Romantische Reisen Venedig im Winter
Im Winter hat Venedig mehr Tiefe, bietet mehr Raum für Gedanken als im Sommer, wenn sich die Touristenmassen durch die Straßen schieben. Vom Reiz, zur falschen Jahreszeit in die Lagunenstadt zu reisen.
Im Winter hat Venedig mehr Tiefe, bietet mehr Raum für Gedanken als im Sommer, wenn sich die Touristenmassen durch die Straßen schieben. Vom Reiz, zur falschen Jahreszeit in die Lagunenstadt zu reisen.
Einen Abend zuvor noch hatten Menschen, in Jacken und Schals gehüllt, unter Heizstrahlern bis in die Nacht hinein an den im Freien aufgestellten Tischen vor den Restaurants im Cannaregio-Viertel gesessen und gegessen. Ein paar Häuser weiter standen derweil Leute mit Weingläsern in der Hand vor einer Bar am Kanal. Und 30 Zentimeter von ihnen entfernt schipperte ein kaum beleuchtetes Wassertaxi im Schritttempo vorbei.
Doch in der Nacht kam plötzlich das Hochwasser. Sirenen weckten die Anwohner. Sie verrammelten die Haustüren mit halbhohen Metallwänden, damit die Lagune nicht bis ins Wohnzimmer schwappt. Sie wuchteten Bretter und Metallgestelle, bauten Stege in manchen Gassen auf. Und jetzt ist auch noch der Regen da: Bleigrau und schwer hängen die Wolken über der Lagunenstadt. Sie haben die Winter-Melancholie nach Venedig mitgebracht, das Bühnenbild mit einem Schlag verändert. Schlimm ist das nicht, im Gegenteil: Das Grau hat etwas Geheimnisvolles, das Hochwasser etwas Endzeitlich-Unwirkliches, die Stadt ein ganz anderes Gesicht. Es lässt einen immer weiter laufen und selbst die abgelegenste Gasse erkunden.
Die vielen Kanäle treten in einem Tempo über die Ufer, dass man dabei zuschauen kann. Vertäute Boote hebt es dorthin, wo eben noch Land war. Sogar aus den Gullys quillt Wasser und flutet die Plätze. Es ist, als wollte Venedig versinken, als holte die Lagune sich die Fläche zurück, die die Stadt auf Stelzen eingenommen hatte. Und als sollte dieser Untergang sehr schnell, fast lautlos und vor aller Augen vonstattengehen.
Im Winter gehört all das dazu: das Grau, Regen oder Nebel, das Hochwasser. Es gibt Leute, die genau deswegen hinfahren. Die meinen, Venedig habe in jenen Monaten mehr Tiefe, biete mehr Raum für Gedanken als im Sommer, wenn sich die Touristenmassen von frühmorgens bis spätabends unaufhörlich durch die Straßen schieben und Venedig zu viel von Disneyland und Jahrmarkt habe. Nun aber kann die Fantasie auf Zeitreise gehen, wenn sich die zahllosen Brücken nur mühsam aus dem Morgennebel schälen, von entgegenkommenden Passanten nur die Schritte zu hören sind und erst kurz vor der Begegnung Konturen sichtbar werden. Es ist, als ob das Wasser überall wäre – vom Himmel fällt, in der Luft hängt. Und trotzdem fühlen sich diese Augenblicke nicht bedrohlich an: weil sie Alltag für die Einheimischen sind und die mit größter Selbstverständlichkeit damit umgehen.
Auch die Linienboote sind unterwegs wie eh und je, die Schaufenster der Boutiquen erleuchtet, die Stände auf dem Rialtomarkt geöffnet, wo Venezianer morgens frischen Fisch und Gemüse einkaufen gehen und Touristen selbst im Sommer in der Unterzahl sind, obwohl die berühmte Rialtobrücke nur 30 Schritte entfernt ist.
Die Venezianer sind winterliche Wetter-Unbill gewohnt, ziehen Gummistiefel an, nehmen beim Morgenspaziergang die Schoßhündchen ein paar Dutzend Meter weit auf den Arm, bis sie wieder höher gelegenes Terrain erreicht haben. Die fliegenden Händler, die sonst falsche Marken-Handtaschen und nicht minder unechte Uhren auf dem Markusplatz verramschen, haben das Sortiment über Nacht umgestellt auf faltbare Mini-Regenschirme für sieben Euro und machen bessere Geschäfte als sonst.
