Die Ehrung ist fast drei Jahrzehnte her, aber plötzlich wieder ein Thema. Im Landratsamt des Zollernalbkreises in Balingen wurde 1994 ein Künstler und Kunstvermittler ausgezeichnet. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt Alfred Hagenlocher die vom Ministerpräsidenten (damals: Erwin Teufel) verliehene Staufermedaille des Landes. Gewürdigt wurde der gebürtige Ludwigsburger für seine kulturelle Arbeit in Reutlingen und in Albstadt, wo er die städtische Galerie aufgebaut und geleitet hatte.
Übergeben wurde die ordensähnliche Medaille vom früheren Landrat, dem CDU-Fraktionsvize im Landtag und Sparkassenpräsidenten Heinrich Haasis. Er hatte Hagenlocher bei Teufel für die Ehrung empfohlen, auf einen Vorschlag aus dem Landkreis. In seiner Laudatio fand er warme Worte für den zu Ehrenden: Dessen Lebenswerk sei geprägt durch „außergewöhnlichen Idealismus und Tatkraft“, für seine Heimatregion sei er „ein Glücksfall“. „Eine Welle der Sympathie ging durch den Sitzungssaal“, notierte die Lokalzeitung.
Kunst als Tarnung für die NS-Vergangenheit
Wenn es heute um Hagenlocher geht, sind die Gefühle eher Abscheu und Unverständnis. Im Vordergrund steht nun die inzwischen bekannt gewordene Vergangenheit des Kunstfreunds als Nazi und NS-Täter. Schon früh in die NSDAP und die SS eingetreten, machte er rasch Karriere. In der Stuttgarter Gestapo-Zentrale, dem Hotel Silber, war er zuletzt für die Gegnerabwehr zuständig – und für die Verfolgung der Widerstandsgruppe Schlotterbeck; neun Mitglieder wurden hingerichtet. Nach dem Krieg wurde Hagenlocher zunächst als Hauptschuldiger eingestuft, erreichte mit mehreren Berufungen aber letztlich die Einstellung des Verfahrens. Als Kunstmanager startete er ein neues Leben, seine Vergangenheit blieb im Dunkeln.
Ans Licht holte sie ein Historiker des Hauses der Geschichte, der zum Personal des Hotels Silber recherchierte. Im Juli hatte dort ein Film des Journalisten Hermann Abmayr Premiere: Unter dem Titel „Sie kann ja nichts für ihren Vater“ dokumentierte er die Begegnung zwischen der Tochter Hagenlochers und der Tochter eines seiner Opfer. Ihr Vater sei ein glühender Nazi gewesen, sagte Erstere, seine Haltung habe sich nie groß geändert. Mit der Kunst fand er eine gute Tarnung, bis zu seinem Tod 1998.
Bürger fordern Entzug der Medaille
Seither kommt immer wieder die gleiche Frage auf: Wie konnte es sein, dass so jemand die Staufermedaille erhielt? Und warum wird sie ihm nicht posthum entzogen? Er habe Hagenlocher nicht näher gekannt, sagt Heinrich Haasis heute; sein Nachfolger als Landrat habe ihm die Ehrung wohl empfohlen. Von der Nazivergangenheit wusste Haasis nach eigenem Bekunden „überhaupt nichts“: Das sei damals kein Thema gewesen, sonst hätte er „bestimmt keinen Vorschlag gemacht“. Auch Erwin Teufel (CDU) soll über Hagenlochers Vorleben nicht im Bilde gewesen sein.
In Briefen an dessen Nachnachfolger Winfried Kretschmann (Grüne) fordern Bürger inzwischen die nachträgliche Aberkennung der Medaille. Der Ministerpräsident solle „alles in Ihrer Macht Stehende“ dafür tun, heißt es darin. Der Schritt sei „schon lange überfällig“ und „zwingend erforderlich“. Doch so einfach ist das nicht, wie eine Regierungssprecherin erläutert. Die Staufermedaille habe damals noch einen anderen Charakter gehabt: Sie sei keine staatliche Ehrung, sondern als Geschenk des Ministerpräsidenten nach dessen Ermessen vergeben worden; „eine Überprüfung der Person und ihrer Verdienste im Vorfeld fand nicht statt“. Bei Kenntnis von Hagenlochers Vorleben wäre „heutzutage eine Ehrung selbstverständlich undenkbar“.
Regierung sieht keine rechtliche Handhabe
Bei lebenden Ausgezeichneten, erklärt die Sprecherin, könnte die Medaille entzogen werden. Voraussetzung: Sie erwiesen sich als unwürdig, besonders durch eine „entehrende Straftat“ – auch nachträglich. Bei Toten jedoch sei das anders. Analog zur Praxis des Bundespräsidialamts würden Orden generell nicht posthum entzogen. Und eine Schenkung könne nach dem Tod des Beschenkten zivilrechtlich nicht widerrufen werden. Fazit: nichts zu machen.