Ob es Foxtrott, Charleston, Jazz oder vielleicht auch nur der aktuelle Wetterbericht war, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Fest steht aber, dass das, was Richard Burgel im Jahre 1924 seinen Freunden und Familienangehörigen aus der Ferne per Funkwellen ins heimische Wohnzimmer nach Backnang holte und per Kopfhörer zu Gehör brachte, nicht auf taube Ohren stieß. „Die waren Feuer und Flamme und fanden das sensationell, da wollte jeder auch so einen Empfänger haben“, erzählt Ulrich Burgel, der Enkelsohn des Backnanger Rundfunkpioniers und Firmengründers von Radio Burgel. Neben guten Ohren hatte Burgel auch den richtigen Riecher: „Mein Großvater war als junger Mann überzeugt davon, dass Rundfunk das Medium der Zukunft sein würde. Er hat sich in Abendkursen informiert und weitergebildet und angefangen, eigene Empfänger, sogenannte Detektoren, zu bauen.“ Die Gehäuse ließ er sich von einem Schreiner drechseln, die Komponenten kaufte er hinzu. Und mit dem angelernten Know-how, Schraubenzieher und Lötlampe fertigte der gelernte Maschinenbautechniker in der heimischen Werkstatt seine ersten Apparate zum Empfang von Radiosendungen und bot sie zum Verkauf. Die Geräte waren ziemlich einfach konzipiert, bestanden nur aus wenigen Bauteilen und kamen ohne Batterie oder Netzteil aus. „Es war kein Strom, sondern nur der Empfänger, ein Kopfhörer, Erdung und eine meterlange Antenne nötig – je länger, desto besser der Empfang.“
Richard Burgel gründete Firma und Museum
Immer länger wurde auch die Liste der Interessenten, und so machte sich Burgel im Alter von gerade einmal 27 Jahren selbstständig. Zunächst im Wohnhaus der Eltern, dann in einem Geschäftslokal an der Marktstraße 25 in der Backnanger Stadtmitte. „Später funktionierten die Geräte dann mit Röhren und Akkus, aber noch nicht jeder Kunde hatte Strom zuhause“, berichtet Ulrich Burgel. „Meine Großmutter zog anfangs mit dem Leiterwägele los zur Kundschaft und tauschte dort die leeren Akkus aus, um sie wieder zuhause aufzuladen.“
Die neue Technik ließen sich die Backnanger einiges kosten. „Der erste Detektor-Empfänger kostete seinerzeit 32 Reichsmark, dazu noch der Kopfhörer für 12 Reichsmark und sowie die Antenne“, sagt der Enkel des Firmengründers. „Das war in der Summe bei einem durchschnittlichen Wochenlohn von rund 70 Reichsmark netto schon ein stolzer Preis und ein recht elitäres Vergnügen.“ Erst mit der Erfindung der Dreifachröhre durch das Technikgenie Manfred von Ardenne eröffnete sich das Radiovergnügen einer breiteren Schicht, und auch die Empfangsgüte wurde dadurch deutlich besser. Später, zur Nazizeit, wurden von 1933 an Volksempfänger mit eingebautem Lautsprecher eingeführt, die viel preiswerter waren als die Vorgängermodelle und so zur Massenware wurden, „damit auch jeder die Propaganda hören konnte“, erklärt Ulrich Burgel. Mit der Erfindung der besseren und preiswerteren Röhren-Empfänger entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte auch das Burgelsche Unternehmen in Backnang zu einem prosperierenden Radio- und Elektronikfachgeschäft im Herzen der Gerberstadt, in das auch die Söhne Gustav und Richard junior einstiegen.
