Sechs Kerzen brennen auf dem Boden, Yogamatten liegen im Kreis aus. Die Hebamme Katrin Neher versucht, den schmucklosen Raum ohne Fenster etwas heimelig zu machen für die sechs Frauen aus ihrem Kurs. Alle sechs waren bis vor wenigen Wochen schwanger. Aber zu Hause wartet kein Baby auf sie, das gestillt, gewiegt, gewickelt werden will. Katrin Nehers Rückbildungskurs bei Pro Familia Stuttgart richtet sich an verwaiste Mütter. Frauen, die ihr Kind durch eine Fehlgeburt, eine Totgeburt oder einen späten Schwangerschaftsabbruch verloren haben. Auch Frauen, deren Kind nach wenigen Lebenstagen gestorben ist, sind willkommen.
„Ich denke jeden Tag an meinen Kleinen“, sagt Claudia Reinhardt, eine ehemalige Teilnehmerin, die bereit ist, ihre Geschichte zu erzählen. Sie hat ihren Sohn vier Wochen vor dem errechneten Termin verloren. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass das Kind in Gefahr ist. Die Schwangerschaft war unkompliziert gewesen, die letzte Messung der Herztöne unauffällig. Doch dann war es ungewöhnlich ruhig in ihrem Bauch.
„Mein Baby ist leider in mir verblutet“
Ihre Frauenärztin schickte sie in die Ambulanz der Frauenklinik. Zuerst wurde sie von einer Hebamme untersucht, die holte die Assistenzärztin, schließlich kam die Oberärztin. Claudia Reinhardt registrierte die „Checkliste Totgeburten“ auf dem Schreibtisch, bevor sie die Nachricht hörte, die das Leben in ein Vorher und ein Nachher teilen sollte. Zuvor hatte sie sich auf das Leben zu viert gefreut und die Tochter darauf vorbereitet, bald große Schwester und kein Einzelkind mehr zu sein. Nun würde sie der damals noch Dreijährigen erzählen müssen, dass ihr Bruder „in den Himmel gezogen“ ist. Zwei Tage später brachte sie ihren Sohn nach Einleitung auf die Welt: am 8. Februar statt wie errechnet am 8. März. Nicht per Kaiserschnitt, worum sie zunächst gebeten hatte, sondern natürlich, wie es empfohlen wurde. Als sie ihren Sohn anblickte, fiel ihr auf, wie „perfekt“ er war – und wie blass. „Mein Baby ist leider in mir verblutet“, sagt die 39-Jährige. Blut ihres Kindes wurde in ihrem Blutkreislauf gefunden. Fetomaternales Transfusionssyndrom nennt man es, wenn es zu solch einem erhöhten Blutverlust kommt.
Sie war erleichtert, als sie von dem Kurs für verwaiste Mütter erfuhr
Die Schwestern machten einen Gipsabdruck des Füßchens und zogen dem Kleinen Babysachen an, bevor ein Fotograf das Sternenkind fotografierte.
Am Tag nach der Entbindung kam die Seelsorgerin an Claudia Reinhardts Bett und erzählte ihr von dem neuen Rückbildungskurs für verwaiste Mütter, den es seit Jahresbeginn bei Pro Familia gibt. Sie war erleichtert, dass sie nicht in einen normalen Kurs würde gehen müssen, umgeben von Müttern, die sich über ihre Babys, die Schlaf- und Stillzeiten austauschen. Auf genau solch einen Kurs hatte sie sich ursprünglich während der Schwangerschaft gefreut. Weil sie nach der Geburt ihres ersten Kindes ihr Baby mit zur Rückbildung genommen hatte. Beim zweiten Kind, so hatte sie es sich ausgemalt, sollte es anders laufen: Sie wollte die Zeit ganz bewusst für sich genießen.
Stattdessen ging sie acht Wochen nach der Entbindung in den Kurs für „verwaiste Mütter“. Sie nahm am zweiten Kurs nach Einführung teil. Zuvor habe es in Stuttgart und Umgebung kein solches Gruppenangebot gegeben, berichtet die Geschäftsführerin und medizinische Leiterin von Pro Familia Stuttgart, Marion Janke. In der hauseigenen Informations- und Vernetzungsstelle Pränataldiagnostik habe man den Bedarf für solch ein spezifisches Rückbildungsangebot gesehen, das auch Trauerbegleitung beinhaltet.
Rund 3000 Totgeburten im Jahr
In die Beratung zur Pränataldiagnostik kommen überwiegend Schwangere und Paare, wenn bei einer der inzwischen gängigen Untersuchungen festgestellt wurde, dass eine Behinderung des Kindes vorliegt. Die meisten entschieden sich für den Schwangerschaftsabbruch, berichtet Marion Janke. „Das ist ein traumatisches Erlebnis“, sagt die Ärztin. Wäre der Fetus schon überlebensfähig, muss er vor der Einleitung der Geburt im Mutterleib getötet werden, ergänzt ihre Kollegin Maren Michel. Das macht nicht jede Klinik. Der ganze Prozess sei psychisch sehr belastend für die Frauen.
