Roland Emmerich und die Firma Solo Stargate: mit dem Zweitakter in andere Dimensionen

Kurt Russell fährt in dem Film „Stargate“ mit dem Maichinger Mobil ans Ende der Galaxis. Foto: imago/ / kpa Publicity

Bekannt durch das Solo-Mofa und noch bekannter durch die Solo-Sprühgeräte ist die Familie Emmerich in Sindelfingen. Solo hat in 75 Jahren ein weltumspannendes Netz aus Niederlassungen geknüpft – und greift zuweilen nach den Sternen.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Analoges Amazon, das war der Quelle-Katalog: Man traute sich kaum, ihn anzufassen, es sprengte den Kopf, was er auf seinen Hunderten von Seiten bot. Er brachte Bedürfnisse in die engen Nachkriegssiedlungen, die man nicht gekannt hatte und von denen man doch nur träumen durfte, weil sie außerhalb aller finanziellen Möglichkeiten lagen.

 

Der Aufstieg der Sindelfinger Firma Solo ist ohne diesen Katalog nicht denkbar. Und auch nicht ohne diese Träume von Freiheit, von Unabhängigkeit in diesen engen Nachkriegssiedlungen. Unter dem Handelsnamen Mars stellte Solo Zweitaktmofas für das Versandhaus Quelle her, in Hochzeiten bis zu 60 000 Stück im Jahr. Mofas, mit denen die Landjugend in die Zentren fahren konnte, um sich zu vergnügen, mit denen man schnell in die Schule kam und nicht kilometerweit laufen musste und die im Haushalt nützlich waren, wenn man kurz was einkaufen musste. Natürlich gab es auch die traurigen Gestalten auf dem Mofa, die im Dorf jeder kannte, weil sie den Führerschein verloren hatten, meistens wegen des Alkohols.

Kreidler, Zündapp, Maico, Heinkel . . .

Kreidler, Zündapp, Maico, Heinkel, NSU, wie die Firmen alle heißen, nichts ist mehr da – außer der Sindelfinger Firma Solo, die in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feiert. Die Unternehmerfamilie Emmerich hat damit etwas geleistet, was nur wenige Unternehmer schaffen: die Firma verkleinert, ohne sie zu ruinieren.

„Der Mofatrend ging nur zehn Jahre“, sagt der Geschäftsführer Andreas Emmerich, dann brauchte man für Mofas Helme und Führerscheinprüfungen und würgte damit das Geschäft ab. Die Familie verkaufte das Gelände der Mofaproduktion und brachte das Unternehmen auf den Kurs, mit dem es 1948 gestartet war, mit tragbaren Spritzen und Zerstäubern für Pflanzenschutzmittel.

Wenn man es aber ganz genau nimmt, startete die Firma Solo wie in einem Agentenfilm. Ende 1940er Jahre gelang es den Firmengründern, den Brüdern Hans und Heinz Emmerich, einen kleinen, leichten, leistungsstarken Zweitaktmotor zu entwickeln. Der wurde an einen Generator und an ein Radio gekoppelt und in der Vorphase des Kalten Krieges über den Staaten des sich bildenden Ostblocks abgeworfen. So sollte die Ostbevölkerung Westradio hören können, um in den sozialistischen Diktaturen auch die westliche Sicht der Weltgeschichte mitzubekommen.

Start wie im Agentenfilm

Doch war das nicht sehr nachhaltig, und die Amerikaner gaben das Projekt schnell auf. Weil die Familie Emmerich aus Obertürkheim stammte und die Mutter noch eine echte schwäbische Winzerin war, kam der Vater auf die Idee, Zweitaktmotorspritzen zu bauen. Bisher waren die Geräte für den Pflanzenschutz so schwer, dass sie von zwei Männern getragen werden mussten. Der leichte Solo-Motor erlaubt ein einfaches Rückengerät – und damit war auch der Name geboren: „Solo“, weil man damit auch alleine arbeiten konnte. Der Vater Hans und der Onkel Heinz waren technikverliebt. Sie klemmten ihren bis heute in Deutschland hergestellten Solo-Zweitaktmotor an praktisch alles, was sich bewegte. Es gab Solo-Motorsägen, Solo-Rasenmäher, Solo-Außenbordmotoren, natürlich die Solo-Mofas und den Solo-Schwimmwagen, eine Allradkonstruktion, die mit sechs Rädern im Wasser und Matsch genauso gut zu Hause war wie auf der Piste.

„Das waren andere Zeiten“, sagt Andreas Emmerich heute, „man war schnell, man war innovativ, man scherte sich nicht viel um Marktgängigkeit. Wenn es etwas Neues gab, dann haben wir das mitgemacht.“ Die Firma expandierte ins Ausland, gründete weltweit ihre Niederlassungen und griff in den 90er Jahren sogar nach den Sternen.