356 Reichsmark für den „D-Zug“
Schon früh begann die Sammelleidenschaft der Burgels. „Wenn ein Kunde sich ein neues Gerät kaufte, dann nahm mein Großvater das alte Gerät zurück und lagerte es ein“, berichtet der Enkel des Firmengründers. So kam über die Jahre eine stattliche Radiosammlung zusammen, die heute mehr als 600 Stücke zählt. Darunter Exoten wie der „D-Zug“ von Siemens-Telefunken, eine Art Baustein-Gerät mit Vor-, Mittel- und Endstufe aus dem Jahr 1924, das seinerzeit ein Vermögen von 356 Reichsmark kostete. Oder ein Edison-Diktiergerät aus dem Jahr 1912, bei dem gesprochenes Wort auf Wachswalzen gespeichert und für die Sekretärin zum Abtippen wiedergegeben werden konnte. Eine weitere Rarität: ein Stereo-Lautsprecher, den von Ardenne erfunden hat. Während sich Sohn Gustav mehr um das Geschäft mit Fernsehgeräten kümmerte, oblag den beiden Richards der Bereich Rundfunk und Schallplatten, später kamen Kleingeräte wie Föhns, Rasierer und Wasserkocher hinzu. Dann irgendwann auch Elektrogroßgeräte wie Kühlschränke, Waschmaschinen und Herde. 1967 wurden die mittlerweile drei Geschäfte in Backnang schließlich in einem großen Neubau in der Markstraße 10-12 zusammengefasst. „Zu den Firmenjubiläen hat man dann immer besondere Exponate aus der Sammlung präsentiert.“
Sammlung ist auf 600 Geräte angewachsen
Ein kleines Privatmuseum wurde schließlich im Jahre 1974 geschaffen, als in der Sulzbacher Straße ein neues Servicegebäude mit zwei Ausstellungsräumen eigens fürs Museum errichtet wurde. „Dort konnten immerhin rund 200 der mehr als 600 Geräte ausgestellt werden“, sagt Ulrich Burgel. Namensgeber war Manfred von Ardenne, mit dem sich Richard Burgel wenige Jahre zuvor angefreundet hatte. Der Rundfunkpionier und Wissenschaftler, welcher sich mittlerweile der Medizinforschung verschrieben hatte, stellte gern auch seinen Namen zur Verfügung und ergänzte das eine oder andere seltene Exponat, etwa ein Wellenmessgerät zur Ermittlung der Funkfrequenzen. So wurde 1987 das „Rundfunk-Museum Manfred von Ardenne“ daraus. Zahlreiche Berufsschulklassen und Gruppen wurden im Lauf der Jahrzehnte durch die Räume geführt. Allerdings fand die Ära von Radio Burgel und damit auch die des Museums mit der Schließung des Unternehmens im Jahr 2019 ein Ende. Und als die Räume an der Sulzbacher Straße 2022 verkauft wurden, mussten dort auch die Exponate raus. „Die ganze Großfamilie hat mitangepackt, um die Ausstellungsstücke einzulagern“, sagt Annelore Burgel. Darunter unzählige Musiktruhen aus den 50er Jahren und Transistorradios, aber auch Fernseher, Videorekorder und Diktiergeräte. Eigens mussten Räume auf dem Kaess-Areal angemietet werden, wo die Stücke in Kartons ein Schattendasein fristen.
Teile der Ausstellung suchen neuen Besitzer
„Es wäre schön, wenn wir für diese wohl einmalige Sammlung passende Ausstellungsräume finden können“, sagt Ulrich Burgel. Mit Vertretern der Stadt Backnang habe er schon Kontakt wegen einer neuen Bleibe für die Ausstellungsstücke aufgenommen, auch gebe es das Angebot, Stellflächen im Ungarndeutschen Museum in der Talstraße zu nutzen. Die seien im Grunde aber viel zu klein, sagt Burgel bedauernd. Im Technik-Forum fehle leider auch der Platz, um die Schätze dauerhaft einem interessierten Publikum zu präsentieren. Immerhin soll es in absehbarer Zeit dort eine temporäre Ausstellung zu 100 Jahren Rundfunk geben, freut sich der Senior.
Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich eine Möglichkeit findet, um wenigstens die Hälfte der 600 Exponate auszustellen. „Mein Wunsch wäre, dass sich auf dem künftigen IBA-Gelände Flächen ergeben, damit man die Ausstellung dort fortführen kann, um wenigstens die 300 besten Stücke zu präsentieren.“ Und was die 300 anderen Geräte angeht, so hofft er (und insgeheim wohl auch seine Frau Annelore), dass sich vielleicht bald ein Liebhaber oder Museumsmacher findet, der ein Faible für die Geschichte des Rundfunk hat. Wer Räume hat oder Interesse an Teilen der Ausstellung, darf ihn jederzeit auf dem Handy anfunken, Pardon: anrufen.
Kontakt zu Ulrich Burgel kann man unter der Telefonnummer 01 72 / 755 57 62 aufnehmen.