Rückgabe von Raubkunst „Kamerun wird das nächste große Thema“

„Das Linden-Museum hat die größte Kamerun-Sammlung aus der deutsche Kolonialzeit“, sagt Direktorin Inés de Castro. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Klare Worte von der Direktorin des Stuttgarter Linden-Museums, Inés de Castro, zum Umgang mit Raubkunst: Sie verteidigt die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria gegen die zuletzt aufgekommene Kritik. Gleichzeitig bereitet sie sich auf das nächste Restitutions-Kapitel vor.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Um die im Dezember weithin begrüßte Rückgabe von Benin-Bronzen aus deutschen Museen an Nigeria ist im Nachgang eine heftige Diskussion entbrannt, die bis in den Bundestag hinein reicht. Ausgangspunkt war, dass Nigeria die ihm übertragenen Eigentumsrechte an den einst von Briten geraubten Benin-Objekten seinerseits an den König (Oba) von Benin weiter übertragen hat, aus dessen Gebiet sie ursprünglich stammen. Befürchtungen wurden laut, die Objekte könnten damit der Öffentlichkeit entzogen sein. Die Direktorin des Stuttgarter Linden-Museums, das bei dem Rückgabeprozess eine wichtige Rolle spielt, teilt diese Befürchtung nicht und betont die Souveränität der afrikanischen Staaten.

 

Frau de Castro, die Rückgabe einer wertvollen Zeremonial-Maske, die über Jahrzehnte ein Erkennungsmerkmal des Linden-Museums war, ist Ihnen nach eigenen Worten schwergefallen. Wie geht es Ihnen heute, ein halbes Jahr später, damit?

Die Emotion ist immer noch dieselbe. Es war trotzdem die richtige Entscheidung. Es muss auch wehtun.

Wie emotional sind Sie angesichts der Kritik, die nachträglich an der Rückgabe der Benin-Bronzen aufkam?

Das macht mich schon ein bisschen traurig. Vor allem wegen der Argumente, die da vorgetragen wurden.

Was meinen Sie genau?

Es wird leider auf alte Narrative zurückgegriffen: afrikanische Staaten fehle es an Expertise und es herrsche dort ein Unvermögen im Umgang mit diesen wertvollen Objekten. Ich dachte, wir wären da schon etwas weiter. Das zeigt mir, wie wichtig es ist, zu einer veränderten Sichtweise auf den globalen Süden zu kommen. Es braucht ein gesellschaftliches Umdenken. Allein mit der Rückgabe von Objekten oder der Umbenennung von Straßen ist es meines Erachtens nicht getan. Wir müssen dahin kommen, dass der Kolonialismus ein selbstverständlicher Teil unserer Erinnerungskultur wird.

Die Kritik fand ein Echo auch im Bundestag. Der Konsens, der beim Thema Restitution herrschte – mit Ausnahme der AfD –, scheint zu bröckeln. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich fände es schade, wenn dieses wichtige Thema in einen parteipolitischen Konflikt münden würde. Für mich ist klar, dass die Rückgabe der in der Kolonialzeit geraubten Objekte die einzige richtige Entscheidung ist. Hier gibt es eine ethische Verantwortung. Das ist auch die Haltung unserer Träger, des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart, die ich sehr begrüße.

Ihre Direktoren-Kollegen Barbara Plankensteiner (Hamburg) und Hermann Parzinger (Berlin) betonen, dass die Rückgabe bewusst bedingungslos erfolgt sei. Ist das auch Ihre Sicht?

Ja. wir haben diese Objekte an einen souveränen Staat zurückgegeben. Was dann damit passiert, ist eine rein innernigerianische Entscheidung. Wenn wir Restitution Ernst meinen, dann kann man daran keine Bedingungen knüpfen. Es gibt übrigens keinen Grund zu der Annahme, dass die Übertragung der Eigentumsrechte auf den Oba von Benin bedeutet, dass diese Objekte nicht mehr öffentlich zugänglich sein werden. Dagegen sprechen auch die Erfahrungen aus der Benin Dialogue Group, der neben den ethnologischen Museen Hamburg, Berlin, Leipzig und Köln und Stuttgart Vertreter des nigerianischen Nationalstaats, des Bundesstaats Edo und des Königshauses angehören und die diese Rückgabe in einem sehr vertrauensvollen Prozess vorbereitet hat. Königliche Vertreter waren von Anfang an Teil dieses Dialoges, der ja auch weiterhin fortgesetzt wird. Nun geht es darum, diese Partnerschaft weiter zu entwickeln.

Sie würden also wieder genauso verfahren?

