„Ronja Räubertochter“ am Schauspiel Stuttgart Wunder jenseits der Mattis-Burg

Im Wald wird’s magisch: Rumpelmann (Reinhard Mahlberg), Ronja (Anne-Marie Lux) und Rumpelfrau (Katharina Hauer, v. links) Foto: Schauspiel Stuttgart/Björn Klein

Astrid Lindgrens Roman „Ronja Räubertochter“ ist ein Klassiker – aber auch cool, modern und auf dramatische Weise aktuell. Das beweist Sophia Bodamers Inszenierung am Schauspiel Stuttgart.

Eine Kindheit ohne die Werke von Astrid Lindgren ist leider möglich, aber trostlos. Gerade jetzt, wo die Erwachsenen dieser Welt entschieden haben, nach längerer Friedensphase einfach mal wieder alles kaputt zu machen, braucht die Menschheit trotzige Utopisten wie Pipi Langstrumpf, die Kinder aus der Krachmacherstraße oder Ronja Räubertochter. Letztere macht in der Vorweihnachtszeit Station am Schauspiel Stuttgart, um Kleinen wie Großen zu zeigen, wie das geht mit dem Sich-Vertragen in harten Zeiten. Die Geschichte um das starke Mädchen, das in einer Gewitternacht in einer Burg zur Welt kommt, gerade, als ein Blitz das Gemäuer in zwei Hälften teilt, stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges und erschien 1981 lange vor dem Mauerfall. Mit der 1984 erschienenen Kinoadaption des schwedischen Filmemachers Tage Danielsson sind wahrscheinlich noch viele Eltern heutiger Ronja-Fans groß geworden, die am Sonntagnachmittag zur Premiere von Sophia Bodamers Inszenierung gekommen sind.

 

Die Welt hat sich seit den achtziger Jahren allerdings beständig weiter gedreht, inzwischen gehören Smartphones, Youtube und Tiktok zum Alltag selbst kleinerer Kinder, vielleicht sogar mit größerer Selbstverständlichkeit als Märchen und Mythen. Erprobte Eltern mag die witzige Ansage vom Band zu Beginn der Vorstellung nicht weiter befremden, die Handys seien bitte in den Hosentaschen zu verstauen. Neben den Graugnomen würden auch die Schauspieler auf der Bühne nicht gern fotografiert. Trotzdem, es ist ein komischer Gedanke, dass schon Sechsjährige solch eine Ermahnung brauchen könnten.

Wie in „Minecraft“

Im Bühnenbild von Prisca Baumann erinnert die Burg von Ronjas Vater Mattis (Sebastian Röhrle), dessen Gemahlin Lovis (Marietta Meguid) und dem alten Glatzen-Per (Sven Prietz) dann auch eher an postmoderne Pixelspielwelten wie „Minecraft“ als an das ruppige, unelektrifizierte Mittelalter. Eine stilisierte Ziegelwand in poppigen Neonfarben mit spärlich modern möbliertem Interieur ersetzt die zugige Burg aus grauer Vorzeit. Statt schwerer Holztische, wurmstichiger Schemel und verflohter Bärenfelle gibt es mit Plüsch überzogene Monobloc-Stühle, orange leuchtende Treppengeländer und Neonröhren. Musikalisch knarzt und bliept es manchmal, die clever in die Handlung eingeflochtenen Umbauten werden von klatschenden Club-Beats untermalt.

Ronjas Welt ist cool und angesichts der jungen Zielgruppe verdammt erwachsen. Erst auf ihren Streifzügen durch den Wald begegnen dem Mädchen (Anne-Marie Lux) Wunder und fremde Wesen, die sich nicht so einfach mit den Gesetzen unserer technisierten Welt erklären lassen. Da wachsen aus dem Bühnenhimmel auf Gaze gemalte Baumstämme auf die Erde herunter, da gibt es Schnee und Nebelschwaden, und eine grausige Wilddrude mit riesigen Schwingen, die im Fluggeschirr über Ronja hinwegfegt.

Zottelige lustige Viecher

Ronja fürchtet sich auch vor den Graugnomen, dabei sind das in der Interpretation der Kostümbildnerin Kerstin Grießhaber lustig zottelige Viecher mit leuchtenden Augen, die Mattis mit seinem Pixelschwert in die Flucht schlägt. Seinen Erzfeind Borka (Reinhard Mahlberg), der eines Tages mit Sohn Birk (Noah Baraa Meskina) und Gattin Undis (Katharina Hauter) in den abgetrennten Burgteil einzieht, kann Mattis aber nicht so leicht verscheuchen.

Abseits der ästhetischen Neuerungen und witzigen Regieeinfälle hält sich Sophia Bodamer mit ihrem Team eng an die literarische Vorlage mit deren überzeitlichen Werten. Wenn sich die streitenden Väter mit dem Kind des jeweils anderen als Geisel gegenüberstehen, ist es allerdings schwer, das nicht auch als Kommentar zu aktuellen Kriegen zu sehen. „Auch auf unserer Seite haben wir Kerker unter der Erde“, droht Borka Mattis, dessen Tochter in dunklen Gängen gefangen zu halten. Zur Vernunft kommen die Alten erst, nachdem sich die Kinder von deren Hass emanzipiert haben und sich gegenseitig als Freunde jenseits überlieferter Vorurteile kennengelernt haben.

Rührend absurd

Es hat etwas rührend Absurdes, wie das Kindertheater den Kleinsten Werte für die Zukunft zu vermitteln versucht, die Erwachsene immer mehr infrage stellen. Bodamers Kontrastierung der sachlich kalten, digitalisierten Welt mit den unberechenbaren Wundern in Astrid Lindgrens literarischem Kosmos führt das harsch vor Augen. Hätte sich Ronja nicht allein auf den Weg gemacht, um jenseits der Pixel-Mauern der Mattis-Burg die echte, wilde Welt zu erkunden, hätte sie nicht gelernt, anderen mit Offenheit und Neugier zu begegnen. Man kann sich fragen, warum heutige Erwachsene all das vergessen haben. Und heutigen Kindern kann man nur wünschen, eines Tages mit Ronjas Pioniergeist in die Welt zu ziehen, um sie neu und schöner zu machen.“

„Ronja Räubertochter“-Variationen

Buch
Astrid Lindgren baute ihre Erzählung auf Motive nordischer Sagen und des klassischen Räuberromans – sie zeichnete Mattis und Borka aber als liebevolle Väter. Das Buch wurde zum internationalen Erfolg, wie auch Tage Danielssons Verfilmung aus dem Jahr 1984. Die junge Ronja-Darstellerin aus Danielssons Film, Hanna Zetterberg, ging später in die Politik und wurde von 1994 bis 1998 Abgeordnete der sozialistischen Vänsterpartiet im schwedischen Reichstag.

Adaptionen
Es gibt auch eine Oper (2015), ein Musical (1994) und sogar eine japanische Zeichentrickserie (2014–2015) des berühmten Studio Ghibli.

Aufführungen
Die Inszenierung ist noch bis zum 22. Januar 2024 zu sehen. Die Vorstellung dauert rund 80 Minuten, oft gibt es zwei pro Tag. Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.

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