InterviewStuttgarter Arzt über Rückenschmerzen Orthopäden müssen mehr Daten sammeln

Die meisten Menschen kennen den stechenden Schmerz: der Rücken ist oft eine Schwachstelle Foto: dpa
Die meisten Menschen kennen den stechenden Schmerz: der Rücken ist oft eine Schwachstelle Foto: dpa

Im Durchschnitt geht jeder vierte Deutsche einmal pro Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt. Ist das noch normal? Der Stuttgarter Orthopäde Christian Knop erklärt, wie Ärzte und Patienten sicher gehen können, dass nicht unnötig operiert wird.

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Stuttgart - Kreuzschmerzen sind einer der häufigsten Gründe für einen Arztbesuch. Schuld an dem Leiden sind weniger Schäden an der Wirbelsäule als Bewegungsmangel und Stress. Was man gegen Rückenbeschwerden tun kann, diskutieren nun Experten wie der Orthopäde Christian Knop bei einem Kongress in Stuttgart. Knop erklärt, wie Ärzte und Patienten sicher gehen können, dass nicht unnötig operiert wird.

Herr Knop, im Durchschnitt geht jeder vierte Bundesbürger einmal pro Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt. Ist das noch normal?
Das ist unserem Lebensstil geschuldet: Wir sitzen zu viel und haben zu wenig körperlichen Ausgleich. Das nimmt uns der Rücken sehr übel. Andererseits muss man auch sagen, dass die Ansprüche an ein schmerzfreies Leben auch im Alter in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen haben.
Ärzte werden aber auch dafür kritisiert, dass sie dieses Verhalten fördern – etwa weil sich mit aufwendigen Diagnosestellungen gut verdienen lässt. Ist das denn so?
Die Leitlinien unserer Fachgesellschaften geben vor, dass es bei einem unspezifischen Rückenschmerz erst einmal keine bildgebende Verfahren braucht, sondern das ärztliche Gespräch entscheidend ist. Das ist oft nicht unbedingt im Sinne der Patienten: Wenn das Aufstehen, Gehen oder Liegen nicht so gut funktioniert, dann muss der Arzt ihrer Meinung nach genau schauen, woran das liegt. Gleichzeitig gibt es das Problem der sogenannten Absicherungsmedizin. Ärzte müssen stets so handeln, dass sie ihr Vorgehen auch juristisch verantworten können. Was, wenn der Patient ernsthaft erkrankt ist, aber der Arzt erst einmal sechs Wochen mit den Röntgenbildern zuwartet? Um solche Fälle zu vermeiden, rutschen einige Ärzte schnell in die Diagnostik-Behandlungsschleife.
Was ist dann der Grund, warum die OP-Zahlen beim Rücken steigen?
Es gibt handfeste Fehler, die mit den Statistiken gemacht worden sind. So wurden Operationen mit einzelnen Prozeduren gleichgesetzt. Dazu muss man wissen, dass beispielsweise eine mittelgroße Wirbelsäulen-OP sich aus bis zu zehn Prozeduren zusammensetzen kann. Das zeigt uns, dass wir eine vernünftige Registerarbeit, also eine gute Datenbasis brauchen. Die kann nicht von Behörden wie dem Statistischen Bundesamt allein geleistet werden, dazu braucht es auch Fachexpertise.
Und was genau tut Ihre Fachgesellschaft nun dafür?
Zum einen haben wir dafür ein Wirbelsäulenregister aufgebaut, in dem Kliniken bislang auf freiwilliger Basis sämtliche Operationen am Rücken einspeisen. Bei uns können Orthopäden, Neurochirurgen und Unfallchirurgen verschiedene Zertifikate erlangen, die auch von der europäischen Wirbelsäulengesellschaft anerkannt werden. Und seit 2017 können sich auch Kliniken als Wirbelsäulenzentrum zertifizieren lassen. Der Vorteil: Weil jede Klinik teilnehmen kann, bringen wir so mehr Qualität in die Fläche.
Ein Teil dieser Zertifizierung ist eine Mindestmengenregelung bei den Operationen. Ist das nicht eher kontraproduktiv?
Ja, das ist ein zweischneidiges Schwert: Zwar bescheinigt eine Mindestmenge an Eingriffen dem Krankenhaus oder dem Arzt eine gewisse Routine. Das Gegenargument könnte aber lauten: Man stellt überzogene Diagnosen, um die für das Zertifikat erforderliche Anzahl an Operationen zu erfüllen. In meinen Augen gibt es da aber keine ideale Lösung.
 

Hier geht's zu unserer Multimedia-Reportage zum Thema Rückengesundheit.

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