Transporter in „Stargate“

Das ist einerseits wörtlich zu verstehen, andererseits metaphorisch und liegt in der zweiten Generation der Familie Emmerich begründet, den Kindern von Hans Emmerich: Wolfgang, Andreas, Roland und Ute Emmerich, die je ein Viertel der Firma halten. „Einen Künstler kann ich mir leisten“, hatte der Vater gesagt und damit seinen Sohn Roland gemeint, der es als einer der wenigen Deutschen nach Hollywood geschafft hat und mit Filmen wie „Independence Day“, „Stargate“ und „The Day after Tomorrow“ einen Weltruf begründete. Ein Mann, der immer groß dachte und der einen Rückhalt bei seinen Geschwistern fand und nicht nur deswegen, weil er eine Wohnung in München hatte, die man, wie sich Andreas Emmerich lachend erinnerte, als junger Kerl ganz gut nutzen konnte.

Die Firma baute die Kulissen

Natürlich waren die Emmerichs stolz, wenn die Betriebsschlosserei und die Betriebsschreinerei die Kulissen für die frühen Emmerich-Filme baute, die er zum Teil noch in Deutschland drehte. Natürlich gingen dem Vater die Augen über, als er den Haufen Belege sah, in dem der Sohn seine Ausgaben sammelte, und schaltete erst mal seine Buchhaltung ein, um geordnete Finanzen in die Filme zu bekommen.

Zweitakter noch unverzichtbar

Roland Emmerich war es auch, der das ambitionierteste Projekt der Firma, den Solo 750 Schwimmwagen gleich in mehreren Beziehungen zum Star machte. Der Wagen wurde in Hollywood eingesetzt, und da bei dem Film „Stargate“. „Wir haben den Solo 750 damals nach Amerika geschickt, aber dort wurde er bis zur Unkenntlichkeit umgebaut“, sagt Andreas Emmerich. Wenn man die Eingangsszene sieht, als Kurt Russell und James Spader mit einen Trupp Soldaten das Sternentor durchschreiten, dann kann man an ihrem Transporter die sechs Ballonreifen erkennen, die den Solo 750 charakteristisch machten. 100 Solo 750 wurden hergestellt und in die ganze Welt verkauft.

Die Zukunft dem Zerstäuber

Gegenwärtig flattern Banner am Grundstück neben der Solo-Zentrale in Sindelfingen-Maichingen. Eine Entwicklungsfirma versucht, auf dem Gelände der ehemaligen Solo-Mofafabrik einen Industriepark zu entwickeln. Währenddessen steht dem Unternehmen schon wieder eine tiefgreifende neue Entwicklung ins Haus. Begann die Firma mit leichten Zweitaktgeräten, schwenkt sie da, wo es möglich ist, auf Elektroantriebe um. Dennoch glaubt Andreas Emmerich, dass zum gegenwärtigen Stand der Technik der Zweitaktmotor für manche Maschinen unverzichtbar ist. Die Solo-Trennschleifer mit ihren mächtigen 14-Zoll-Scheiben und die Geräte zum Pflanzenschutz seien dafür ausgelegt, den ganzen Tag zu laufen. Das würde bislang keine Akku-Maschine schaffen.

Nach den Erfahrungen der Coronapandemie will Solo ein weiteres Geschäftsfeld beackern, mit Zerstäubern zur Flächendesinfektion für Krankenhäuser und andere Einrichtungen, für die Hygiene entscheidend ist. Und dann gibt es ein drittes Gebiet, in dem Wolfgang und Andreas eine kleine, aber feine Firma unterhalten. Sie stellen Zweitaktmotoren für Segelflugzeuge her, die als Starthilfe dienen und die Seilwinde oder das Schleppfahrzeug überflüssig machen.

Nachdem sein Bruder Wolfgang bereits aus dem Solo-Geschäft ausgestiegen ist, beginnt auch Andreas Emmerich, an den Rückzug zu denken und die Geschäfte nach und nach an den Geschäftsführer Sascha Luft zu übergeben. Wie ist es, wenn der andere Bruder zum Hollywoodstar aufgestiegen ist, während er hier in Maichingen die Firma versorgte? Für Andreas Emmerich ist alles in Ordnung so. Ihm hat die Arbeit für Solo Spaß gemacht, und wie hätte er sonst so viele verschiedene Länder und Kulturen erleben können, wenn nicht durch die Arbeit in den weltweiten Niederlassungen von Solo? Doch einen gravierenden Unterschied gibt es zwischen dem Emmerich-Geschwistern. Während Andreas sich langsam aus dem Geschäft zurückzieht, wird der jüngere Bruder Roland Emmerich dem Filmgeschäft erhalten bleiben. Zurzeit dreht er eine Serie in Rom.

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