Gemeinderat Rutesheim Die Angst vor Keimen ist zu groß

Mitte 2024 könnten auf dem Bosch-Areal die Bagger anrollen. Foto: Jürgen Bach

Die Stadt Rutesheim baut keine Leitung für Brauchwasser zum Bosch-Areal. Der Gemeinderat lehnt den Vorschlag wegen gesundheitlicher Bedenken und hoher Kosten ab.

Nicht durchsetzen konnte sich die CDU-Fraktion im Rutesheimer Gemeinderat mit ihrem Antrag, für das Neubaugebiet Bosch-Areal eine extra Leitung für aufbereitetes Abwasser zu bauen, das für die Toilettenspülungen genutzt werden kann. Schon bei den Haushaltsreden im Januar hatten die Stadträte auf ein solches Projekt gedrungen und in der Nutzung von geklärtem und entkeimtem Abwasser aus der Kläranlage ein „großes Potenzial“ gesehen. Die Räte der GABL unterstützten diesen Vorschlag und auch die UBR sprach sich für „Varianten der Toilettenspülung mit Regenwasser und aufbereitetem Klärwasser“ aus. Zur Beratung in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats hat die Verwaltung allerdings zahlreiche Gründe vorgelegt, warum dieses Vorhaben nicht realisiert werden soll und konnte sich damit schließlich durchsetzen.

 

Alle sind sich einig, dass Wasser ein ebenso kostbares wie zunehmend knappes Gut ist, das es zu schützen gilt. „Anders als beim Strom liegt die Verantwortung beim Wasser bei uns“, betonte Ralph Lange (CDU) bei der Begründung für die Notwendigkeit, Trinkwasser teilweise durch sogenanntes Brauchwasser aus der Kläranlage zu ersetzen. Die Idee, bei der Erschließung des Bosch-Areal eine zweite Leitung mitzubauen für die Nutzung von Brauchwasser für die Toilettenspülungen, sollte die Stadt daher prüfen.

Hohe Investitionskosten

Das Ergebnis dieser Prüfungen legte die Verwaltung jetzt vor. Rund 500 000 Kubikmeter Trinkwasser wird in Rutesheim pro Jahr verbraucht. Durch den Betrieb der Toilettenspülungen mit aufbereitetem Abwasser würden bei rund 500 Bewohnern im Neubaugebiet rund 6205 Kubikmeter Trinkwasser eingespart, was 1,2 Prozent des Gesamtverbrauchs entspreche. Dem stehen allerdings hohe Investitionskosten der Stadt von rund 800 000 Euro gegenüber. Darin enthalten ist die Verlegung der Leitungen von der Kläranlage bis zum Baugebiet, ein Brauchwasserspeicher und ein Pumpenhaus im Bosch-Areal sowie Leitungen und Pumpentechnik innerhalb der Kläranlage. Es stelle sich die – auch rechtlich – schwierige Frage der Kostenverteilung für ein solches Projekt und in der Folge der Gebührenberechnung. Laut den Berechnungen der Verwaltung wird das Brauchwasser mit rund 7,50 Euro pro Kubikmeter deutlich teurer sein als Trinkwasser (2,20 Euro). Ein Vier-Personen-Haushalt hätte dadurch rechnerisch Mehrkosten von rund 370 Euro pro Jahr.

Das „Killerkriterium“ sah Ulrich Schenk (UBR) schließlich in der Stellungnahme des Gesundheitsamts des Landkreises. Die Brauchwassernutzung sei eine gute Sache, sagte er, „und wir haben uns ja im Technischen Ausschuss dafür entscheiden, dass man die Leitung baut.“ Aber was ist, wenn da Keime drin sind, fragte er. Schließlich trage die Stadt dann die Verantwortung. Bedenken äußerte auch Wolfgang Diehm (BWV). „Die Argumente Gesundheit und rechtliche Probleme liegen uns im Magen“, sagte er.

In seiner Stellungnahme ließ das Gesundheitsamt die Stadt Rutesheim wissen, Wasser aus Kläranlagen könne für die geplante Nutzung nur vorgesehen werden, „wenn es frei von Krankheitserregern ist und somit eine Gefährdung der menschlichen Gesundheit nicht zu besorgen ist.“ Sowohl bei Toilettenspülungen als auch beim Bewässern vom Sportplatz könnten über Aerosole Krankheitserreger freigesetzt werden. „Das Gesundheitsamt kann der Nutzung des Kläranlagenwassers nach entsprechender Aufbereitung und Desinfektion also nur dann zustimmen, wenn der Betreiber zu jedem Zeitpunkt nachweisen kann, dass im Wasser keine Krankheitserreger vorhanden sind“, so der Kernsatz der Stellungnahme.

Priorität bezahlbarer Wohnraum

Auf einen weiteren Aspekt wies die Bürgermeisterin Susanne Widmaier hin. „Wir haben die Sorge, dass wir Schwierigkeiten haben, Bauträger zu finden. Wir wollen ja geförderten Wohnraum schaffen“, betonte sie mit Blick auf die zusätzlich entstehenden Kosten. Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum im Bosch-Areal hat auch für Tommy Scheeff (SPD) neben den gesundheitlichen Aspekten Priorität.

Alexander Vetter (CDU) zeigte sich enttäuscht von der „Kehrtwendung“, die er „in keinster Weise nachvollziehen“ könne. Es gehe jetzt um eine strategische Entscheidung für die Zukunft, wenn es in fünf Jahren die vierte Reinigungsstufe in der Kläranlage gebe. Doch schließlich stimmte die Gemeinderatsmehrheit für den Verwaltungsvorschlag, die Brauchwasserleitung nicht zu bauen. CDU und GABL votierten mit Nein und damit indirekt für den Bau.

Das Thema alternative Wassernutzung ist damit aber nicht vom Tisch. Die Stadt will den Bau von Regenwasser-Zisternen fördern und Möglichkeiten suchen, aufbereitetes Abwasser nach Installation einer vierten Reinigungsstufe zu verwenden. Fritz Schlicher (GABL) erhielt Zustimmung für seinen Antrag, die quartiersweise Aufbereitung von Grauwasser im Bosch-Areal zu prüfen.

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