Russlands Langläufer unter Verdacht Was ist dran an den Doping-Vorwürfen?

Von Jochen Klingovsky 

Russlands Langläufer sind genervt vom Thema Doping, was sie auch offen zur Schau stellen. Und dennoch können sie dem Thema auch bei der Nordischen Ski Weltmeisterschaft in Seefeld nicht entfliehen.

Der zweimalige Weltmeister Sergej Ustjugow durfte 2018 wegen Dopingvorwürfen nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen. Foto: dpa
Der zweimalige Weltmeister Sergej Ustjugow durfte 2018 wegen Dopingvorwürfen nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen. Foto: dpa

Seefeld - Das Klischee lässt keine Fragen offen. Ein Langläufer, so die Vorstellung, rennt im Training stundenlang alleine durch verschneite Wälder. Kilometer für Kilometer. Wenn er mal redet, dann höchstens mit sich selbst. Sergej Ustjugow (26) entspricht diesem Bild. Seit zwei Jahren hat der erfolgreichste russische Langläufer außerhalb seiner Heimat nicht mehr öffentlich gesprochen, und als er nun vor dem Start der WM in Seefeld auf dem Podium saß, vor einem Wald aus Kameras und Aufnahmegeräten, war er vor allem eines: wortkarg. Erst recht, als es ums Thema Doping ging. „Ein Athlet ist keine geschützte Person“, sagte er nur, während er mit seinem Handy die Fragesteller filmte. Und Jelena Välbe, die Chefin der russischen Langläufer, erklärte: „Gibt es irgendeinen Beweis, dass russische Athleten gedopt haben? Russische Athleten haben nie gedopt!“

Fragwürdiger Umgang

Nichts hören, nichts wissen, wenig sagen. Auch das kann ein Umgang mit einem schwierigen Thema sein. Es ist allerdings ein ziemlich fragwürdiger.

Sergej Ustjugow war bei der WM 2017 in Lahti der stärkste Langläufer, er gewann zwei Gold- und drei Silbermedaillen. Bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang fehlte er. Das IOC hatte ihm (ohne positiven Dopingtest) einen Start unter neutraler Flagge verwehrt – mit der Begründung, Ustjugow sei in den russischen Dopingskandal verwickelt. Der Athlet und seine Präsidentin behaupteten nun in Seefeld, den Grund für die Ausladung nicht zu kennen. „Es ist ein großes Geheimnis“, meinte Ustjugow. Välbe sagte: „Wenn jemand uns belastet, dann ist das seine Sache.“ Die Verfolgungsjagd auf vermeintlich gedopte russische Athleten ist aus Sicht der Funktionärin ein Verfolgungswahn der anderen. „In den vergangenen drei Jahren habe ich mich gefühlt wie in einem Krieg, und ich war die Frontfrau“, erklärte Välbe sichtlich genervt. „Aus Respekt vor den Athleten muss dieses Buch geschlossen werden.“

Mit dem Erfolg kommt der Verdachtsmoment

Fünf Podestplätze wollen die russischen Langläufer bei der WM holen. Es wäre keine Überraschung, würden es am Ende mehr werden. Die Kehrseite der Medaille(n): Je erfolgreicher die Russen in Seefeld sind, umso lauter wird über Doping gesprochen. Erst recht, nachdem der 2014 bei den verseuchten Spielen von Sotschi überführte Österreicher Johannes Dürr neulich erklärt hat, dass Weltklasse-Leistungen im Langlauf ohne Doping nicht möglich seien. Es ist ein Generalverdacht, den Markus Cramer so nicht stehen lassen will. „Alle Zweifler“, sagte er nun, „müssten mal zu uns ins Training kommen und sehen, wie hart wir arbeiten.“

Cramer kommt aus Winterberg, er ist der Coach einer zwölfköpfigen russischen Langläufer-Gruppe um Sergej Ustjugow. Der frühere Trainer des Schweizer Star-Läufers Dario Cologna ist überzeugt, dass seine Athleten sauber sind. „Ich verstehe nicht, dass es zum Beispiel in der russischen Leichtathletik immer noch Idioten gibt, die dopen“, erklärte Cramer, „die Langläufer meiner Gruppe werden öfter kontrolliert als alle anderen. Sie verstecken sich nicht, ich bin 250 Tage im Jahr mit ihnen zusammen. Wir reden über das Thema Doping, und wir sind uns einig, dass wir uns nichts erlauben können, nicht mal einen verpassten Test. Bei uns gibt es kein Doping.“

Russische Sportler in der Glaubwürdigkeitsfalle

Cramer wirkt selbstsicher, wenn er dies sagt. Nicht naiv, nicht leichtgläubig, nicht einfältig. Klar, er muss so auftreten, will er das Glaubwürdigkeitsproblem des russischen Sports bekämpfen. Dazu passt, dass er längere Sperren für überführte Betrüger fordert. Mindestens vier Jahre. „Der Langlauf hatte in der Vergangenheit zu viele Dopingfälle“, sagte Cramer, „es ist schlecht für unsere Sportart, wenn Stars wie Therese Johaug erwischt werden.“

Egal, ob man Markus Cramer, dem deutschen Trainer in russischen Diensten, nun folgen mag oder nicht, er hebt sich zumindest wohltuend von seinem Umfeld ab – weil er beim Thema Doping nicht ablenkt, abwinkt oder abwiegelt, sondern Auskunft gibt. Anders als seine Präsidentin Välbe. Die dreimalige Staffel-Olympiasiegerin und 14-malige Weltmeisterin verabschiedete sich am Ende der russischen Pressekonferenz in Seefeld mit den Worten: „Die Wahrheit wird sich durchsetzen.“ Hoffentlich, hätte man ihr am liebsten hinterhergerufen.