In Willi Achtens „Rückkehr“ begibt sich der Protagonist an den Ort seiner Kindheit – getrieben vom Bedürfnis, die Wahrheit zu erfahren über einen tragischen Vorfall. Und über seine Eltern.

Nachrichtenzentrale : Lukas Jenkner (loj)

Stuttgart - Jakob Kilv kehrt heim in das Alpendorf, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Getrieben wird er mehr als 20 Jahre nach seinem letzten Sommer in der Heimat vom Bedürfnis, die Wahrheit herauszufinden. Damals hatte er das Dorf Hals über Kopf verlassen, nachdem der Protest gegen einen ebenso charismatischen wie skrupellosen Geschäftsmann, der die Berglandschaft für den Ski-Tourismus ausbeuten wollte, aus dem Ruder gelaufen war. Zwei Tote hatte es gegeben, und Jakob Kilv möchte nun wissen, was in jenem Sommer 1995 wirklich passiert ist.

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Das Problem: Er trifft seine früheren Freunde und Begleiter wieder, darunter seine einstige (und unerfüllte) Jugendliebe, von denen aber niemand ein ernsthaftes Interesse daran hat, die alten Geschichten wieder aufzuwärmen. Und so verheddert sich Jakob in einem Geflecht aus Andeutungen, Schweigen und Lügen – bis er am Ende entscheiden muss, ob er im Dorf bleiben und leben kann, oder ob die Schatten der Vergangenheit zu lang und zu dunkel sind.

Stummer Beobachter eines Dramas

Wie schon in „Die wir liebten“ geht es auch in Willi Achtens neuem Roman um traumatische Kindheits- und Jugenderfahrungen, die Unfähigkeit zu sprechen und elterliches Versagen. Der jugendliche Jakob Kilv sieht in seinem letzten Sommer in Unschuld viel und grübelt noch mehr, spricht aber wenig und bleibt viel zu oft stummer Beobachter eines sich zuspitzenden, dramatischen Geschehens, als es seiner Seele gut tut. Erst Jahrzehnte später ist er in der Lage, sich der Vergangenheit zu stellen – und an der Wahrheit zu reifen.

Eingebettet hat Willi Achten die innere Entwicklung seines Protagonisten in das Umfeld eines nicht näher bezeichneten Dorfes in den nördlichen Alpen, das stellvertretend stehen kann für viele Siedlungen dort – eigenbrötlerische Bewohner, anstrengende Touristen, geschäftstüchtige bis geldgierige Unternehmer und Lokalpolitiker eingeschlossen.

Geeignet für melancholische Bergfans

Die Beschreibungen der Natur sind stark und intensiv, der Leser riecht förmlich die nass geregneten Nadelgehölze und hat die baufälligen Hütten am Rande der verschlängelten Wirtschaftswege vor Augen. Für Bergfans mit Hang zur Melancholie, die der vielen und immer gleichen Alpenkrimis überdrüssig sind, ist „Rückkehr“ eine gelegentlich sperrige, aber lesenswerte Abwechslung.

Willi Achten: Rückkehr. Roman. Piper Verlag München 2022. Gebunden, 256 Seiten, 22 Euro.