Wasser überspült einen Moment lang die Gondel, bis der nächste Schritt gesetzt ist, der Gummistiefel mit der aufgedruckten Venedig-Ansicht auf dem Schaft im Trockenen steht: Solche Motiv-Gummistiefel sind plötzlich der Renner – und ein Ladenhüter, sobald sich das Wetter bessert. „Wir Schuhverkäufer sind bei Winterwetter die Gewinner. Ich bete jeden Tag für Regen und Hochwasser“, sagt einer in der Ladentür im San-Marco-Viertel. Und seine Mundwinkel verraten, dass er es doch nicht ernst meint.
Die echten Gondeln auf dem Canal Grande tragen derweil dunkelblaue Plastikkapuzen über ihren samtbezogenen Sitzen. Ihre Gondolieri drängen sich in einer Bar am Ufer, trinken Kaffee und warten auf die angekündigte Rückkehr der Sonne. Nur ein koreanisches Pärchen kann nicht warten und möchte unbedingt zur Rundfahrt starten, mit Abgesang und Erinnerungsfoto.
Warum Lorenzo della Toffola das Winterhalbjahr so mag? „Weil weniger zu tun ist als im Sommer. Keine Hektik. Und weil ich dann zwei, drei Wochen in Urlaub fahren kann.“ Der Mann arbeitet auf der Gondelwerft Squero di San Trovaso, eine von nur noch zweien in Venedig. Hauptsächlich leben Lorenzo und seine Leute vom Reparaturgeschäft. Und da gilt in der Hochsaison stets „schnell, schnell“, damit jedes beschädigte Schiff umgehend wieder in Fahrt gehen und Geld einspielen kann.
Auch die Kellner haben nun endlich Zeit für einen Plausch mit den Gästen, für ein freundliches Lächeln zwischendurch, der Koch für eine noch bessere gegrillte Dorade, für perfekte Pasta und all das, was sonst manchmal auf der Strecke bleibt: ganz unabhängig davon, ob gerade Hochwasser ist, ob es regnet, Nebel zwischen den Häusern klebt oder die Sonne scheint.
Irgendwann diesen Nachmittag brummt wieder eines der sündhaft teuren Wassertaxis durch den Seitenkanal, wo neulich die Leute mit Weingläsern standen: ein gutes Zeichen, der Pegel muss gefallen sein. Haarscharf passt das Boot wieder unter der Brücke hindurch. Der Wind hat die Wolken Richtung Adria weggeschoben. Das Wasser verschwindet in den Gullys und es ist, als ob die Sonne diese Stadt wie hydraulisch aus dem Morast emporzieht. Golden leuchten plötzlich die Fassaden der kleinen Handwerkerhäuser im Cannaregio-Viertel. Majestätisch strahlen die prachtvollen Palazzi am Canal Grande. Und plötzlich ist diese Hauptverkehrsader durch die Stadt voller Gondeln, als ob es Nachholbedarf gäbe. Vor ersten Restaurants stehen schon wieder Tische im Freien.
Anreise
Die schnellste Zugverbindung von Stuttgart führt über München nach Venedig und dauert knapp neun Stunden. Die Nachtzugverbindung ab München (Abfahrt München-Ostbahnhof 23.54 Uhr) dauert knapp achteinhalb Stunden plus Zubringer aus Stuttgart, www.bahn.de. Wetter
Traditionell ist in Venedig Hochwassersaison, die noch bis Anfang April dauert, wenn Adria-Stürme das Wasser immer wieder Richtung Lagune drücken. Seit das Fluttorsystem „Mose“ im Jahr 2021 in Betrieb genommen wurde, sind die schweren Hochwasser in der Lagune deutlich seltener und schwächer geworden. Voraussetzung ist, dass die Tore rechtzeitig und vollzählig geschlossen werden. Die höchsten Wasserstände der Vergangenheit lagen – wie zuletzt 2019 – bei bis zu knapp 1,90 m über dem normalen Niveau. Bei kleineren Hochwassern bis zu einem Meter wird „Mose“ nicht aktiviert, der Markusplatz ist dann dennoch überschwemmt.
Unterkunft
Hotelübernachtungen gibt es in den Wintermonaten ab unter 80 Euro pro Doppelzimmer und Nacht (z. B. Drei-Sterne-Hotel Mercurio, www.hotelmercurio.com) oder Al Nuovo Teson bei FTI (www.fti.de). Über Weihnachten/Silvester und in der Karnevalszeit ziehen die Preise oft deutlich an. Alternative sind Ferienwohnungen im historischen Zentrum (z. B. über www.fewo-direkt.de oder über www.novasol.de), deren Preise je nach Größe, Lage, Ausstattung und Reisezeit schwanken und bei etwa 630 Euro pro Woche beginnen.
Allgemeine Informationen
Italienische Zentrale für Tourismus (Enit), www.italia.it