Der wuchtige Ledersessel und das braune Bücherregal samt eigener Biografie sollen den Eindruck gediegener Seriosität erwecken. Das gelbe Hemd des Redners wirkt dann aber doch sehr schrill. „Hallo, ich bin Rudy Giuliani“, sagt der Mann: „Geben Sie mir die Chance, etwas Nettes, Lustiges zu machen. Ich kann Glückwünsche zu Geburtstagen oder Jahrestagen sprechen oder auch aufmunternde Worte sagen. Manche Leute brauchen das.“
Denn der prominente 79-Jährige braucht derzeit vor allem Geld. Für 325 Dollar (plus 32,50 Dollar Bearbeitungsgebühr und 21,45 Dollar Steuern) kann man den Ex-Anwalt des früheren Präsidenten Donald Trump für eine Videobotschaft auf der Prominenten-Plattform Cameo buchen, wo sonst abgehalfterte Schauspieler, Popstars oder Sportler ihr Einkommen aufbessern.
Viele offene Rechnungen
Einst war Rudy Giuliani der bekannteste Bürgermeister der USA. Das „Time“-Magazin wählte ihn 2001 zur „Person des Jahres“. Nun steht Giuliani vor der Pleite. Gerade hat ihn eine Kanzlei, die ihn in zahlreichen Prozessen vertrat, wegen unbezahlter Anwaltshonorare in Höhe von 1,36 Millionen Dollar verklagt. Der Sender CNN berichtet, dass sich bei Giuliani offene Rechnungen für Anwälte, Geldstrafen und Sanktionen inzwischen auf mehr als fünf Millionen Dollar belaufen sollen.
Giuliani hat schon versucht, signierte T-Shirts (911 Dollar das Stück) zu verkaufen, die an seine Rolle nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erinnern, als er Rettungs- und Aufräumarbeiten in New York leitete. Auch Trump ist ihm zur Seite gesprungen – mit einem Spendendinner, dessen Teilnehmer jeweils 100 000 Dollar zahlen mussten. Zuletzt bot Giuliani seine Wohnung mit drei Bädern, offenem Kamin und eichenholzvertäfeltem Esszimmer auf der Upper East Side für 6,5 Millionen Dollar zum Verkauf an. Ein Käufer hat sich bisher offenbar nicht gefunden. Giulianis Niedergang begann, als er sich nach dem Wahlsieg von Donald Trump ganz an den Rechtspopulisten band. Er war zunächst Rechtsberater, dann persönlicher Anwalt des Präsidenten und Verbreiter wildester Verschwörungslegenden. „Er ist ein anderer Mann geworden“, erklärte seine dritte Frau Judith Nathan 2019 bei der Scheidung.
Im Herbst 2020 nahm das Image des einstigen Idols schweren Schaden, als er in einem Borat-Film als lüsterner alter Mann im Gespräch mit einer angeblich minderjährigen Reporterin vorgeführt wurde. Kurz darauf triefte ihm bei einer Pressekonferenz Farbe aus dem Haar. Seine Zulassung als Anwalt hat Giuliani wegen seiner Rolle bei dem Umsturzversuch vom 6. Januar verloren. Zwei Hersteller von Wahlmaschinen verklagen ihn auf Schadenersatz in Milliardenhöhe. In Georgia ist er wegen seines Versuchs, das Stimmergebnis zu verändern, angeklagt.
Vorwürfe sexueller Übergriffe
Hinzu kommen immer neue Vorwürfe der sexuellen Nötigung gegen den 79-Jährigen, der als eifriger Nutzer der Potenzpille Viagra gilt. Im Mai hat eine ehemalige Mitarbeiterin den Ex-Anwalt verklagt, weil er sie zu sexuellen Handlungen gezwungen haben soll. Jetzt wurde bekannt, dass auch Cassidy Hutchinson, eine Mitarbeiterin von Trumps Ex-Stabschef Mark Meadows, in einem Buch Vorwürfe gegen Giuliani erhebt: Angeblich hat er ihr während der Trump-Rede am 6. Januar 2021, bei der der Präsident den rechten Mob zum Marsch in Richtung Kapitol aufrief, hinter der Bühne an die Oberschenkel gegriffen. Giuliani bestreitet beide Anschuldigungen.
Wiederholt haben Freunde von Giuliani nach Medienberichten versucht, Trump zur Übernahme der Gerichtskosten seines einstigen Anwalts zu drängen. Doch der Ex-Präsident umgibt sich nicht gern mit Verlierern. Eine Zahlung könnte in seinen Augen auch als Schuldanerkenntnis gewertet werden.
Umso verzweifelter betont Giuliani seine Nähe zum einstigen Präsidenten, der nach wie vor populär ist. Doch ein Interview mit Trump für öffentliche Sender konnte er bisher nicht bieten.