Roland Ostertag gestorben Vitales kulturelles Zentrum im Westen

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„Der Erfolg ist eine Schnecke“, pflegte er zu seufzen, entmutigen ließ er sich von Rückschlägen aber nie. Vergeblich waren hier auch seine diversen Anläufe, die Stadt stärker mit ihren Flüssen zu verbinden. Umso erfolgreicher machte er sich dagegen für die Erhaltung des Hotels Silber, der früheren Stuttgarter Gestapozentrale, als Erinnerungsort stark, und hier am Neckar bewahrte er auch das Jugendstilgebäude des Alten Schauspielhauses ebenso wie das hi­storische Ensemble des ehemaligen Bosch-Firmensitzes vor dem Abriss.

Im Arbeitszimmer von Robert Bosch mit dem originalen Mobiliar des Firmengründers befindet sich heute der Besprechungsraum des Stuttgarter Literatur­hauses. Nicht auszudenken, dass dieses Haus, ein Zeugnis der Stuttgarter Industriegeschichte, der Abrissbirne zum Opfer gefallen wäre, wonach es eine Zeit lang aussah – dem damaligen OB Manfred Rommel hätte nach alter Stuttgarter Tabula-rasa-Gewohnheit eine Neubebauung des Quartiers besser gefallen. Zusammen mit der Liederhalle bildet das von Ostertag um­gebaute Bosch-Areal mit seiner Mischung aus Geschäften, Gastronomie, Büros, Wohnungen und dem gewölbten Glasdach über dem Innenhof heute ein vitales kulturelles Zentrum der Stadt.

Die Stadt als Lesebuch

Stadt, pflegte Roland Ostertag zu sagen, sei wie ein Lesebuch. Wer zu viele Seiten herausreiße, verstehe irgendwann die Geschichte nicht mehr. Gemünzt war das auf die zahlreichen Abrisse in Stuttgart seit Wiederaufbau­tagen. Ostertag selbst war mit der Zeit zum wandelnden Gedächtnis der Stadt geworden. Jeder, der mit ihm zu tun hatte, wurde über kurz oder lang in die baugeschicht­liche Stuttgart-Ausstellung beordert, die der Architekt am Gähkopf in der ehemaligen Privatgalerie des Kunstsammlers Hugo Borst eingerichtet hatte. Dieses beeindruckende Archiv mit seinen historischen Stadtplänen und -ansichten, mit dem riesigen Stadtmodell und seiner Bibliothek zu bewahren und für Forschung und Öffentlichkeit weiterhin zugänglich zu machen, sollte der Stadt ein Anliegen sein.

Dass dieses Vermächtnis zum Nukleus eines längst fälligen Stuttgarter Architekturmuseums werden könnte, ist wahrscheinlich eine allzu kühne Hoffnung. Zu wünschen bleibt gleichwohl, dass sich Nachfolger finden, die sich mit gleicher Verve in die Debatte um die bauliche Zukunft der Stadt werfen wie Roland Ostertag. Denn der Posten des Einmischers und Bewegers ist jetzt vakant. Am vergangenen Freitag ist Roland Ostertag nach schwerer Krankheit mit 87 Jahren in seinem Wohnhaus im Stuttgarter Norden gestorben.