Rotlichtviertel in Stuttgart Leonhardsviertel: Keine Bordelle oder vielleicht bald 20

Tagsüber herrscht im Leonhardsviertel Tristesse. Das soll sich nach dem Willen der Stadt ändern. Foto: Mario Esposito

Ein Informationsabend zum Leonhardviertel stieß nur auf geringes Interesse bei Anrainern. Viele wollen, dass sich nichts ändert.

Die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, Veronika Kienzle, hatte am vergangenen Donnerstagabend zum Informations- und Ausspracheabend über die Zukunft des Leonhardsviertels geladen und danach unmissverständlich erklärt: „Jetzt ist der Gemeinderat dran.“ Noch mehr Debatten in unterschiedlichen Formaten und mit unterschiedlichsten Teilnehmern brauche es jetzt nicht mehr.

 

Denn seit vielen Jahren liegt ein Bebauungsplanentwurf in der Schublade, der das Ziel hat, in diesem ältesten Quartier der Stadt den Betrieb von Bordellen und bordellartigen Betrieben zu versagen. Innerhalb des Cityrings wäre er weiter zulässig. Es wäre dann neuen Betreibern nicht möglich, Baugenehmigungen zu erhalten, und den dort seit Jahren agierenden würde der Weiterbetrieb untersagt.

Prostitution schadet der Gesundheit

Martin Priwitzer vom Gesundheitsamt stellte klar: Prostitution schade der psychischen und körperlichen Gesundheit. Es gibt aber noch andere Aspekte, die die Ratsfraktionen glauben, in ihre Entscheidung miteinbeziehen zu müssen. So brüten Stadträte, beeinflusst von ihren Vertretern im örtlichen Bezirksbeirat, von Gewerbetreibenden in Prostitution und Gastronomie sowie beeindruckt von langwierigen Prozessen vor den Verwaltungsgerichten, seit Jahren über eine finale Entscheidung. Obwohl die Entscheidung keine nur aufs Quartier bezogene ist, sondern eine gesamtstädtische, sollte nun auf Antrag der CDU ein Stimmungsbild der im Rotlichtviertel lebenden Menschen eingeholt werden. Ihr Interesse an einem Meinungsaustausch war aber gering. Von 2522 Einladungen auf Basis des Einwohnermelderegisters waren 270 nicht zustellbar, davon allein 78 aus der Leonhard- und Weberstraße. Am Ende zählte Veronika Kienzle nur 82 Rückmeldungen, davon 34 von Anwohnern.

Aktuell gibt es drei Bordelle und vier Anbahnungsgaststätten

Die gewonnenen Erkenntnisse sind folglich nicht repräsentativ, interessant ist das Stimmungsbild dennoch: Sowohl die anwesenden Anwohner wie Hauseigentümer und Gewerbetreibenden sprachen sich mehrheitlich dafür aus, die Prostitution im Viertel mit Ausnahme des – allerdings nur spärlich – besetzten Straßenstrichs nicht zu untersagen. Aktuell gibt es laut Ordnungsamt drei Bordelle und vier Anbahnungsgaststätten.

Auch die Vertreter der Polizei und der dort angesiedelten sozialen Einrichtungen vertreten die Ansicht, die Bordelle sollten erhalten werden, weil sie in diesen regulierten Räumen den direkten Kontakt zu den Prostituierten halten könnten. Bordelle quasi zu „Schutzräumen“ für überwiegend aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn stammende Frauen zu erklären, die alle drei Monate die Stadt wechselten, erscheint Kienzle absurd. Auch dort werde vergewaltigt und geraubt.

Abwanderung in Wohnungen nimmt zu

Die Sorge der Vertreter, die mit Anschaffenden zu tun haben, ist, dass die Abwanderung in private Wohnungen die Gefahr von Übergriffen erhöhen könne. Das scheint aber im Trend, von 400 registrierten Prostituierten (bei einer deutlich höheren Dunkelziffer) gehen nur 40 im Leonhardsviertel ihrer Beschäftigung nach.

Der Stadtplanungsamtsleiter Thorsten Donn hat zum Bedauern der Teilnehmer zwar keine Vision gezeigt, wie sich das Quartier entwickeln könnte, würde man das Rotlicht ausknipsen. Dabei gibt es konkrete Vorstellungen von Wohnen und Ausgehen. Er hat aber auf zwei ganz wesentliche Sachverhalte hingewiesen, die in der Debatte untergingen: Die Befürchtung, mit steigender Attraktivität würden die Anwohner aus ihren günstigen Wohnungen verdrängt, entkräfte man mit einer Milieuschutzsatzung.

Neue Bauanträge könnten nicht verhindert werden

Und es gebe nur: „Hopp oder top“. Würde der von Planern und Juristen rechtssicher erstellte Bebauungsplan im Gemeinderat keine Mehrheit erhalten, dann könnten neue Bauanträge nicht verhindert werden. In der Verwaltung hält man bis zu 20 weitere Bordelle für möglich – ein Zustand, der an frühere Zeiten erinnert, in denen das Leonhardsviertel mit viel mehr Kriminalität konfrontiert war. Fände dagegen der Plan der Behörde im Herbst eine Mehrheit, würden die bestehenden Betriebe zwar nicht von heute auf morgen geschlossen, aber „wenn die Marschrichtung klar ist, werden wir die restlichen Bordelle angreifen“, so Baurechtsamtsleiterin Kirsten Rickes.

Hilfeeinrichtungen müssen sich anpassen

Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann fand deutliche Worte in Richtung der Sozialeinrichtungen, die für sie wohl den Eindruck erweckt hatten, die Prostitution sollte aus Gründen der Bequemlichkeit im Leonhardsviertel bleiben – dann müsste man sich nicht neu orientieren. Die Verlagerung des Gewerbes in Privatwohnungen habe bereits in der Coronazeit stattgefunden, das sei die „Lebenswirklichkeit“, an die sich die Hilfsmaßnahmen schon deshalb anpassen müssten, weil man viele Betroffene heute schon nicht mehr erreiche. Und klar sei, so Sußmann: „Wenn Freier die Frauen finden, dann wir auch.“

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