Was es bedeutet, einen Staat zu führen, machte Jacinda Ardern in ihrer Rücktrittsankündigung sehr klar. Das sei der herausforderndste Job, den man haben könne, sagte die neuseeländische Premierministerin, niemand sollte ihn ausüben, wenn er nicht seine volle Kraft dafür geben könnte. Ihr „Tank“ sei dafür zu leer.
Ardern macht damit das ganze Dilemma des Politiksystems deutlich: Einerseits verlangen Bürgerinnen und Bürger – zumindest in aufgeklärten Demokratien – nach einem anderen Politikerpersonal, nach einem diversen, in dem auch Frauen und Menschen, die nicht dem Typus ellenbogenbewehrter, machtbesessener Holzklotz entsprechen, eine Chance haben. Andererseits drohen die hierarchischen Strukturen, in denen sich vieles auf einzelne Entscheider konzentriert, solche Menschen aufzureiben.
Ardern ist nicht gescheitert
Es ist deshalb tragisch, dass eine wie Ardern, die zur Ikone einer gleichberechtigten, vielgestaltigen, mitfühlenden Ordnung taugte, sich nun aus der Verantwortung verabschiedet, weil ihr der Spagat zwischen Familienleben und Staatsführung wohl über den Kopf gewachsen zu sein scheint.
Ihren Rücktritt als Scheitern oder Verantwortungslosigkeit zu sehen, wäre falsch. Ardern hat fast die gesamte fünfjährige Legislaturperiode erfüllt, im Herbst stehen ohnehin Neuwahlen an. Außerdem macht ihr Rückzug das, was sie zuvor gelebt hat, umso glaubwürdiger, passt zu einer menschlichen Auslegung des Amtes. Etwas, das bleiben wird.
Verteilung von Verantwortung
Insofern hat ihr Rückzug durchaus Vorbildcharakter. Für jede und jeden Einzelnen, der sieht, dass man erhobenen Hauptes eingestehen darf, nicht mehr zu können oder nun die Familie und sich selbst über den Beruf stellen zu wollen. Für die politische Elite, die sich überlegen muss, ob es Wege gibt, hohe Ämter menschenfreundlicher zu gestalten. Flachere Hierarchien und die Verteilung von Verantwortung auf mehrere, wie es heute zum Beispiel in modernen Unternehmen in Spitzenpositionen gemacht wird, könnten hier Stichworte sein.