Kurz vor dem Überfall auf die Ukraine sorgte ein riesiger Marmortisch, an dem Russlands Präsident Wladimir Putin westliche Staatschefs empfing, für mediale Aufmerksamkeit. Weniger Interesse fanden indes die vier dahinter befindlichen Statuen russischer Potentaten, denen der Hobbyhistoriker Putin besondere Reverenz erweist. Eine davon ist die von Zar Nikolaus I. (1796–1855), jenem Autokraten, dem der jetzige Kremlherrscher wegen seiner antiwestlichen Haltung am meisten ähnelt.
Zar Nikolaus I., nach dem Tod seines kinderlosen Bruders Alexander I., dem Bezwinger Napoleons, im Dezember 1825 an die Macht gekommen, ist alles andere als ein aufgeklärter Herrscher. Als Zarewitsch im militärischen Geist seines Vaters Paul I. erzogen, mangelt es ihm an dem Verständnis für die Probleme seiner Zeit. Er befürwortet die Leibeigenschaft und lehnt demokratische Reformbestrebungen kategorisch ab.
Die Abschottung von Europa
Anders als andere Herrscher aus dem Hause Romanow, etwa seine Großmutter Katharina II., betrachtet Nikolaus Russland nicht als Teil Europas, sondern betreibt eine Abschottung von Europa, welches ihm als Brutstätte für staatsgefährdende Umtriebe gilt. Eine Vermutung, die sich – kaum an der Macht – zu bestätigen scheint. Am 26. Dezember 1825, zwei Tage nach Nikolaus’ Regierungsantritt, kommt es in Sankt Petersburg zu einem Aufstand junger Offiziere, die nach dem russischen Wort für Dezember als Dekabristen in die Geschichte eingingen.
Sie kritisieren staatliche Willkür und korrupte Bürokratie und fordern die Abschaffung des autokratischen Regimes. Viele von ihnen hatte der Vaterländische Krieg 1812 gegen Napoleon bis nach Paris geführt. Dieser „Westkontakt“ hatte sie mit freiheitlichen und republikanischen Ideen in Verbindung gebracht.
Argwohn und Paranoia
Nikolaus, der den Wunsch nach Reformen als unpatriotisches Verhalten auslegt, lässt die Rebellion niederschlagen, die Rädelsführer hinrichten und Hunderte Mitverschwörer nach Sibirien verbannen. Es sei seine Pflicht, „Russland und Europa diese Lektion zu erteilen“, erklärt er dem französischen Botschafter. Eine klare Drohung an den Westen, sich nicht in innerrussische Angelegenheiten einzumischen. Nikolaus’ Argwohn gegen alles Westliche hat hier seinen Ursprung und steigert sich zur Paranoia.
Der Dekabristen-Aufstand bestärkt Nikolaus I. in seiner Überzeugung, dass Russland mit eiserner Hand regiert werden müsse. Noch vor seiner Krönung beginnt er mit dem Aufbau eines staatlichen Überwachungsapparates. In seinem Auftrag gründet der Baltendeutsche Alexander von Benckendorff die Geheime Staatspolizei.
Absurde Formen
Ihr Auftrag: „Informationen über alle Geschehnisse zu sammeln und gefährliche Personen zu verhaften“. Dissidenten werden weggesperrt, verbannt oder für verrückt erklärt. Die Zensur nimmt absurde Formen an. Verboten werden nicht nur Klassiker wie Platon und Tacitus, sondern auch die Briefe seiner Großmutter Katharina an den Aufklärer Voltaire.
Als die Polen 1830/31 versuchen, sich dem russischen Einflussbereich zu entziehen, ist für Nikolaus eine rote Linie überschritten. Das Land, 1815 auf dem Wiener Kongress als Königreich Polen konstituiert und in Personalunion mit dem Russischen Kaiserreich vereinigt, strebt nach Unabhängigkeit. Mit Preußens stillschweigender Zustimmung schlägt Nikolaus den Aufstand nieder.
Puschkin als Troll des Zaren
Als in Europa daraufhin ein Sturm der Entrüstung losbricht, entfacht der Zar, den man jetzt den „Gendarmen Europas“ nennt, einen Informationskrieg gegen die westliche „Lügenpresse“. Kein Geringerer als Nationaldichter Alexander Puschkin wird zum Sprachrohr der Staatspropaganda.
Als „Troll des Zaren“ mahnt er in „Die Verleumder Russlands“ die Europäer, sich nicht einzumischen, und droht im Falle der militärischen Unterstützung Polens mit Krieg: „Mag ganz Europa uns bekriegen. Der Russe weiß, wie stets, zu siegen. Von Perm bis Taurien steh’n Millionen Männer auf, von Finnlands Felsen bis zur heißen Kolchis Strande.“
„Unanständig servil“
Puschkins nationalpatriotische Dichtung, von Teilen der russischen Intelligenzija als „opportunistisch und unanständig servil“ verworfen, befördert antieuropäische Ressentiments und dient der Diskreditierung westlicher Pressestimmen, die, so Puschkin, Russland „mit tollwütigen Lügen überfallen“.
Vor den „Lügen des Westens“ gilt es die Russen fortan zu schützen. Im Dezember 1832 legt Sergej Uwarow, Bildungsminister und Chefideologe des Zaren, einen Bericht zum Schutz der Jugend vor: „Gründliche Bildung, die in unserem Jahrhundert unabdingbar ist, sollte mit tiefer Überzeugung und warmem Glauben an die wahrhaftig russischen konservativen Grundsätze der Orthodoxie, Autokratie und Volkstümlichkeit einhergehen, die ein letzter Rettungsanker und eine sichere Voraussetzung für die Stärke und Größe unseres Vaterlands sind.“
Damit ist die zaristische Staatsideologie umrissen, die Antwort auf die Prinzipien der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der Französischen Revolution von 1789.
Es endet im Debakel
Repression nach innen und territoriale Expansion bilden die politische DNA von Nikolaus’ Machtapparat, der mit harter Hand und gestützt auf Militär, Kirche und Geheimpolizei Russland als Führungsmacht in Eurasien etablieren will.
Seine Herrschaft endet in einem militärischen Debakel: Besessen von seiner heiligen Pflicht, Gralshüter des Panslawismus zu sein, entsendet er 1853 Truppen auf den Balkan, um die dort lebenden orthodoxen slawischen Völker von der osmanischen Herrschaft zu befreien.
Doch die imperiale Mission gerät zum Desaster, weil der Krimkrieg (1853–1856), in dem Nikolaus letztlich gegen den gesamten Westen zu Felde zieht, die Schwächen des Zarenreichs schonungslos offenlegt: Die Armee krankt an schlechter Ausrüstung, Logistikproblemen und unfähigen Salonoffizieren, die ihre Soldaten bedenkenlos in den Tod schicken.
1855 stirbt Nikolaus. Er hinterlässt ein rückständiges Reich und einen verlorenen Krieg. Ob der Hobbyhistoriker Putin auch diesen Teil der Geschichte kennt?