S-Bahn-Debakel „Stammgäste sollten eine Entschädigung bekommen“

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Der Landesvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), Matthias Lieb, wirft der Bahn Fehler bei Einführung der neuen S-Bahnen vom Typ ET 430 vor. So hätte das Verkehrsunternehmen etwa die Züge nicht auf der Stammstrecke einführen dürfen.

Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) Foto: Archiv
Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) Foto: Archiv

Stuttgart - Matthias Lieb sieht das Image der S-Bahn durch das Debakel mit den ET 430 stark beschädigt.


Herr Lieb, die Bahn zieht die ET 430 vorerst aus dem Verkehr. Sind Sie überrascht?
Ja, diese Fahrzeuge wurden ja in einem mehrwöchigen Prozess bei der DB abgenommen. Dabei hätte man überprüfen müssen, ob sie verlässlich sind. Natürlich gibt es dann immer noch Kinderkrankheiten, aber doch nicht so gravierende.

Was hat die Bahn falsch gemacht?
Das Problem ist, dass man die Fahrzeuge auf der längsten Linie, der S 1, einführt, wo die größten Kollateralschäden entstehen. Sicher, die Werkstatt ist in Plochingen, deshalb kann man auf der Linie bei Störungen am schnellsten reagieren. Aber auf dieser Linie gibt es in Böblingen und Herrenberg sehr kurze Anschlüsse zu Regionalbahnen, die regelmäßig verloren gegangen sind.

Welche Strecke hätte man wählen sollen?
Die Verdichterlinie von Esslingen zur Schwabstraße, da sind bei Problemen nicht so viele Fahrgäste betroffen.

Ein Problem sind die Schiebetritte.
Dass bei der vorherigen Abnahme der Fahrzeuge keine Fahrgäste auf die Trittstufen getreten sind, und diese sich jetzt anders verhalten als erwartet, hätte man vorher merken müssen. Man hätte simulieren können, wie das ist, wenn 20 Leute an einer Tür in einen Wagen einsteigen wollen.

Können die Probleme behoben werden?
Eigentlich ja. Aber man kann sich natürlich fragen, warum Frankfurt die gleichen Triebwagen gekauft hat, aber auf die Schiebetritte verzichtet hat?

Wo hapert’s im Netz?
Man hat im Stresstest schon festgestellt, dass die Innenstadtstrecke an ihre Grenzen kommt, wenn auf den Außenästen mehr Verknüpfungen dazukommen. Das ist durch neue Anschlüsse in Böblingen und Backnang der Fall. Da ist es problematisch, noch mehr Verzögerungen zuzulassen. Vielleicht hätte man auf der Innenstadtstrecke das Ausfahren der Trittstufen so lange weglassen sollen, bis alles andere funktioniert.

Was ist noch kritisch an den ET 430?
Bei den alten 420ern gibt es eine zentrale Türschließung. Bei den 423ern und 430ern geht die Tür wieder auf, wenn ein Widerstand erkannt wird. Der Lokführer kann die Türen nicht mehr zentral steuern und fährt Verspätungen ein.

Was lässt sich verbessern?
Durch eine neuere Signaltechnik könnte man noch ein paar Sekunden rauskitzeln. Und der Regionalverband will längere Züge fahren lassen. Wenn man dreiteilig fährt, können sich die Fahrgäste besser verteilen, das Ein- und Aussteigen geht schneller.

Wie sehr hat das Image der S-Bahn gelitten?
Stark. Man muss rasch wieder Pünktlichkeit herstellen. Die Stammkunden sollten eine Entschädigung erhalten, wenn die Bahn die vereinbarten Ziele nicht erreicht.




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