkt – bislang wurden zwischen 40 und 45 Exemplare im Gärtringer Teilort Rohrau gesichtet.

Wenn Kiebitze einen Steckbrief über ihren bevorzugten Lebensraum verfassen könnten, dann käme die Rohrauer Krebsbachaue dem gesuchten Ideal schon ziemlich nahe: Ein offenes und flaches Gelände mit nur niedrigem Bewuchs. Kein Wunder also, dass Kiebitze seit 2011 dort regelmäßig brüten. Im Jahr 2020 waren es sogar 23 Brutpaare.

 

Dass im vergangenen Jahr lediglich 14 Brutpaare und elf Jungvögel in dem Gebiet nordöstlich des Gärtringer Teilort gelegenen Areals gezählt wurden, war wohl in erster Linie der Tatsache geschuldet, dass im Frühjahr ein Fuchs durch die Umzäunung gelangen konnte. Die Ortsgruppe Gärtringen-Herrenberg-Nufringen des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), die bereits im Jahr zuvor nach grundlegenden Differenzen mit den übrigen Beteiligten aus dem Rohrauer Kiebitz-Projekt ausgestiegen war, hatten diese Vorfälle scharf kritisiert.

Elektrischer Doppelzaun sorgt für Extraschutz

Die verbliebenen Beteiligten – das Gärtringer Bauhof-Team, das Büro für Tier- und Landschaftsökologie des promovierten Biologen Jürgen Deuschle und Werner Strunk, Inhaber des Landschaftsarchitekturbüros LarS – haben in Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde im Böblinger Landratsamt nun den Schutz erhöht: Jetzt schützt ein 1,5 Kilometer langer elektrischer Doppelzaun das Kiebitz-Gebiet. Der typische Netzzaun, der in der Schäferei verwendet wird, wird mit einem Zaun mit vier Elektroleitern verstärkt.

Die unterste befindet sich in Bodennähe, die oberste verläuft oberhalb der Oberkante des Schafszauns, „um das Ansprungverhalten eines Tieres zu unterbinden“, erläutert Werner Strunk bei einem Pressetermin vor Ort. Zudem sorgen mehr Weidezaungeräte als früher dafür, dass die Spannung überall so hoch ist, dass Fressfeinde vom Eindringen abgehalten werden. 7000 Volt und mehr zeigte das Messgerät von Bauhofchef Christof Klingler.

Auch die neu angeschafften GSM-Weidezaun-Alarm-Module sorgen für mehr Sicherheit. Die Sensoren registrieren jeden Spannungsabfall, und das Bauhof-Team wird sofort via Smartphone-Meldung informiert und kann so schnell reagieren. Nachdem der Zaun stand, hat ein örtlicher Jäger das Gebiet zudem mit einer Wärmebildkamera beflogen. Um auszuschließen, dass sich ein Fuchs darin befindet.

„Der Zaun ist jetzt gesichert wie Fort Knox“, kommentierte Rohraus Ortsvorsteher Torsten Widmann die zusätzlich getroffenen Maßnahmen. Für die Kommune zahlen sich die durch ein gut gefülltes Ökopunktekonto aus. Sie können zum Ausgleich von Eingriffen in Landschaft und Natur herangezogen werden.

Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht

Allerdings gebe es keinen 100-prozentigen Schutz. Denn Gefahr droht auch durch Krähen, Bussarde und Milane. Die Kiebitze wissen sich jedoch dagegen zu wehren: „In einer großen Kolonie können solche Angriffe gut abgewehrt werden“, berichtet Biologie Deuschle.

Auch das Wetter hat Einfluss auf den Bruterfolg. Die üppigen Regenfälle im Winter haben zumindest dafür gesorgt, dass die flachen im Gelände vorhandenen Mulden mit Wasser gefüllt sind. In diesen Bereichen stochern die Kiebitze nach Nahrung. Um den Aufwuchs der Vegetation noch weiter hinauszuzögern, haben dieses Jahr zudem die tierischen Projekthelfer – Galloway-Rinder des Rohrauer Landwirts Klaus Sindlinger – die Fläche bereits vor Brutbeginn beweidet.

Bisher sind 40 bis 45 Kiebitze in der Krebsbachaue gesichtet worden. Die ersten Paare haben bereits mit dem Brüten begonnen. Wenn alles gut geht, schlüpfen nach 26 bis 29 Tagen aus den zumeist vier birnenförmigen, olivbraunen Eiern. Diese legt das Weibchen in eine Bodenmulde, die das Männchen gescharrt und mit Gras ausgepolstert hat.

Inzwischen haben sich Kiebitze auch auf benachbarten geeigneten Flächen niedergelassen, unter anderem im nahe gelegenen Nufringer Ried. Dort seien 2023 vier erfolgreiche Kiebitzbruten mit zwölf flüggen Jungvögeln beobachtet worden. Auch dieses Jahr würden sich dort wieder Vögel aufhalten: Drei Brutpaare seien bisher gesichtet worden.

Auch im Maurener Tal hat ein Kiebitzpaar erfolgreich gebrütet

Zwei hätten bereits mit dem Brüten begonnen, berichtete Ulrike Kuhn, Vorstandsmitglied der NABU-Ortsgruppe. Diese ist dort – nachdem der Gemeinderat die beiden Büros abgewählt hatte, die mit der Betreuung beauftragt waren – weiterhin aktiv. Auch im Maurener Tal hat im vergangenen Jahr ein Kiebitzpaar erfolgreich gebrütet. Deshalb hat die Gemeinde Holzgerlingen dort auch wieder ein geschütztes Habitat geschaffen.

Da Kiebitze scheu und schreckhaft sind, sollten diese nur aus einiger Distanz beobachtet werden. An der Rohrauer Krebsbachaue gibt es dafür seit 2019 eine Besucherplattform. Dort sind bereits Ferngläser vorhanden – die Gemeinde freut sich jedoch über weitere gespendete Exemplare.

Wissenswertes zum Kiebitz

Aussehen
Die etwa taubengroßen Vögel, die zur Art der Regenpfeifer gehören, haben ein markantes Gefieder: Die schwarze Rückenpartie glänzt im Licht metallisch grün oder violett. Der Bauch ist weiß mit einem scharf abgegrenzten schwarzen Brustband. Auffällig am weißen Kopf mit schwarzer Stirn: der auch Holle genannte spitz zulaufende schwarze Federschopf am Hinterkopf.

Gefährdung
Vor allem der Verlust an ihrem bevorzugten Lebensraum – Feuchtgebiete und Mooren – durch Trockenlegung macht der Vogelart in ganz Europa zu schaffen. Europaweit hat sich die Population laut Naturschutzbund Deutschland (NABU) mehr als halbiert. Deshalb gilt der Kiebitz auf dem europäischen Kontinent als gefährdet. In Deutschland wird er sogar als stark gefährdet eingestuft. Die NABU-Zahlen dazu: Zuletzt wurden in Deutschland nur noch 42 000 bis 67 000 Brutpaare gezählt. Zwischen 1980 und 2016 ist die Zahl um 93 Prozent zurückgegangen. In Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Brutpaare von geschätzt 4000 bis 5000 im Jahr 1996 auf 300 bis 400 Paare (2016) verringert.

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