Im Falle von Benin, Ja. Unsere ethischen Verantwortung verschwindet ja nicht damit, dass innerhalb Nigerias die Eigentumsverhältnisse wechseln. Das ist für mich nicht relevant. Dass es zwischen der Nationalregierung und regionalen Akteuren zu Differenzen kommt, ist auch nicht überraschend. Das wäre bei uns vermutlich genauso. Wenn wir beispielsweise die bei Kriegsende von Russland geraubten Kunstgegenstände zurückbekommen sollten, auf die Deutschland weiterhin Anspruch erhebt, gäbe es auch bei uns eine Diskussion darüber, wessen Objekte das jetzt eigentlich sind.

Wie fallen die Reaktionen in Nigeria auf die Diskussion in Deutschland aus?

Es gibt eine Enttäuschung darüber, dass man wieder in diese kolonialen Muster verfallen ist. „Fiasko“, „Debakel“, „Intransparenz“ – das sind schon heftige Worte. Und wenn suggeriert wird, die Nigerianer könnten nicht richtig auf die Objekte aufpassen, die Sicherheit sei nicht gewährleistet, ist das in der Tat diskriminierend.

Wie viele der Benin-Bronzen wurden bereits zurückgegeben?

Die fünf beteiligten Museen der Benin Dialogue Group haben zusammen bisher etwa 20 Objekte zurückgegeben. Das ist im Rahmen der Nigeria-Reise von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock im Dezember erfolgt. Aus dem Linden-Museum wurde bisher nur die symbolträchtige Maske zurückgeführt. Die restlichen 45 Objekte, die wir zurückgeben, sind noch allesamt hier, und die meisten davon auch noch in unserer Dauerausstellung zu sehen. Wer Interesse hat, ist herzlich willkommen.

Wann gehen diese 45 Objekte an Nigeria?

Das ist die Entscheidung Nigerias. Dort weiß man sehr gut, dass die Museen einen Vorlauf brauchen. Ich denke nicht, dass das noch dieses Jahr der Fall sein wird. 24 Objekte bleiben ohnehin für die Dauer von zehn Jahr als Leihgabe bei uns im Haus. Das war eine Bitte der Museen, um die Geschichte auch bei uns erzählen zu können.

Kritik an der Rückgabe kam auch von Nachfahren der Sklaven auf, der New Yorker „Restitution Study Group“. Die Gruppe verweist auf die damals aktive Rolle des Königreichs Benin im Sklavenhandel. Ist das berechtigt?

Daraus zu konstruieren, dass das Eigentum dieser Objekte bei ihnen liegt, halte ich für schwierig, auch wenn ich das große Leid dieser Nachfahren nachvollziehen kann.

In welchem Bereich stehen weitere Rückgaben an?

Die Forscherin Bénédicte Savoy hat zusammen mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen aktuell das Buch „Atlas der Abwesenheit“ zum Kamerunischen Kulturerbe in Deutschland veröffentlicht. Das Linden-Museum hat, wie auch im Buch nachzulesen ist, die größte Kamerun-Sammlung, mehrheitlich aus kolonialen Kontexten. Sie umfasste vor dem Krieg mehr als 14 000 Objekte, heute sind davon noch rund 8800 vorhanden – so viel zu dem Vorwurf, andere Länder könnten nicht auf ihr Kulturgut aufpassen. Kamerun wird sicher das nächste große Restitutions-Thema werden.

Warum lagern so viele Kamerun-Objekte in Stuttgart?

Museumsgründer Graf Karl von Linden pflegte engen Kontakt zu zahlreichen Akteuren der deutschen Kolonie in Kamerun.

Eine persönliche Frage: Empfinden Sie es als belastend, vor so einer großen Aufgabe zu stehen oder sagen Sie sich, gut dass das in meine Zeit fällt. Ich will das in Ordnung bringen?

Das ist beides. Wir wussten immer, dass in der Kolonialzeit Objekte auf brutalste Weise in unser Museum gelangt sind. Aber die Tragweite war mir nicht von Anbeginn klar. Das war auch für mich ein manchmal belastender Prozess. Auf der anderen Seite sehe ich es als riesige Chance. Die ethnologischen Museen standen noch nie so im Fokus wie jetzt. Wir müssen das auch als Chance begreifen, unsere Häuser wieder gesellschaftlich relevanter zu machen. Auch wenn die personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen nicht vorhanden sind, um all das zu machen, was wir eigentlich machen müssten, wird hier im Team hervorragende Arbeit geleistet und sind wir auf einem guten Weg. Wir bringen diese Themen in die Gesellschaft und leisten damit einen Beitrag zum gesellschaftlichen Umdenken. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück mehr.

Das Gespräch führte Jan Sellner

Zur Person

Biografie
Inés de Castro ist 1968 in Buenos Aires geboren und hat an der Universität Bonn Ethnologie und Altamerikanistik studiert. Sie war stellvertretende Direktorin des Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museums und leitet seit 2010 das Linden-Museum in Stuttgart. Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit sind die Kulturen Meso-Amerikas. (red)

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