Die Betroffenen könnten nach der Entbindung mit entsprechender Verordnung alleine für die Rückbildung zu einer Hebamme gehen. Doch das täten viele nicht, zudem müsse man erst mal eine Hebamme finden, die das mache, sagt Katrin Neher.
Dabei sei Rückbildungsgymnastik enorm wichtig. Stärke man den Beckenboden nicht, steige unter anderem das Risiko für Inkontinenz, erklärt die Hebamme. Sie meldete sich sofort, als sie mitbekam, dass Pro Familia eine Kursleiterin sucht. „Ich habe schon lange gedacht, dass es ein Angebot braucht.“
Die 29-Jährige arbeitet im Kreißsaal einer Stuttgarter Geburtsklinik. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass nicht jede Geburt mit dem ersehnten Schrei eines Kindes endet. Mehr als 3000 Totgeburten gibt es in Deutschland jedes Jahr. In der Ausbildung zur Hebamme werde man darauf nicht genug vorbereitet, kritisiert sie. Wie die Mütter teils begleitet werden, empfinde sie als furchtbar.
Die Geburt ist noch körperlich spürbar
Für Claudia Reinhardt ist der Rückbildungskurs „perfekt gewesen“, umgeben von fünf Frauen zu sitzen, denen es ging wie ihr, weil sie ihr Baby verloren hatten.
Einmal erzählte eine andere Mutter in der Runde, dass sie alleine Schuhe kaufen ging – und wie sie dort die Trauer übermannte. Weil sie diese Ruhe eigentlich nicht haben sollte. Sie sollte gefordert sein von ihrem Kind, dessen Geburt sie noch körperlich spürte. Diese Sehnsucht konnten alle im Raum nachvollziehen.
Die sechs Kerzen, die Katrin Neher vor jedem Kurs anzündet, stehen für die sechs verlorenen Kinder. Auch wenn jede Frau ihre Geschichte habe – „es gibt einen gemeinsamen Nenner, das ist die Trauer“, sagt die Hebamme. Im Januar hat sie mit den Kursen begonnen – alle waren bisher voll, ohne dass Pro Familia dafür gesondert geworben hätte.
Der bekannte Autor eines tröstenden Gedichts gab dem Jungen seinen Namen
Zum Start eines Kurses sei die Stimmung eigentlich immer gedrückt, aber das ändere sich. Man merke, wie gut die Gruppe den Frauen tue, die nicht nur gemeinsam weinten, sondern auch gemeinsam lachten. Zu Beginn reicht die Hebamme meist einen Würfel aus Stein herum, auf dem Wettersymbole zu sehen sind, die für Gefühle stehen. Die Frauen zeigen das Symbol, das zu ihrer Stimmung passt. Wer will, kann der Stimmung Worte verleihen und zum Kerzenschein den Namen seines Kindes nennen – den richtigen oder einen Kosenamen wie „Krümel“.
Claudia Reinhardts Sohn heißt Theo. Ihr Vater schickte das Gedicht „Trost“ von Theodor Fontane. So kam ihr Baby zu dem Namen, den er wohl nicht bekommen hätte, wäre er lebend geboren worden. Theo liegt nicht in einem bunt geschmückten Kindergrab, sondern in einem Baumgrab. Die Bestattung war wichtig, aber sie wollten nicht regelmäßig mit der Tochter auf den Friedhof. „Sie ist unser großes Glück“, sagt die 39-Jährige.
Sie konnte sich nicht vorstellen, nach dem Mutterschutz sofort wieder zu arbeiten. Sie braucht Zeit für sich und für die vierjährige Tochter und hat sich ein Sabbatjahr genommen. Andere aus dem Kurs zog es früh zurück ins Büro. Sie konnten die Leere zu Hause nicht ertragen. Jede trauere für sich, jede trauere anders. „Da gibt es kein Richtig und kein Falsch.“
Bestattungsrecht und Bestattungspflicht
Bestattung
Seit dem 15. Mai 2013 gilt das Bestattungsrecht auch für Sternenkinder, die unterhalb der Gewichtsgrenze von 500 Gramm liegen. Außerdem, darauf weist man bei Pro Familia hin, haben Eltern von Sternenkindern das Recht, diese ins Stammbuch einzutragen. Wiegt ein Sternenkind mehr als 500 Gramm, besteht eine Bestattungspflicht.
Kurs
Der Rückbildungskurs für verwaiste Mütter findet immer an fünf Abenden statt und dauert jeweils zwei Stunden. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Nähere Informationen gibt es bei Pro Familia Stuttgart unter iuv.stuttgart@profamilia.de oder im Netz unter www.profamilia.de/stuttgart.