Russischer Multimillionär Ein Ashram im Jagsttal

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Rosa Gewänder in alten Gemäuern: Der russische Multimillionär Alexander Dragilev hat eine Burg im Jagsttal in einen Ashram verwandelt.

Alexander Dragilev in seiner Burg: „Wir müssen alle überleben in dieser Welt, aber wir dürfen dabei nicht vergessen, für das große Ganze da zu sein.“ Foto: Martin Stollberg
Alexander Dragilev in seiner Burg: „Wir müssen alle überleben in dieser Welt, aber wir dürfen dabei nicht vergessen, für das große Ganze da zu sein.“ Foto: Martin Stollberg

Schwäbisch Hall - Abenddämmer im Jagsttal. Steile Treppen führen weit hinauf von der Altstadt zu einer ur­alten, scheinbar verlassenen Burganlage. Der Ruf eines Käuzchens verhallt. Das Tor steht offen. Eine schmale Steinbrücke führt über den Burggraben in einen halb verwilderten Garten. Neben einer schweren Holztür eine Tafel mit dem Namen des Burgherrn: Dragilev! So könnte eine Spukgeschichte beginnen, fehlen eigentlich nur eine Fledermaus, die vor Vollmondkulisse in den Turm huscht, dann schattenhaft eine Gestalt hinter dem Fenster. Doch welche Geschichte steckt wirklich in diesen Mauern?

Einige Tage später: der Meister betritt den Rittersaal. Er trägt ein rosa Gewand, stabile Ringe als Ohrschmuck, eine Rolex GMT Master II aus 18 Karat Gelbgold mit Keramiklünette und zweiter Zeitzonenanzeige. Die Hände und Füße des 49-Jährigen sind so zart wie die eines Jungen. Er nimmt auf einem Louis-Seize-Sofa Platz, reibt sich lange die Schläfen. Sieben Frauen und zwei Männer im Alter von 35 bis 60 sind gekommen, um ihn vom Glück erzählen zu hören. Er spricht sehr leise. Vorerst kann er aber nur sagen, dass er vergessen habe, was er sagen wollte.

Alexander Dragilev besucht seine Burg in Möckmühl, die sich auf ihre alten Tage – die Grundmauern stehen seit dem 12. Jahrhundert – noch zu einem Hindutempel mausert. Für seine Anhänger ist er Sripad Bharati Maharaj, eine erleuchtete Majestät. Er ist sehr reich, besitzt ähnlich feudale Häuser – Schlösser, umgebaute Kirchen, alte Schulen – auf der ganzen Welt. Er arbeitet nichts mehr, widmet sich allein der Liebe, der Philosophie und Schönheit. Die Burg ist ein ausgezeichneter Ort dafür.

Eine Maulwurfswelt

Es ist vedische Feierwoche. Ein Höhenwindchen weht in den erhitzten Rittersaal, draußen rascheln die Blätter eines Nussbaums, Kinder spielen auf dem steinernen Steg, wo früher die Zugbrücke war, malen mit Kreide kyrillische Buchstaben auf den Boden. Entlang der alten Wehrmauer flattern bunte Bänder wie Gebetsfahnen im Himalaja. Im Burggraben parken Autos mit schwedischen, lettischen, italienischen, ukrainischen, spanischen, englischen Kennzeichen. Am Bergfried sitzen die Gäste an Gartentischen, entspannt wie Urlauber im Grandhotel, und trinken naturtrüben Apfelsaft. Der Eingang zum Turm mit seiner drei Meter dicken Wand ist eine mittelalterliche Klimaanlage, aus der unaufhörlich Kaltluft strömt. Von hier aus gelangt man zu den Wehrgängen und Kasematten, die das Erdreich durchziehen wie eine Maulwurfswelt. Ohne Lampe herrscht da unten tiefschwarze Nacht, nur die Schießscharten sind kleine Lichtstationen.

Vom Dorf tönt die Kirchenglocke herauf in den Saal. Das Interieur des Schlosses ist vor 20 Jahren fast komplett versteigert worden. Dragilev musste einen Antiquitäten-Großeinkauf machen, um das Ganze neu einzurichten. Jetzt zieren die 40 Zimmer beeindruckende Standuhren, schwere Möbel, Teppiche, Stillleben und Porträts in Öl, die nur wenig mit der Burg zu tun haben – außer, dass auch sie alt sind. Auf einem Stich mit dem Konterfei Kaiser Wilhelms ist zu lesen: „Noch nie ward Deutschland bezwungen, wenn es einig war.“

Alexander Dragilev hat den Faden wiedergefunden: „Happiness is harmony“, sagt er. „Glück ist Harmonie“, übersetzt die Dolmetscherin. „Jeder sucht nach dem Glück, jeder für sich. Der Mensch ist nur ein Tröpfchen im großen Ozean. Doch er kann die Welle des Urstroms finden und in vollkommener Harmonie mit ihr gleiten. Das ist Glück.“ Wer auf dieser Urwoge surfen will, darf sich natürlich an nichts mehr festhalten. „Das Hauptmerkmal des Göttlichen ist seine Anziehungskraft“, sagt Dragilev. „Würde jetzt eine schöne Frau in diesen Raum treten, blieben alle Blicke und alle Aufmerksamkeit nur auf sie gerichtet. So ist auch Gott. Er will, dass man ihn ansieht, von ihm berührt wird und sich ganz hingibt.“